Oft genug fühle ich mich von der Fülle an Angeboten erschlagen, die mir Verbrauchermessen wie die diesjährige Baden-Württemberg-Classics 2011 in München machen. Gerne suche ich mir deshalb ein überschaubares Thema und ertrage die Vielgestaltigkeit der Welt schon gleich viel besser. Heute habe ich mir die Rebsorte Samtrot vorgenommen, die ich nur dem Namen nach und als württembergische Weinspezialität kenne.

Dem Degustationskatalog der Messe, der übrigens für Verkostnotizen einen symbolischen Platz von einen Quadratzentimeter pro Wein zur Verfügung stellt, ist ein kleiner Rebsortenspiegel vorangestellt. Unter der Überschrift Samtrot & Clevner findet sich folgender Eintrag:

„Eine frühreife selten gepflegte Spielart aus der Burgunderfamilie ist der Clevner, er bringt alljährlich in der Farbe schön gedeckte feine Weine mit einem zarten Bukett und vornehmer Fülle hervor. Als Mutation des Schwarzrieslings macht der Samtrot seinem Namen durch eine warme rote Farbe und samtige Fülle alle Ehre. Beide Weine eignen sich ideal für festliche Anlässe.“

Nun, Weinbeschreibungen sind schwierig, aber diese scheint noch weniger aussagekräftig als die meisten und sie verwirrt mich. Sind Clevner und Samtrot verschiedene Rebsorten oder nur Synonyme für ein und dieselbe? Auf Wikipedia findet sich dann diese Definition:

„Eine unbehaarte Mutation des Schwarzrieslings ist die Rebsorte Samtrot. Sie wurde 1928 von Hermann Schneider in seinem Heilbronner Weinberg entdeckt und 1929 von der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau in Weinsberg zur Vermehrung übernommen. Samtrot, so benannt 1950, wird ausschließlich in Württemberg angebaut, und hier hauptsächlich im Heilbronner Raum auf insgesamt 321 Hektar (Stand 2003). Die schwach tragende Sorte ist qualitativ dem Schwarzriesling überlegen. Sortenrechtlich ist Samtrot als ein Klon des Blauen Spätburgunders eingestuft, bezeichnungsrechtlich ist Samtrot ein Synonym des Blauen Spätburgunders im Anbaugebiet Württemberg, ebenso wie die Bezeichnung Clevner.“

Jetzt noch zu recherchieren, was der Unterschied zwischen sortenrechtlich und bezeichnungsrechtlich ist, sprengt den Rahmen dieser Vorrede. Hinein ins Getümmel! Es muss probiert werden.

Von 35 württembergischen Ausstellern haben 20 einen Samtrot mitgebracht, davon sind nur zwei als trocken im Katalog bezeichnet. Das wundert mich natürlich und so frage ich munter die freundlichen Ausschenker, warum dem so ist. Ich bekomme verschiedenste Antworten, die ich hier sinngemäß aneinanderreihe: „Samtrot wird eher süß ausgebaut, weil die Kunden es wünschen, weil die Fruchtfülle es hergibt, weil die Frucht ohne Süße eher fad ist, weil er trocken schnell muffig schmeckt, weil er eher ein Vierteleswein ist, weil er ein Dämmerschoppen ist, weil das immer schon so war.“

Unterm Strich bekomme ich also das Gefühl, dass der Samtrot selbst von den hier anwesenden Produzenten nicht recht geschätzt wird, aber ich hatte immer schon ein Herz für Verlierer. Deshalb lasse ich mich nicht beirren und fange an zu probieren.

2009, Samtrot Spätlese, Grantschen Weine eG: Wenig komplex, etwas Erdbeerfrucht, keine Säure, sehr süß. Kaum befriedigend.

2008, Samtrot QbA tr., ****, Weinkellerei Kölle: Eines der seltenen trockenen Exemplare. Ins Ziegelfarbene spielendes Granatrot. Kaum Säure, etwas Erdbeere, deutsch trocken, leichte Röstaromen. Befriedigend.

2010, Rosswager Halde, Samtrot, QbA., Genossenschaftskellerei Rosswag-Mühlhausen: Ein etwas frischeres Bukett, am Gaumen süß, feinster Gerbstoff, wärmender Abgang. Befriedigend.

2009, Horrheimer Klosterberg, Samtrot Spätlese, Minnesänger-Serie, Weingärtner Horrheim-Gündelbach eG: Etwas Erdbeere und im Hintergrund Würziges, sehr süß, kein Säureeindruck. Kaum befriedigend.

2009, Samtrot Spätlese, AURUM, Bottwartaler Winzer eG: Etwas Erdbeerfrucht, kaum Säure, feinster Gerbstoff, sehr süß. Befriedigend.

2009, Samtrot Auslese tr., Weinkellerei Wangler: Immerhin einmal ein dezent komplex anmutendes Bukett, am Gaumen jedoch abfallend. Bitternoten und wärmender Abgang. Kaum befriedigend.

2009, Rozenberg, Samtrot, Qualitätswein feinherb, PREMIUM, Weingärtnergenossenschaft Mundelsheim: Handgelesen und ertragsreduziert. Halbwegs komplexes Bukett, ansatzweise etwas Fülle am Gaumen, aber wärmender Abgang. Kaum befriedigend.

2009, Esslinger Schenkenberg, Samtrot Spätlese, Weingärtner Esslingen: Bräunliches Granatrot. In der Nase leicht Krautiges, etwas Erdbeere. Im Abgang Bitteres und Brennendes. Kaum befriedigend.

Diese Weine haben mich eher enttäuscht. Es folgen vier Exemplare, die ich nochmal probieren würde. Vom Hocker gehauen hat mich aber keiner.

2010, Samtrot **** QbA. fruchtig, Weinkellerei Kölle. Besser als der trocken ausgebaute Samtrot dieses Hauses (s.o.) hat mir diese restsüße Variante gefallen. Maischevergoren und kurzer Holzfassausbau. Zur üblichen Erdbeerfrucht kommt zumindest in der Nase noch etwas säuerliche Frucht hinzu (Rhabarber), feiner Gerbstoff. Befriedigend.

2010, Samtrot, C, Fellbacher Weingärtner eG: Eigentlich der einzige Samtrot in dieser Reihe, bei dem die Säure am Gaumen eine Rolle spielt und die Süße konterkariert. Auch etwas Gerbstoff ist immerhin ansatzweise präsent. Gut.

2010, Samtrot, Ökoweingut Stutz: Etwas Erdbeere und Rhabarber, rund-harmonischer Charakter. Befriedigend bis gut.

2008, Heilbronner Stiftsberg, Samtrot Spätlese, Weingut Albrecht-Kiessling. Granatrot, reifes Bukett. Süß und wenig Säure, aber in sich stimmig. Befriedigend bis gut.

Das Fazit:

Auf die Frage nach dem Charakter und der Typizität des Samtrot erhielt ich von den Repräsentanten der Weingüter wenig zwingende Antworten. Von „Der läuft halt so mit“ bis „Kirsche im Bukett“ und dem schon erwähnten „Dämmerschoppen“ war alles dabei.

Am Ende des Spazierganges setzt sich der Wanderer also nieder und versucht ein eigenes Weinprofil zu entwerfen. Von der samtenen Fülle, die Name und Weinwerbetext (s.o.) verheißen, habe ich wenig gefunden. Im besten Falle ist der Samtrot ein leichter Rotwein von transparentem, hellen Rubin-oder Granatrot. Das Bukett ist zurückhaltend und kaum komplex. Die Aromatik bewegt sich eher bei hellen, süßen, roten Beeren mit im besten Fall etwas frischer säuerlicher Frucht und feinster Würze im Hintergrund. Am Gaumen schlank, bei stets milder Säure und kaum spürbarem Gerbstoff. Damit gehört er in die Reihe deutscher Rotweine, die viele Speisen gut begleiten, denen es andererseits aber ein wenig an eigenem Charakter mangelt.

Süße im Wein finde ich nicht per se unpassend, sie braucht aber Säure als Gegenspieler, sonst fehlt ein wenig die Abwechslung am Gaumen. Dies umso mehr, als Komplexität und Tiefe des Buketts in dieser „Gewichtsklasse“ von Weinen und vielleicht auch bei dieser Rebsorte anscheinend nicht allzu ausgeprägt sind. Der einzige Samtrot, der meinen Gaumen mit seinem Süße-Säurespiel ein wenig kitzelte, war der Samtrot der Fellbacher Weingärtner. Die meisten anderen hinterließen keinen bleibenden Eindruck. Liegt es an der Rebsorte oder den Weinmachern? Ich weiß es nicht. Dann erhebt sich der Wanderer. Der Spaziergang ist zu Ende, die Reise nicht. Mein Herz schlägt weiter für Verlierer.