Neulich im ICE. Mir gegenüber ein nette Dame, die auf ihrem Tablet-PC herumschabte, während ich hektisch versuchte Schal, Kaffeebecher und Koffer in eine sinnvolle Ordnung im Abteil zu bringen. Es ergab sich dann ein Gespräch. Sie organisierte eine neue Design- und Architekturmesse in München, ich erzählte von Wein und Blog und Internet. Das fand sie alles ganz interessant, und ich wähnte mich auf der sicheren Seite, bis sie dann irgendwann sagte: „Das mit dem Wein ist ja alles gut und schön, aber wenn dann die einzige Bettlektüre der kleine Johnson ist wie bei meinem Ex-Mann, dann hört´s doch auf!“

Ich schluckte unhörbar, ließ meine Gesichtsmuskeln eine weiterhin kooperative soziale Melodie anstimmen, während ich mich tief drinnen erkannt fühlte. Phasenweise nehme ich auch den kleinen Johnson mit ins Bett. Der Listencharakter eines Weinführers hat eine zugegebenermaßen beruhigende Wirkung auf mich. Informationen werden zeilenweise vergeben, alles ist nahezu gleich wichtig, und fordert nicht wie das Schicksal einer Romanfigur besondere Anteilnahme oder Aufmerksamkeit. Geschweige denn, dass ich mich anderntags erinnern müsste, wo ich genau am Vorabend mit dem Lesen aufgehört hatte.

Trotzdem ich das abendliche Weinführer-im-Bett-lesen also für mich begründen kann, ertappte ich mich im ICE-Abteil dabei, dass ich mich ein bisschen schuldig fühlte. Irgendwas hat das mit Frauen und Männern zu tun, nur was? Die Liste, das Archiv, ist das was Männliches?

Meine Frau häuft zwar Essensvorräte, Bastelbedarf, Kindergeschenke und Wollvorräte an, führt aber über deren Herkunft und Anzahl keinerlei Listen. Ich hingegen häufe im Keller Weinflaschen an, und führe auf die ein oder andere Art sehr wohl darüber Buch. Wenn ichs nicht tue, dann eher aus Mangel an Zeit. Ist das der Unterschied zwischen Sammeln und Horten? Der Sammler bildet gerne Kategorien, tauscht und studiert, während der Horter hortet, um im geeigneten Moment einen Bedarf mit Masse an Geeignetem zu überfluten.

Bevor ich jetzt die Untiefen im Meer der Geschlechterstereotypen ramme, trete ich den Rückzug an. Statt am Abend im Bett lese ich Weinführer halt nur noch auf dem Häusl und fühl mich gut dabei.