Am vergangenen Samstag, den 17.3. startete das zweite Vinocamp in Geisenheim – eine sogenannte Unkonferenz oder halt englisch barcamp. Dem Ruf der Weinblogger Dirk Würtz und Thomas Lippert folgten etwa 130 Leute mit dem einen Ziel: Sich mit anderen über ihr Lieblingsthema Wein auszutauschen. dreizehn° war natürlich dabei.

Erstmal über den Rhein: Vorne Bastian Förg von geschmacksreich.de, hinten Schloss Johannisberg
Erstmal über den Rhein: Vorne Bastian Förg von geschmacksreich.de, hinten Schloss Johannisberg

Komfortabel untergebracht auf der anderen Rheinseite in Ingelheim beim Geschmacksreich-Blogger Bastian Förg schipperte ich des Morgens erstmal mit der Fähre zum Unkonferenzort. Von sanftem Morgenlicht beschienen geriet Schloss Johannisberg in den Blick: ein erhabener Anblick für jeden Freund des deutschen Weines. Zusammen mit Bastian und seinem Gastronomenkumpel Keule, Respekt für dessen Leidenschaft für die Farbe Türkis, betrat ich die heiligen Hallen der Weinbauuni Geisenheim.

Nach und nach füllte sich der größte Hörsaal und nach einleitenden Worten der Organisatoren erstellten wir ein gemeinsames Programm. Im Gegensatz zur Konferenz mit vorab geklärten Programmpunkten wird der Ablauf der Unkonferenz im Moment organisiert. Es bleibt deshalb Platz für Ungeplantes. Die Einzelveranstaltungen, die sogenannten Sessions, dauern dann jeweils eine Stunde. Jeder, der möchte, kann eine abhalten. So soll im barcamp keine Hierarchie zwischen Referenten und Zuhörern entstehen.

Ich entschied mich zunächst an einer Debatte zum Thema „Wieviel Online-Wine-Shops“ braucht das Land teilzunehmen, in der vor allem Michael Liebert und Michael Pleitgen das Wort führten. Fazit: Ohne vernünftigen, googlekompatiblen Content werden viele Shops in den nächsten Jahren aufgeben müssen, weil sie nicht gefunden werden oder vor Amazon in die Knie gehen, das sein Weingeschäft massiv ausdehnen wird.

Alle Chargen schmecken gleich, meint Cordula Eich

In der nächsten Session suchte Cordula Eich, Verfasserin des „Super-Schoppen-Shoppers“ den Irrglauben zu korrigieren, dass die verschiedenen Chargen ein und desselben Supermarktweines unterschiedlich schmeckten. Wir prüften und befanden, sie hat recht, auch wenn die Auswahl – ein Rotwein und ein Weißwein in verschiedenen Abfüllungen – natürlich eher klein war.

Das Mittagessen verschweige ich hier. Es war zwar dem Ort – der Mensa – angemessen, aber nicht dem Anlass. Am Nachmittag folgte eine Diskussion zum Thema „Wein und Mobile“. Es ging heiß her. Offenbar wurde, dass Barcode und QR-Codes nicht der Weisheit letzter Schluss sein werden, wenn es um Wein und Handys geht.

Nach reichlich Seminarraummuff lockte der Weinberg. Moselwinzer Karl-Josef Thul demonstrierte unweit des Campus im Weinberg Rebschnitt und Reberziehungssysteme. Frisch wehte der Wind, sanft knisterte das Geäst. Alles höchst informativ, auch aufgrund des lebendigen Vortrags.

Ab sechzehn Uhr begannen die sozialen Weinproben mit verschiedenen Schwerpunkten: Ich folgte Schnutentunker Felix B.zusammen mit 16 anderen Teilnehmern zur Spätburgunderverkostung. Jeder Teilnehmer hatte eine Flasche gespendet. Fragestellung: Kriegen wir über eine Blindprobe raus, ob es sich um einen deutschen oder internationalen Wein handelt? Ob Zufall oder Können sei dahingestellt, mit elf richtigen Zuordnungen war ich für mich zufrieden. Am besten bewertet wurde der 2009 Spätburgunder Signatur von Burggarten (Ahr). Es folgten der 2008 Mittelheimer St. Nikolaus Spätburgunder Barrique von August Eser (Rheingau) mit erfreulichen 12% und der neuseeländischer Kollege  2010 Pinot Noir Block B von Schubert mit unerfreulichen 14,5%.

Gleich wird die Winebänk überfallen und Kellerleichen gefleddert

Der Abend sah uns in einem merkwürdigen Kellerlokal: der Winebänk des Weingutes Balthasar Ress. Menschen können dort in unterschiedlich großen Käfigen ihre Weine deponieren und bei Bedarf entnehmen und vor Ort trinken. Zugang hat man als Käfigmieter rund um die Uhr. Warum soetwas von der EU gefördert wurde, erschließt sich mir nicht. Das Motto der Party „Keine Angst vor reifem Wein“ führte zu einem Kellerleichengemetzel. Ich nehme mich da nicht aus mit meiner 1973er Oberemmeler Karlsberg Spätlese des Reichsgrafen von Kesselstatt. Letztlich sind das keine Spaßweine, und sie sollten in Würde das Zeitliche segnen und nicht Opfer von Serientrinkern werden. Wieder was gelernt.

Voll im Unkonferenzmodus: Timo Kappesser (re.) und ich

Gemeinsam mit Bastian und Nebenerwerbswinzer Timo Kappesser, der als Social-Media-Experte bei Rheinhessen e.V. arbeitet, trat ich den Heimweg an. Der 2009er Kappesser Gutsriesling, den wir noch auf dem Sofa verzehrten, gefiel mir gut.

Der Sonntag bot mit einer geführten Fehlerweinprobe bei Geisenheimdozent Prof. Dr. Jung, einer Diskussion über die Weinbewertungssysteme und einer Winzerfragestunde weitere interessante Beiträge.

Insgesamt war das Vinocamp 2012 für mich eine interessante und empfehlenswerte Erfahrung. Kooperative Atmosphäre, befeuernde Gespräche und nette Leute. Ein großer Dank deshalb an die Veranstalter und besonders auch an meinen Gastgeber Bastian. Rheinhessen rules!