Als ich neulich die Steillagen-Folge von Stuart Pigotts Weinwunder Deutschland TV-Reihe sah war ich irgendwie ein bisschen genervt von seiner halbreligiösen Rhetorik, obwohl ich mich wie immer auch gut unterhalten fühlte. Ich schrieb dann einen Blogentwurf, den ich meiner Frau zum Lesen gab. Sie fand ihn zu krittelnd und wortklauberisch. Und sie hatte recht. Also stampfte ich ihn ein. Doch der Themenkomplex Lage / Terroir lässt mir keine Ruhe. Deshalb doch noch was dazu:

Seit dem letzten Jahr führen Moselwinzer Reinhard Löwenstein und Autor Markus Vahlefeld einen dialogischen Streitblog zu Löwensteins Buch Terroir. In den letzten beiden Posts finden sich zwei Aussagen der beiden, die mir halbwegs repräsentativ für ihre jeweilige Position erscheinen.
Vahlefeld (Post 10. Februar):
„Erst ein Wein, der zwischen Idee und Endprodukt möglichst wenig Entfremdungsferne aufweist, ist ein Terroirwein für mich. Dass jeder Winzer eine andere Idee hat – natürlich auch eine andere Idee als ich -, macht ja gerade das Persönliche des Weins aus. Nur: eine IDEE muss der Winzer haben. Denn nur über die lässt sich streiten.“
Im Beharren auf der Idee als zentralem Ausgangspunkt für einen Wein, ja sogar für Weinmachen als solches, erkannte ich meine eigene Kritik am Grundtenor von Pigotts Bericht:
„Die Weinbergslage ist nicht einfach naturhaft da, sondern das Ergebnis eines eventuell jahrhundertelangen Prozesses. Und ganz am Anfang, noch vor dem ersten Wein, war ein menschliches Bedürfnis. Über welches lässt sich streiten (Rausch oder Durscht). Nach dem Bedürfnis folgte eine Idee (Wie wär´s Zenturio, sollen wir´s mal da drüben probieren, schaut bissl aus wie in Latium bei meinem Vetter?) und dann schritt man zu Tat. Irgendwann hat man dann wohl erkannt, der Wein von da gerät besser als der von dort, und begann gute von schlechten Weinbergen zu unterscheiden. Der Winzer hat den Weinberg erschaffen, erst durch ein menschliches Bedürfnis, eine Idee und Taten wird der Berg zu einem Weinberg.“
Das ist ein bisschen philosophisch dahergeredet, aber irgendwie stimmt es schon. Der Berg macht halt keinen Wein, sondern der Winzer. Ich hatte dann übergeleitet zu Pigotts Interview mit Van Volxems Niewodniczanski, der Egon Müllers Vater zitiert, der Winzer sei Diener des Berges. Das wiederum fand ich eine ideologische Verdrehung, meine Frau hingegen erkannte darin die Ehrfurcht und Wertschätzung des Bauern für die Natur, von der er lebt. Stimmt natürlich auch.
Die Familie Müller bewirtschaftet bestimmte Lagen seit Generationen und hat damit sozusagen eine Deutungshoheit über den Geschmack z. B. des Scharzhofberges erlangt. Wenn Müller sagt, so schmeckt ein Scharzhofberg, dann wirft er die kulturelle Erfahrung seiner Familie in die Waagschale. Der Geschmack erscheint so scheinbar naturhaft als Ergebnis der Lage und nicht als Folge von Entscheidungen, die ein Individuum aufgrund einer Idee getroffen hat.
Auch Löwenstein greift zur Geschichte, wenn er versucht, die Typizität eines Geschmacks zu veranschaulichen:
„Seit über 500 Jahren lebt meine Familie von den Winninger Weinbergen, die schon von Römern und höchstwahrscheinlich auch Kelten bewirtschaftet wurden. Kein Wunder, dass sich der Weingeschmack als quasi archetypische Gestalt manifestiert hat. „Der Uhlen ist fest, stark, ein Männerwein, der Röttgen ist sanft, blumig, ein Frauenwein.“ Das begleitet mich seit meiner Kindheit.“
Im Gegensatz zu Müller reflektiert Löwenstein den „Geschmack der Natur“ immerhin als Ergebnis eines kulturellen Prozesses, wenn auch nicht als Ergebnis einer Idee, wie das Vahlefeld wohl gerne hätte. Löwenstein wendet sich dann auch im Folgenden noch einmal gegen die Idee als Ursprung seiner Weine:
„Aber im Grunde genommen ist mir die Vorstellung einer zielorientierten Vinifikation zutiefst zuwider. Aus ganz egoistischen Gründen. Manchmal muss ich, aber im Grunde genommen will ich gar nicht der „Herr“ über meine Weine sein. Ich will ein Teil von ihnen sein. Ich will im Keller das tun, was ich meine, war gerade getan sein sollte, ohne unbedingt zu wissen warum, wieso, weshalb. Ich will abwarten, will mich überraschen lassen… Meine tiefste Befriedigung als Winzer resultiert aus der Hingabe, erwächst aus dem mich Fallenlassen, aus dem mich als ein Teil des Ganzen fühlen.“ (Beide Löwenstein-Zitate Post 17. Februar)
Er will nicht über seine Weine herrschen. Aber eben auch nicht Diener des Berges sein wie Müller. Das gefällt mir, weil es die Hierarchien aus dem Ganzen entfernt.
Und vielleicht ist das auch genau der Punkt. Im Pigott-Müllerschen Modell sind die Dinge klar und getrennt: Berg, Mensch, Wein. Vahlefeld hingegen pflegt ein anthropozentrisches System, in dem der Mensch und die Idee im Mittelpunkt stehen. Beide Systeme sind hierarchisch organisiert. Im Löwensteinschen Modell hingegen sind die Elemente verbunden und stehen nebeneinander. Mensch und Natur sind über Kulturelles (z.B. die Erinnerung an den Geschmack) miteinander verknüpft. Könnte das nicht die Essenz von Terroir sein?