Die Zeit der Jahresrückblicke in den Großmogulmedien ist vorbei, in Spezialmedien wie diesem Blog jedoch waltet persönliche Freiheit und also raus damit: Wie war 2011 für mich? Was waren die wichtigen Erlebnisse und Erkenntnisse vor allem den Wein betreffend?

Die erste Erkenntnis war die Tatsache, dass der Versuch, eine Lagentypizität bei einigen Rieslingweinen aus der Hochheimer Kirchenstück herauszuschmecken, scheiterte. Der freundliche Weinhändler und Weinakademiker, der mir bei diesem Experiment beiseitestand – und nicht wusste worum es ging – lag genauso daneben wie ich. Ich bin also fürderhin vorsichtig, wenn es um die Anpreisung dieser Art von Typizität geht.

Der März brachte Fukushima über die Welt, während ich eine kurze Reise nach Meersburg an den Bodensee machte. Die Leute waren nett, vielleicht auch weil gerade Nebensaison war, und ich habe vor Ort den Müller-Thurgau ins Herz geschlossen. Er hatte dort immer schon einen kleinen Platz, seitdem ich einen fränkischen Müller vor Jahren als Hochzeitswein ausgesucht hatte, aber an den sanften Gestaden des Sees zeigt er eben seine verführerische Seite noch etwas deutlicher als im rauen Tauberfranken.

Oft genug bekommt man für vernünftiges Geld vernünftige Weine. Das gilt für die Genossenschaften wie die von Hagnau ebenso wie fürs Staatsweingut in Meersburg und die örtlichen Winzer (z.B. Thomas Geiger, Peter Krause). Der Sommerweinvorrat war gesichert.

Wenn es also mal zum Grillen an die Isar ging, war immer ein Müller im Gepäck oder ein einfacher, gekühlter Trollinger, der sich in dieser Hinsicht auch wunderbar eignet. Der Dank für diese zweite Erkenntnis gebührt meinem Schwiegervater Josef in Oberschwaben, der heimische Getränke ebenso wertschätzt wie internationale.

Bei einem Verwandtenbesuch in der Schweiz hingegen tröstete mich ein unvergesslicher 2010 Rémus Plus sec Montlouis-sur-Loire AC  der Domaine de la Taille aux Loups darüber hinweg, dass ich Onkel und Tante während des Aperitifs mit einem Läuseproblem meiner Kinder konfrontieren musste. Ja, die bucklige Verwandtschaft aus Deutschland…

Im Sommer folgte deshalb ein Urlaub mit Freunden, die Kinder etwa im gleichen Alter haben. Eine Woche in der Toskana und eine in Ligurien. Während man in der Toskana die Mückenstiche mit Genossenschaftsrotwein aus dem Kühlschrank betäuben musste, wartete Ligurien doch mit einer Reihe von weißen Rebsorten auf, die, wenn nicht unbedingt denkwürdig, doch immerhin unbekannt waren, so z. B. Pigato und Lumassina. Die Roten harren noch einer Nachverkostung, insbesondere einige Flaschen Rossese.

Im Herbst, während unsere schönen Münchnerstadt bereits anfing, sich in den zweiwöchigen Bierrausch hineinzuwerfen, veranstalteten wir unsere dreizehn°-Alphatester-Party, die lustig wurde, auch wenn wir uns beim Wein-Degu-Rätsel ein bisschen verirrten.

Langsam begann es zu herbsteln, doch es blieb erstaunlich sonnig und warm. Zwei Spätburgunder vom Weingut Mehl in Walluf im Rheingau erfrischten mich in dieser Zeit ungemein, so dass ich einen solchen dem Schwager und dem Schwiegervater bei einem gemeinsamen Herbstausflug vorstellte. Der endete für mich in großem Schmerz, als mich die Nachricht vom Tod meines Vaters ereilte.

Einiges von dem, was ich über Wein weiß, weiß ich von ihm. Immer noch liegen Flaschen in meinem Keller, die noch von seinen Eltern stammen. Vielleicht war er auch ein paradigmatischer Weintrinker seiner Generation: Sozialisiert mit feinen Weinen des eigenen Vaters von Mosel, Ruwer und Saar, bis sich in den 60er Jahren der Blick zu weiten begann. Retsina und Korbflaschenchianti in den unruhigen Zeiten als Student, dann nach finanzieller Festigung mussten es eher trockene Klassiker sein, Burgunder, Bordeaux und Beaujolais, Deutsches kam nicht mehr ins Haus. Mitte der 80er Jahre flog uns die Familie um die Ohren. Der Freiheitsdrang meines Vaters führte ihn ins Herz der Toskana, wo ihn nun die handgeschmiedeten Stöffchen dieser so entzückenden Hügellandschaft begeisterten, die er nach München zurückgekehrt auch weiterhin schätzte. Als ich dann nach der Jahrtausendwende anfing, ihn nach und nach wieder mit deutschem Wein zu beglücken, zeigte er sich aufgeschlossen. Es endete, wie es begann: Auf dem Familientreffen anlässlich seiner Aufbahrung tranken wir Riesling von der Saar.

Von all dem noch leicht angeschlagen wankte ich dem Ende des Jahres entgegen, Weihnachten dräute. Ich gehöre nicht zur Schnutentunker-Fraktion, die dieses Fest nicht auch noch mit dem Besten, was der Keller zu bieten hat, belasten will. Im Gegenteil: Ich freue mich auf eine Gelegenheit, was schönes Rotes aus dem Keller zu holen. Mit diesem Plan scheiterte ich kläglich. Irgendwie passte stets nur Weißes zu den Gerichten, die gekocht und serviert wurden. Wahrscheinlich werde ich deshalb am Aschermittwoch diesen Jahres den Weihnachts-Brunello zur Fischsemmel trinken. Prost.