Eine ungewöhnliche Erzeugerabfüllung

Im Jahr 2001 trat Thomas Kress aus dem Hagnauer Winzerverein aus. Seither bewirtschaftet er 7,2 Hektar in den Hagnauer Weinbergen in eigener Regie. Er baut den Wein aus und verkauft ihn dann als Fasswein an seine Frau Kristin, die ihn abfüllt. Eine etwas ungewöhnliche Konstruktion, die dazu führt, dass auf den Flaschenetiketten stets nur Frau Kress Name als Abfüller(in) vermerkt ist. Diese Arbeitsteilung hat wirtschaftliche Gründe und offenbar Vorteile, auch wenn sie einen uneingeweihten Weinfreund verwirren kann. Der hatte ja nun mühsam gelernt hat, dass die Trauben für einen Wein, auf dem nur ein Abfüller genannt ist, vermutlich aus verschiedenen Herkünften stammen.

Füllt ab, verkauft und kann herrlich lächeln: Kristin Kress

Doch genau das Gegenteil ist hier der Fall. Thomas Kress kennt jeden Rebstock seiner Anlagen und weiß genau, an welcher Stelle welche Sorte am besten gedeiht. Neben dem Lokalmatadoren Müller-Thurgau hat er bei den weißen Sorten noch Auxerrois sowie Grau- und Weißburgunder gepflanzt. Rosé und Rotwein bereitet er aus Spätburgunder. Die Sorgfalt, die er im Weinberg walten lässt, zeigt sich auch bei der Weinbereitung. Jede weiße Sorte wird in vier verschiedenen Tanks ausgebaut, die jeweils Most aus einer bestimmten Parzelle enthalten und individuell behandelt werden. „Der eine braucht eine tiefere Gärtemperatur, der andere ein längeres Hefelager“, fügt er erklärend hinzu. In der Flasche finden die vier Partien dann wieder zueinander und ergeben dann aufgrund der speziellen Behandlung eben mehr als nur die Summe der einzelnen.

Seemüller und Sortencharakter

Natürlich ist der Familie Kress eine regionale Typizität ihrer Weine wichtig, darauf verweist schon der Weingutsname Seegut Kress, doch noch wichtiger ist Thomas Kress der Sortencharakter seiner Weine. So verwendet er neutral vergärende Hefen, die den Charakter der Sorten nicht verfälschen sollen, so wie das „südamerikanische Fruchtbombehefen“ tun würden. Auf die Erwähnung der Lage – alle Weine entstammen dem Hagnauer Burgstall – verzichtet er, auch weil er Verwechslungen mit den Weinen des örtlichen Winzervereins ausschließen will. Sein idealer Seemüller? „Er hat eine zarte Fruchtigkeit und besticht durch filigrane Eigenschaften, die er durch die Höhe des Sees und die Böden hier bekommt. Er ist eben nicht mehr das Maul voll Wein wie noch vor 30 Jahren, der nach eingeschlafenen Füßen schmeckt.“ Mit diesem Plädoyer für Frische und Leichtigkeit ist Thomas Kress hier am See nicht alleine. Das Florale und Muskatwürzige, das einst die Müller der Nachkriegszeit prägte, ist definitiv out. Ich persönlich finde das schade, denn was ist schlecht an floralen und würzigen Noten, wenn sie im rechten Verhältnis zu Körper, Druck und Frucht stehen?

Wie wird das Wetter?

Auf das kühle und feuchte Wetter des Jahres 2010, das nicht nur am Bodensee höhere Säuregrade bei den Traube brachte, reagierte Thomas Kress anders als viele seiner Kollegen. Die Entsäuerung des Mostes mit Kalk ist ihm ein Graus: „Mein Winzerherz blutet, wenn ich jungen Wein schäumen sehe“, sagte er mir anlässlich meines Besuches im April vor Ort. Stattdessen hat er bei den Burgundersorten und beim Spätburgunderrosé den biologischen Säureabbau ablaufen lassen, beim Müller-Thurgau und beim Auxerrois sei das aufgrund ihres Charakters nicht nötig gewesen. Spürt er den Klimawandel? Thomas Kress reagiert abwägend. Die Heftigkeit von Unwettern habe zwar zugenommen und die Höchsttemperaturen seien gestiegen, aber wirklich wärmer sei es nun ja nicht geworden, fügt er hinzu und verweist auf den dürftigen August, den wir gerade erleben.

Vorne das Wohnhaus der Familie Kress, das Gebäude hinten im Bild beherbergt einen Verkostungsraum mit Stilwillen.

Was wollen die Kunden?

Das Bedürfnis nach handgemachten Weinen sei gestiegen, so Kress. Die Weinfreunde seien insgesamt kritischer und anspruchsvoller geworden. Dieses Bewusstsein für Qualität habe auch dazu geführt, dass der einst so beliebte italienische Pinot Grigio von den Tischen der Weintrinker verschwunden sei. Stattdessen stünde dort nun ein deutscher Grauburgunder und das zu Recht. Hier von einer Welle zu sprechen, wäre zu kurz gegriffen, dafür sei diese Sorte inzwischen zu fest etabliert.

 

Verkostnotizen zum 2010er Jahrgang von Jan Potthast

 

2010 Weißburgunder, Qualitätswein trocken, Seegut Kress

Helles, klares, transparentes Hellgelb. Mittlere Viskosität. Frisches und reifes Bukett, ordentlich deutlich und mittelkomplex. In der Nase Noten von Quitte, Melone und Nüssen. Am Gaumen trocken, bei spürbarer Säure, schlankem Körper und gerade mal mittlerer Länge.
Insgesamt ordentlich, Säurespiel und Körper wirken nicht ganz ausbalanciert.

 

2010, Spätburgunder Rosé, Qualitätswein trocken, Seegut Kress

Sehr helles, klares, transparentes Lachsrosa. Mittlere Viskosität. Frisches, deutliches und ordentlich komplexes Bukett. Noten von Erdbeere, Rhabarber, dazu florale Noten (Geranie, Geißblatt). Am Gaumen trocken, bei deutlich spürbarer Säure, leichtem Körper und etwas mehr als mittlerer Länge. Leichte Bitternoten im Abgang.
Insgesamt ein frischer, ansprechender Rosé, dessen Gesamteindruck durch das feine Bitterl etwas getrübt wird.

 

2010, Müller Thurgau, Qualitätswein trocken, Seegut Kress 

Helles, klares, transparentes Blassgelb. Mittlere Viskosität. Frisches, einfaches und ordentlich deutliches Bukett. Noten von Apfel, Aprikose, im Hintergrund Zitrisches und etwas Minze. Am Gaumen trocken, bei spürbarer etwas spitzer Säure. Schlanker, wohlgebildeter Körper. Etwas mehr als mittlere Länge.
Insgesamt ein guter, belebender Seemüller.

 

2010 Grauburgunder, Qualitätswein trocken, Seegut Kress 

Helles, klares, transparentes Grüngelb. Frisches, ordentlich deutliches, mittelkomplexes Bukett. In der Nase Noten von Zitrone, Pfirsich und Aprikose. Am Gaumen trocken, bei spürbarer Säure, schlankem Körper und mittlerer Länge.
Insgesamt ein guter Grauburgunder moderner Machart. Nicht breit, sondern schlank und frisch.

 

2010 Auxerrois, Qualitätswein trocken, Seegut Kress

Helles, klares, transparentes Grüngelb. Mittlere Viskosität. Frisches, deutliches und mittelkomplexes Bukett. Noten von Limone, grünem Apfel und Aprikose, dazu kräutrige und krautige Noten. Am Gaumen trocken, bei schlankem Körper, deutlich spürbarer Säure und gerade mittlerer Länge. Im Abgang leichte Bitternoten.
Insgesamt scheint der Wein unrund, die Säure wirkt bissig-spitz.

 

2009 Spätburgunder, Qualitätswein trocken, Seegut Kress 

Helles, klares und transparentes Kirschrot. Deutliches, halbwegs komplexes Bukett. Zunächst dominante, aber angenehme, fast speckige Röstnoten. Später öffnet sich auch die Frucht (Kirsche, Erdbeeren, dunkle Beeren), bleibt aber immer etwas im Hintergrund. Am Gaumen trocken, bei feinem Gerbstoff, spürbarer Säure, mittlerem Körper und mittlerer Länge.
Insgesamt ein interessanter Spätburgunder, der ein wenig Luft braucht. Man merkt dem Wein den Willen zur Konzentration an, die er vielleicht nicht hat. Schmeckte am nächsten Tag noch besser. Zu 80 Prozent im Stahl ausgebaut, zu 20 Prozent im großen Holzfass.

 

Fazit:

Thomas Kress Weine wirken eigenwillig. Deutlich ist das Bemühen um Sortencharakter zu erkennen, bei gleichzeitigem Verzicht auf allzu deutliche geschmackliche Glättung. Stets bildet eine erfrischende Säure das Rückrat seiner Weine, der Restzucker bewegt sich nahe der Grenze zum international Trockenen. In einem schwierigen Jahrgang wie dem vorliegenden 2010er fordert dieses Beharren auf der eigenen Vorstellung den Gaumen des Weinfreundes durchaus heraus. Immer bleibt jedoch das Qualitätsstreben erkennbar, das seinen Preis hat. Allein der Müller-Thurgau bleibt unter der 10 Euro-Schwelle.

Meine Favoriten in dieser Reihe waren der typische Müller-Thurgau und der 2009er Spätburgunder, der über mehrere Tage genossen eine gewisse Vielschichtigkeit offenbarte.