Winzerverein Hagnau – seine Geschichte

Der Winzerverein Hagnau ist die älteste Winzergenossenschaft Badens. Im Jahr 1881 gründete der örtliche Pfarrer Dr. Heinrich Hansjakob die Genossenschaft zu einer Zeit, als sich der Weinbau am Bodensee in einer Krise befand. Inzwischen bewirtschaften rund 60 Winzerfamilien etwa 150 Hektar Rebfläche, und der Verein produziert eine Vielzahl von Etiketten. Neben jeweils etwa 40 Prozent Müller-Thurgau und Spätburgunder finden sich noch Grauburgunder, Weißburgunder, Bacchus, Kerner und Regent im Sortenspiegel. Im Juli vergangenen Jahres verließ der langjährige Kellermeister Herbert Senft das Haus, sein Ruf am See war Legende, er brennt nun lieber Schnaps und Whisky. Thronfolger ist Jochen Sahler (37), der zuvor in gleicher Position bei der Durbacher Winzergenossenschaft in der Ortenau gearbeitet hatte.

Jochen Sahler – der neue Kellermeister

Schaut freundlich und ist freundlich: Hagnaus Kellermeister Jochen Sahler

Jochen Sahler kommt vom See, er ist in Überlingen geboren. Nach seiner Ausbildung beim Weingut Markgraf von Baden unter eben jenem Herbert Senft, sammelte er Erfahrungen im amerikanischen Napa Valley und Sonoma Valley. Dann wechselte er nach Durbach. Welche Erfahrungen hat Sahler in den USA gemacht? Letztlich sei die Arbeitsweise gleich, meint Sahler. Die Mostgewichte seien höher, die Tendenz den Wein ins Barrique zu legen sei größer und insgesamt habe man dort natürlich mehr Platz für die Betriebsgebäude und Kelleranlagen. Der wesentliche Unterschied sei jedoch die Einstellung zum Leben und zur Arbeit.

Mit seinem Auslandsaufenthalt steht Sahler nicht allein. Inzwischen gehört es in der Riege junger, erfolgreicher deutscher Weinmacher durchaus zum guten Ton über den Tellerrand hinauszublicken. Vielleicht kommt ihm deshalb das Schlagwort Cool Climate so einfach über die Lippen, wenn er über den Wein am Bodensee spricht.

Geburtshilfe für Cool-Climate-Weine

„Wir Kellermeister sind Geburtshelfer“, meint Sahler. Der Vergleich ist gut gemeint, aber er hinkt. Im Gespräch über Maischeerhitzung, Maischegärung, verschiedene Zuchthefen und Entsäuerungsmethoden wird schnell klar, dass ein Kellermeister wie Sahler viele Entscheidungen treffen muss, die Gestalt und Wesen des „Kindes“ grundsätzlich beeinflussen. Dass ihm dabei Grenzen gesetzt sind, hat er in Durbach erfahren: „Ich wollte dort immer einen Müller-Thurgau machen, der wenigstens so ähnlich wie hier am See schmeckt, aber das hat nicht geklappt.“ Zu unterschiedlich sind Böden und Reifebedingungen für die Reben. „Wir ernten hier in Hagnau etwa zum gleichen Zeitpunkt wie in Durbach, aber die Reifeperiode ist etwa zwei Wochen kürzer.“ Das hat Vor- und Nachteile. Die Rotweine sind jugendlich-fruchtiger, verfügen aber bisweilen über weniger Tiefe als in der Ortenau. Die Weißweine behalten auch aufgrund der Höhenlage des Sees eine erfrischende Säure und moderate Akoholgrade. „Deshalb können wir hier die Cool-Climate-Weine anbieten, deren Leichtigkeit unsere Kunden lieben“, fügt er hinzu.

Blick aus den Weinbergen auf Hagnau am Bodensee

 

Wie sieht denn nun sein Idealbild eines „Seemüllers“ aus? „Er hat eine hellgelbe Farbe mit leicht grünlichen Reflexen, ist leicht und frisch. Die Aromatik bewegt sich zwischen grünem Apfel, reifer Birne und Stachelbeere. Hinzu kommt ein typischer Muskatton.“ Diese Typizität findet sich in den Basisweinen des Sortimentes. Eine etwas cremigere und fülligere Variante strebt er mit dem Müller-Thurgau-„Edition“ an, gestützt von niedrigeren Erträgen und einem längeren Hefelager. Für die Zukunft plant er, die Qualität der Weine weiter zu steigern, besonders der Anteil der maischevergorenen Rotweine an der Gesamtproduktion soll erhöht werden.

Verkostnotizen von Jan Potthast

  • 2010, Hagnauer Sonnenufer, Müller-Thurgau, Qualitätswein trocken, Winzerverein Hagnau

Helles Strohgelb mit grünlichen Reflexen. In der Nase frisch. Zitrische Noten, etwas Apfel und deutlicher Muskatton. Am Gaumen deutsch trocken bei spürbarer Säure, leichtem Körper und mittlerer Länge. Sahlers Lieblingswein von den hier verkosteten Müller-Thurgau-Weinen.

  • 2010, „Spargel“, Hagnauer Burgstall, Müller-Thurgau, Qualitätswein trocken, Winzerverein Hagnau

Helles Strohgelb mit grünlichen Reflexen. In der Nase frisch. Zu den zitrischen Noten (Limone) kommt etwas Apfel hinzu. Die Frucht ist etwas deutlicher als beim „Sonnenufer“. Am Gaumen deutsch trocken bei spürbarer Säure, leichtem Körper und mittlerer Länge. Er wirkt etwas milder als der „Sonnenufer“.

  • 2010, „Felchen“, Hagnauer Burgstall, Müller-Thurgau, Qualitätswein trocken, Winzerverein Hagnau

Helles Strohgelb mit grünlichen Reflexen. In der Nase frisch. Zunächst Gelb- und Weißfruchtiges (Banane, Melone), dass dann Zitrischem und grünem Apfel weicht. Insgesamt etwas reifere Frucht. Am Gaumen deutsch trocken bei deutlich spürbarer Säure, leichtem Körper und mittlerer Länge.

Dieser Wein errang beim Internationalen Müller-Thurgau Preis 2011 den zweiten Platz in der Kategorie I (trocken < 12,0%vol).

  • 2010, Hagnauer Burgstall, Rivaner (Müller-Thurgau), Qualitätswein trocken, Winzerverein Hagnau

Helles Strohgelb mit grünlichen Reflexen. Frische Noten von Gelbfruchtigem (Quitte, Birne), im Hintergrund Zitrisches. Am Gaumen deutsch trocken bei deutlich spürbarer Säure, leichtem Körper und mittlerer Länge.

  • 2008, Hagnauer Burgstall, Spätburgunder Rotwein, Qualitätswein trocken (maischevergoren), Winzerverein Hagnau

Helles, klares Rubinrot. Hohe Viskosität. Dezentes, aber komplexes Bukett, das zwischen Frische und Reife balanciert. In der Nase Noten von Erdbeere, roter Johannisbeere, dazu feinste Kräuternoten (Minze) und Animalisches. Am Gaumen deutsch trocken bei kaum spürbarer Säure, schlankem, aber wohlgebildeten Körper und mittlerer Länge. Kaum spürbarer Gerbstoff. Die Nase wirkt komplexer als der Gaumeneindruck. Leicht wärmender Abgang.

  • 2009, „Edition“ Hagnauer Burgstall, Pinot Noir, Qualitätswein trocken, im großen Eichenfass gereift (& aus Selektionsanlagen) Winzerverein Hagnau

Dunkles, klares Rubinrot. Hohe Viskosität. Dezentes, komplexes Bukett. Kühler, waldfruchtiger Ersteindruck, dann offenbart die Nase Noten von Sauerkirsch und dunkler Johannisbeere. Hinzu kommen zarteste Noten von Gewürzen und Humus. Am Gaumen deutsch trocken bei saftig-angenehmer Säure. Präsenter, feiner und reifer Gerbstoff. Voller Körper und etwas mehr als mittlere Länge. Insgesamt ein stoffiger, ansatzweise komplexer Rotwein, der durchaus noch Potential für etwas Kellerreife besitzt. Obwohl ein 2009er hat Sahler die finale Cuveetierung bei diesem Wein vorgenommen.

Fazit:

Die Genossen aus Hagnau bieten bei den verkosteten Weißweinen, die alle um die fünf Euro kosten, sehr solide Qualitäten. Frisch und fruchtbetont vinifiziert eignen sie sich für viele Gelegenheiten. Für die beiden Spätburgunder muss man etwas tiefer in die Tasche greifen, dafür erwarten einen dann regionaltypische Spätburgunderweine, die ohne knallige Frucht, aber mit dezenter Eleganz aufwarten.