Blick vom Meersburger Hafen hinauf zum Staatsweingut. Die Treppe ist lang.

Um das Staatsweingut Meersburg kommt man nicht herum, wenn es um den Bodenseewein geht. Aus dem traditionsreichen Hause heraus werden schließlich 63 Hektar Rebfläche bewirtschaftet und der Direktor Dr. Jürgen Dietrich zählt zu den Strippenziehern in der Region. Er führt das Weingut seit dem Jahr 2002, ist nebenher Vorsitzender des Bodenseeweinvereins und damit auch maßgeblich an der Ausrichtung des Internationalen Müller-Thurgau-Preises beteiligt.

Das Gebäude des Staatsweingutes in Meersburg, in dem er mich empfängt, thront majestätisch über dem See, stammt ursprünglich aus dem Besitz der Konstanzer Fürstbischöfe und bildet mit dem dem alten und neuen Schloss die unverwechselbare Kulisse des Ortes.


In den Jahren um seinen Amtsantritt fand in vielen Weingütern am See ein Generationenwechsel statt, seither hat auch Dietrich einiges bewegt. Nach dem von Restsüße dominierten Weinstil der 60er und 70er Jahre hatte Dietrichs Vorgänger eine Kehrtwende eingeleitet. „Trocken“ hieß das Zauberwort, denn die Weintrinker hatten sich, beeinflusst von trockenen italienischen und französischen Importweinen, vom deutschen Wein abgewendet. Diese Politik des Knochentrockenen seines Vorgängers führte für das Staatsweingut nicht zum Erfolg: „International trockene Weine mit acht Gramm Säure“, so Dietrich, „waren nur für eine Minderheit attraktiv“. Zwar wird inzwischen auf die nachträgliche Aufsüßung der Weine mit Traubenmost verzichtet, doch eine dienende Restsüße, welche die Fruchtigkeit betont, ist inzwischen wieder üblich.

Dietrich trennte sich vom Prädikatssystem und führte stattdessen ein interne Qualitätspyramide ein, das sich in drei Stufen gliedert: Die Gutsweine sind aus einer bestimmten Rebsorte bereitet, die Trauben stammen aus eigenen Weinbergen. Die Lagenweine hingegen sind ertragsreduziert, handgelesen und stammen aus einer Weinbergslage, die intensiv gepflegt wird. Bei den Premiumweine (3 Sterne) sind die Erträge noch weiter reduziert. Die Trauben stammen aus den besten Parzellen innerhalb der Lagen und werden handgelesen. Holzfassausbau, späte Füllung und ein besonders hoher sensorischer Standard sind obligatorisch. Die Weißweine werden kühl vergoren, die Rotweine sind ab den Lagenweinen maischevergoren und im Holzfass unterschiedlich lange ausgebaut. Maischeerhitzung wird bei den Guts- und Lagenrotweinen angewendet. Alle Weine werden mit Zuchthefen vergoren.

Freundlicher Strippenzieher an den Gestaden des Bodensees: Dr. Jürgen Dietrich, Direktor Staatsweingut Meersburg

Dietrichs Maßnahmen haben inzwischen Erfolg. Lagen bei seinem Amtsantritt noch zweieinhalb Ernten im Keller, muss für die Schoppenweinlinie, die unter dem Label Staatsweinkeller Meersburg firmiert, inzwischen Traubengut zugekauft werden. Weitere Maßnahmen waren die Intensivierung der Weinbergsarbeit, eine behutsame Modernisierung der Etiketten und die Vereinheitlichung der Handelsstrukturen und Preislisten. „Inzwischen resultiert unser Umsatz zu 50 Prozent aus dem Direktverkauf, 40 Prozent bringt der Fachhandel und etwa 10 Prozent die Gastronomie“, fügt Dietrich hinzu.

Was liegt dem studierten Geisenheimer, der vor seinem Amtsantritt beim Bürgerspital und beim Herzog von Württemberg in verantwortlicher Stelle tätig war, eigentlich am Herzen? Er verweist auf den Bodenseeverein, der 2003 in seiner Amtszeit gegründet wurde. „Ziel ist es, den Besuchern am Bodensee den Wein und die Landschaft näher zu bringen. Außerdem wollen wir den fachlichen Austausch und den Kontakt der Winzer untereinander  fördern.“ Mit der Bodensee-Weinmesse und dem Internationalen Müller-Thurgau-Preis gibt es inzwischen zwei Veranstaltungen, die über Bereichs- und Ländergrenzen hinweg Interessenten anziehen, denn Wein wird natürlich auch in den österreichischen und Schweizer Gemeinden rund um den See angebaut. „Es gibt auch konkrete Pläne für ein Weintourismus-Projekt, das über die nationalen Grenzen hinweg funktionieren soll,“ so Dietrich, „allerdings sind unsere Winzer da schon etwas weiter, als die Touristiker.“

Für den Weinbau am See sind zwei Rebsorten paradigmatisch, der Spätburgunder und der Müller-Thurgau. Aus ersterem werden Rotwein und Weißherbst bereitet, letzterer bringt einen duftig-frischen Weißwein hervor, der langsam aus seinem Dornröschenschlaf erwacht, in den ihn der deutsche Nachkriegsdurst nach preiswertem Zechwein verbannt hatte. Gerne wird der Müller hier auch Seemüller genannt. Wie sieht Dietrichs idealer Seemüller aus? „Schlank, elegant, rieslingartig, mit den Aromen eines grünen, aber nicht unreifen Apfels“, antwortet er nach kurzem Nachdenken. Das Blumig-Duftige fehlt in dieser Charakterisierung, denn der Weinstil, den nicht nur Dietrich hier am See verfolgt, zielt eher auf die frisch-fruchtige Art. Niemand will sich mehr vorwerfen lassen, er bereite ein zwar duftiges, aber schlaffes, weil säurearmes Weinchen. Prinzipiell finde ich die Stoßrichtung natürlich gut, aber in der besten aller Weinwelten dürfte der Seemüller für mich eben auch florale Noten haben.

Nachdem Herr Dietrich sich nach freundlichem Abschied in seinem Büro mit sensationellem Seeblick wieder seinen vielfältigen Aufgaben widmet, kann ich endlich zur Verkostung schreiten. Im modernisierten ehemaligen fürstbischöflichen Reithof findet sich der Verkauf des Staatsweingutes, und gut ausgebildetes Personal reicht mir ein Probierglas nach dem anderen heran:

2010 Meersburger Bengel, Müller Thurgau, Qualitätswein feinherb, (Lagenwein), Staatsweingut Meersburg

Helle, klare, grüngelbe Farbe. Mittlere Viskosität. Deutliches, komplexes Bukett. In der Nase zunächst fruchtsüße, reife gelbe und weiße Früchte. Noten von Pfirsich, Banane, getrockneten Aprikosen, im Hintergrund sehr fein Aromen von Orange und Zitrone. Am Gaumen fein spürbare Säure, bei leichtem Körper und mittlerer Länge. Der Wein ist nicht trocken, das Süß-Säurespiel ist harmonisch. Dieser Wein gewann den ersten Platz in der Kategorie IV des Internationalen Müller‐Thurgau‐Preises 2011 für liebliche Weine des Jahrgangs 2010.

2010, Meersburger Lerchenberg, Müller-Thurgau, Qualitätswein trocken, (Lagenwein), Staatsweingut Meersburg

Helle, klare, grüngelbe Farbe. In der Nase ein deutliches, dezent komplexes Bukett. Im Vordergrund Anklänge gelber, reifer Frucht (Birne, Apfel), im Hintergrund zitrische Noten (Limone). Am Gaumen deutsch trocken, bei leicht spürbarer Säure, leichtem bis mittlerem Körper und etwas mehr als mittlerer Länge. Insgesamt ein typischer, blumig-eleganter Müller-Thurgau vom Bodensee. Ideal zu gedünstetem oder gebratenem Süßwasserfisch.

2010, Müller-Thurgau, Qualitätswein trocken, (Gutswein), Staatsweingut Meersburg

Helle, klare, grüngelbe Farbe. Deutliches, einfach strukturiertes Bukett. In der Nase zitrisches Noten und Aromen, die an frischen, grünen Apfel erinnern. Am Gaumen deutsch trocken. Leicht spürbare Säure, leichter Körper, höchstens mittlere Länge. Insgesamt ein einfacher, erfrischender Müller-Thurgau.

2010, Spätburgunder Weißherbst, Qualitätswein trocken, (Gutswein), Staatsweingut Meersburg

Helles, klares Lachrosa. Ausreichend deutliches, wenig komplexes Bukett. In der Nase dropsige Noten und Erdbeere. Am Gaumen trocken, deutlich spürbare Säure bei leichtem Körper und höchstens mittlerer Länge. Insgesamt ein leichter, einfacher Weißherbst. Erfrischend, aber kaum strukturiert oder komplex.

2008, Meersburger Bengel, Spätburgunder, Qualitätswein trocken, (Lagenwein), Staatsweingut Meersburg

Helles, transparentes Kirschrot. Dezentes, eher einfach strukturiertes Bukett. In der Nase helle, rote Beeren (Erdbeere) und Steinobst (Kirsche). Am Gaumen trocken, bei wenig, feinem Gerbstoff. Ganz leichte Bitternoten und leicht wärmender Alkohol auf der Zunge. Kaum spürbare Säure, bei schlankem Körper und mittlerem Nachhall. Insgesamt wirkt der Wein in sich unruhig und nicht ganz harmonisch.

2008, Meersburger Rieschen Spätburgunder Qualitätswein trocken, (Lagenwein), Staatsweingut Meersburg

Helles, transparentes und klares Kirschrot. Das Bukett ist deutlich und komplex. In der Nase Noten von Erdbeere, Kirsche und Humus, dazu dezente Anklänge an Johannisbeere und Gewürze. Am Gaumen deutsch trocken bei feinem, aber festen Gerbstoff. Die Säure ist leicht spürbar bei schlankem, aber wohlausgebildetem Körper. Etwas mehr als mittlere Länge. Typischer Bodenseespätburgunder. Die vorzügliche Lage spiegelt sich in einer vielschichtigen Aromatik wider, die man bei deutschen Spätburgunder-Weinen dieser Preisklasse eher selten findet.

 

Fazit:

Insgesamt überzeugen die verkosteten Weine durchweg und bieten etwas fürs Geld. Die Gutsweine sind ordentlich, die Lagenweine gut. Herauszuheben sind der 2008er Meersburger Rieschen Spätburgunder, dessen Bukettkomplexität und typische Art überzeugte. Ebenso der feinherbe Meersburger Bengel Müller-Thurgau, in dessen Aromenvielfalt etwas von der Blumenduftigkeit mitschwingt, welche die trockenen Müller eben nicht (mehr oder noch nicht) haben. Ein großes Weingut also, das auch gut ist.