Eigentlich war ich müde. Eigentlich wollte ich nicht mehr probieren. Eigentlich wollte ich nach Hause. Doch dann passierte es. Markus Mehl reichte mir ein Glas und dann noch eines und ich war begeistert. Die Frische und Eleganz seiner Weine belebten meine Sinne, sofort war ich wieder wach und wollte mehr wissen.

Markus Mehl führt das Weingut Mehl seit dem Jahr 2003 in fünfter Generation. Er bewirtschaftet  einen kleinen Betrieb mit 2,7 Hektar in Walluf im Rheingau. Seine Weinküferausbildung jedoch hat er in einem der größten Betriebe Deutschlands absolviert: dem Badischen Winzerkeller in Breisach. Keine Topadresse, denke ich vorurteilsbehaftet, und werde von Markus Mehl eines Besseren belehrt. Er hat dort auch im sogenannten Versuchskeller gearbeitet, wo man u. a. Studien für die Weinbauschulen in Weinsberg und Geisenheim durchführt: „Da gibt´s jede erdenkliche Apparatur und man wird durch die Versuche ständig mit neuen Ideen konfrontiert. Das war sehr interessant und lehrreich.“

Markus Mehl: Vielleicht sieht man schon an den Farben, was ihm am Herzen liegt.

Wer nun glaubt, dass Markus Mehl einem industriell-technischen Weinideal geprägt von ausgefinkelter Kellertechnik huldigt, liegt ebenfalls falsch. Der praktische Teil der folgenden Weintechnikerausbildung in Bad Kreuznach führte ihn nämlich in eines der Herzen deutscher Weinbaukunst: Das Weingut Dr. Heger im Kaiserstuhl. Hier vinifiziert Joachim Heger bekanntermaßen große deutsche Weine, die eigenständig und charaktervoll sind. Auch dies sei eine bereichernde Erfahrung gewesen, so Mehl, und habe seine Vorstellung von sorgfältiger handwerklicher Weinbereitung maßgeblich beeinflusst.

Seitdem er das Weingut führt, dessen Hauptrebsorte Riesling ist, habe er das weiße Sortiment eher verschlankt in zwei Hauptlinien: Die eine mit einem fruchtbetonten Stil für den Sofortgenuss, die andere mit Potential für eine längere Entwicklung.

Sein Herz jedoch schlägt für den Pinot Noir, dem er eine größere Aufmerksamkeit zuteil werden lässt als frühere Generationen.

Ich probierte alle drei Spätburgunder des Weinguts: den Liter-Spätburgunder, den „S“ aus dem großen Holzfass und den „R“ aus dem Barrique, allesamt aus 2008 (Ausführliche Verkostnotizen siehe unten). Die Rotweine tragen keine Lagennamen, sondern sind ein Cuvee aus den Wallufer Lagen Berg Bildstock und dem Walkenberg, der vom VDP als Erste Lage klassifiziert ist.

Die Trauben für den Liter werden früher gelesen, beim R und S haben sie mindestens Spätlesequalität. Die Erträge beim R sind burgundischen Ausmaßes (30-40 hl/ha), beim S sind es auch nur 50 hl/ha, beim Liter etwa 80 hl/ha. Alle Rotweine sind trocken, selbst der Liter hat nur 2g Restzucker bei prägnanter Säure.

Allen Weinen gemeinsam ist eine gewisse Strenge. Hier wird eben nicht mit Restsüße nach dem Gaumen des fröhlichen Zechers geschielt. Stattdessen versucht Mehl Ernsthaftes und bemüht sich um Konzentration. Nur gesundes Lesegut, akribische Laubarbeit, Saftabzug, keine Filtration und Schwefelzusatz erst kurz vor der Füllung. Die Weine sind maischevergoren (auch der Liter) bei relativ niedrigen Temperaturen (25°-30°). R & S verbringen nach der etwa 15-tägigen Gärung weitere zwei Wochen auf der Maische. Dann kommen sie in die verschiedenen Gebinde, wo Markus Mehl sie zwischen ein und drei Jahren reifen lässt. Diese sorgfältige Bereitung heißt natürlich auch, dass Mehl die Weine erst spät auf den Markt bringt. So ist der 2008er R im Eichelmann 2012 noch gar nicht aufgeführt. „Den kriegt er erst nächstes Jahr“, so Markus Mehl, „dieses Jahr war er noch nicht soweit.“ Der 2008er S hingegen ist mit 85 Punkten bewertet.

Mehls Sorgfalt führt zu eher dunklen Spätburgundern, die konzentriert und komplex sind. Niemals aber wirken sie breit, ausladend oder bräsig. Stets erscheinen sie frisch, und bei keinem finden sich alkoholische oder wärmende Noten, was ich persönlich sehr angenehm finde. Selbst der Liter von 2008 wirkt jetzt Ende 2011 jung, R und S hingegen haben noch Potential für einige Jahre Flaschenreife. Den R jetzt zu öffnen grenzt sogar an Kindermord. Dem Glas entströmte zum Zeitpunkt der Verkostung nichts Üppiges, das Bukett glänzt eher mit Tiefe, was für beide Weine gilt. Am Gaumen entfalten R und S eine ruhige, völlig selbstbewusste Komplexität, die nicht schreit, sondern singt. Prägnante Säure und vernünftiger Gerbstoff begleiten dieses Lied auf angenehme Weise.

Insgesamt zählen diese beiden Spätburgunder S und R in diesem Jahr zu den zehn besten Weinen, die ich im Jahr 2011 probieren durfte. Kompliment!

 

Verkostungsnotizen:

2008, Spätburgunder Qualitätswein trocken in der Literflasche, Weingut Mehl (€ 7,70)

Klares, transparentes Rubinrot. Mittlere Viskosität. Dezentes, einfaches Bukett. Frische und auch leicht reife Aromen. Noten von roten Johannisbeeren. Am Gaumen trocken, deutlich spürbare Säure, schlanker Körper, gerade mal mittlere Länge.

Insgesamt ein Literschoppen, dem man den Willen zur Qualität – die ihren Preis hat – schon anmerkt. Trocken, säurebetont, erfrischend. Kein restsüßer Schmeichler.

2008, Spätburgunder Qualitätswein trocken, S (Holzfass), Weingut Mehl (€ 9,10)

Klares, dunkles Rubinrot. Hohe Viskosität. Feines, ordentlich komplexes und frisches Bukett. Noten von Kirsche, roter Johannisbeere, feine Röstnoten. Am Gaumen trocken, wohlgebildeter Körper, spürbare Säure, spürbarer und feiner Gerbstoff, harmonisch, fest, frisch. Gute Länge. Lagerpotential.

2008, Spätburgunder Qualitätswein trocken, R (Barrique), Weingut Mehl (€ 15,40)

Klares, dunkles Rubinrot. Feines, komplexes Bukett, gleichermaßen frisch und reif. Noten von Kirsche, roter Johannisbeere, die Röstnoten deutlicher als beim S, dazu Würziges. Am Gaumen trocken, spürbare Säure, fester jugendlicher Gerbstoff, voller Körper, überzeugender Druck, Tiefe. Gute Länge. Großes Lagerpotential.