Der Zufall wollte es, dass ich mich wenige Tage vor der Veröffentlichung der Siegerweine des diesjährigen Internationalen Müller-Thurgau-Preises mit dem Bloggerkollegen Michael Liebert zusammensetzte, der als Italienexperte gemäß im schwarzen Alfa anreiste. Anlass für unser Treffen: Eine Blindprobe mit drei Müller-Thurgau-Weinen, von denen ich schließlich zwei ein paar Tage später auf der Siegerliste des Müller-Thurgau-Preises wiederfand.

Die Müller-Thurgau-Preisträger 2011 wurden diesmal in Schloss Salem, nicht in Meersburg geehrt.

Inzwischen sind ein paar Tage vergangen und es ist Zeit, die Verkostnotizen mit den Siegerlisten abzugleichen. Ich spreche hier nur für mich, denn der Kollege ist wie üblich stark beschäftigt auf Reisen durch die Weinwelt.

Der erste Wein war:

2010, Tauberzeller Hasennestle, (Linie) Damaszenerstahl, Müller-Thurgau, dt. Qualitätswein trocken, Winzerhof Stahl, Franken:

Helles, klares Grüngelb. Hohe Viskosität. Das Bukett eher üppig und komplex. In der Nase im Vordergrund reife, süßliche gelbe und weiße Frucht (Apfel, Birne, Quitte), im Hintergrund auch Zitrisches und kräutrige Elemente. Am Gaumen trocken, bei spürbarer, vielleicht sogar etwas spitzer, bleibender Säure. Leichte Bitternoten und ganz fein wärmender Alkohol im Abgang. Schlanker, aber wohlgeformter Körper. Etwas mehr als mittlere Länge.

Dieser Wein errang Platz 6 in der Kategorie II (Weine mit mehr als 12 vol. %).

Der zweite Wein:

2010, Meersburger Lerchenberg, Müller-Thurgau, dt. Qualitätswein trocken, Staatsweingut  Meersburg, Baden:

Helles, klares Grüngelb. Mittlere Viskosität. Feines, ordentlich komplexes Bukett. In Nase herbe, frische Frucht. Noten von grünem Apfel, Limette, Grapefruit. Am Gaumen trocken, bei spürbarer Säure, schlankem Körper und mittlerer Länge.

Der dritte Wein:

2010, Nacker Müller Thurgau, dt. Qualitätswein trocken, Weingut Clauß, Baden

Helles, klares Grüngelb. Mittlere Viskosität. Das Bukett balanciert zwischen reif-süßlicher und frischer Frucht, ordentlich deutlich und ordentlich komplex. Noten von Aprikose, reifem Apfel und Melone. Am Gaumen trocken, bei spürbarer, aber im Charakter milder Säure. Bei einem Schluck Bitternoten, beim nächsten wieder nicht. Schlanker Körper, mittlere Länge.

Dieser Wein belegte in unterschiedlichen Abfüllungen (0,5l und 0,75l Flasche) Platz drei und vier in der gleichen Kategorie II wie der Wein vom Weingut Stahl.

Fazit:

Bei unserer Probe haben wir natürlich Äpfel mit Birnen verglichen, denn der Meersburger Lerchenberg hat nur etwa 11,5 vol. % und wäre in die Kategorie I (< 12 vol. %) aufgenommen worden, während der Clauß-Wein 12,5 und der vom Weingut Stahl satte 13 aufweisen. Der Stahl-Wein wirkte letztlich unrund: Die zugegeben komplexe, reife Aromatik auf der einen Seite, die Säure auf der anderen, dazu die Bitternoten und der hohe Alkohol. Manche nennen es vielleicht Charakter, mir war er zu unausgewogen.

Der Clauß-Wein balancierte zwischen den beiden anderen. Etwas mehr Fruchteindruck als der Meersburger, ohne dabei in die Extraktfalle des Stahlschen Weines zu tappen. Wenn da nicht die Bitternoten gewesen wären, die zwar nicht durchweg, aber doch ab und an schmeckbar waren, wäre er mein Favorit gewesen. Seine Platzierung in der Siegerliste vor dem Tauberzeller Hasennestle ist jedenfalls aus meiner Sicht gerechtfertigt.

Am in sich geschlossensten präsentiert sich der Meersburger Lerchenberg vom Staatsweingut. Seine Aromatik entwickelt zwar nicht den Druck der anderen, doch er überzeugt mit Leichtigkeit und Frische, ohne zuviel Alkohol und ohne Bitteres. Ein echter Seemüller eben, für die Terrasse ebenso geeignet wie als Begleiter für ein feines Felchen aus dem Bodensee.

Den Kollegen Michael Liebert konnte keiner der drei Weine wirklich überzeugen, dennoch verabschiedeten wir uns freundlich. Er stieg in seinen Alfa und… brauste eben nicht davon, denn der Wagen sprang nicht an. Die flugs organisierte Starthilfe per Kabel klappte nicht, also bemühten wir menschliche Muskelkraft und dann durfte er endlich brausen, der Michael im Alfa.