München Hauptstadt des Bieres! Geschmeichelt nehmen wir Münchner dieses Kompliment zur Kenntnis. Gerne wird dabei vergessen, dass München auch eine lange Weintradition hat und durchaus einige Plätze bietet, wo ein Schoppen lohnt und Freude macht. In unregelmäßiger Reihe veröffentliche ich hier meine Eindrücke beim Besuch von Münchner Weinlokalen, bekannten und unbekannten. Tips sind immer willkommen.

Eingänge zum Münchner Ratskeller gibt es reichlich. Auf jeder Seite des neuen Rathauses findet man einen, und auch über den bewirteten Innenhof führt sich ein Weg hinein ins unterirdische Reich, das heute von den Wirtsfamilien Winklhofer und Wieser geleitet wird. Auf dem Oktoberfest bewirten die Familien übrigens das Festzelt Tradition auf der Oidn Wiesn.

Nach dem Abstieg über eine der Treppen hinunter ist der durstige Ratskellerneuling zunächst überfordert. Kaum betritt er einen Gastraum öffnet sich im Augenwinkel schon der nächste und ist dieser durchschritten, gehts sicher irgendwo noch weiter. All die verschieden ausgestatteten Räume aufzuzählen führt hier zu weit, die Stilspanne ist breit gefächert: Von urig-einfach über gut bürgerlich-elegant bis zu jugendlichen Sofalounge-Elementen im sog. Sumpf ist alles dabei. Verirrt-verwundertes Umherlaufen ist also Teil des Spaßes hier unten, auch ein Blick auf die Deckengemälde lohnt.

Wenn Bier gegen Champagner zu Felde zieht: Teil eines Deckengemäldes im Münchner Ratskeller

Mein Lieblingsplatz befindet sich in dem Durchgang zwischen fränkisch-badischer Weinstube und Küferei, wo man in einem Minigewölbe mit Spielkartendeckenmalerei herrlich beengt an kleinen Stehtischen sitzen kann. Das Durchschnittsalter ist eher jenseits der 40 angesiedelt, gerne frequentieren auch Touristengruppen die Gemächer. Oft genug kann man so prächtige Silberlocken beobachten, die den Glauben an die große Liebe oder eben die kleine mit der Tischnachbarin noch nicht aufgegeben haben. Die Stimmung ist also gern ausgelassen und das Veranstaltungsprogramm groß, vom Alleinunterhalter bis hin zu Tanzkapellen und Rockbands. Diesen auszuweichen ist aber kein Problem, weil irgendwo gibts immer ein ruhigeres Plätzchen, wo man vom freundlich-resoluten Personal bestens umsorgt wird. Bisher habe ich immer im Ratskeller immer nur kalt gegessen. Die üppige Brotzeit und das Schmalzbrot waren von tadelloser Qualität.

In den Jahrzehnten nach seiner Eröffnung im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde im Ratskeller der sogenannte Regiewein ausgeschenkt, eine Verpflichtung seitens der Stadt. Für den Ankauf dieses Weines, der „naturecht“ sein musste, also nicht aufgebessert, gab es eine eigene Ratskommission. Das ist heute nicht mehr so, die Verpflichtung ist aufgehoben. Der Ratskeller kooperiert allerdings eng mit dem fränkischen Traditionsbetrieb Juliusspital aus Würzburg. Wahrscheinlich kann man nirgendwo sonst in München eine derart große Auswahl an Weinen dieses Weingutes probieren. Daneben werden aber auch Weine anderer deutscher Weingüter (z. B. Fürst, Bercher, Seeger) und Internationales (z. B. Heinrich, Guigal, Gaja) angeboten. Das Qualitätsniveau reicht vom Schoppenwein bis zum internationalen Spitzengewächs. Die Preise weisen eine entsprechende Bandbreite auf: Den einfachen Schoppen (0,25l) vom Residenzweinkeller bekommt man für € 3,80, ein Flasche (0,75l) Iphöfer Müller-Thurgau QbA Juliusspital für € 15,90. Man kann sich natürlich auch einen 2003 Barolo „Dagromis“ von Angelo Gaja für € 88,- gönnen.

Hier ist gern mal der Teufel los: die fränkische Weinstube im Münchner Ratskeller

Prinzipiell ist es einfach, einen Wein zu bestellen, allerdings kommt es ein hier ein wenig darauf an, wo man sitzt. Grob gesprochen unterteilt sich das gesamte Lokal in zwei Bereiche: die fränkisch-badische Weinstube im zum Marienhof gelegenen Teil und den Ratskeller im vorderen Teil. Die Positionen auf der Flaschenweinkarte lassen sich letztlich überall bestellen und trinken, aber es gibt zwei unterschiedliche Schoppenweinkarten. Im Weinstubenbereich stehen auf der Karte neben den Juliusspitalweinen, auch Erzeugnisse der badischen Winzergenossenschaften Britzingen und Hagnau, vom Weinhaus Schwörer und vom Weingut Burg Ravensburg.  Im Ratskellerbereich (Karte hier) kann man diese Weine nicht bestellen, dafür gibt es einige Rotweine des Juliusspitals wie z. B. den Spätburgunder Spätlese Oberbürgermeisterschoppen, die man in der fränkisch-badischen Weinstube nicht offen ordern kann.

Weil ich nun zwei Besuche und ein Telefonat gebraucht habe, um das zu verstehen, muss ich bald wieder hin: Der Oberbürgermeisterschoppen ruft. Wir sehen uns!