`Unser glorreicher Führer hat das alte Weingesetz modifiziert´, sagte sie. `Früher durfte bei Naturwein kein Zucker zugefügt werden. Jetzt darf sogar die Gärung unterbrochen werden.´ Sie sah mein verständnisloses Gesicht. `Das macht saure Weine in schlechten Jahrgängen süßer´ erklärte sie und lachte. `Ein Schwindel der Herrenrasse, um den Export zu erhöhen.´

Ist er noch genießbar oder vom Führer verdorben? Ein Naturwein von Oma geerbt.

Diese Unterhaltung führen zwei Liebende in Erich Maria Remarques Roman „Die Nacht von Lissabon“ von 1961, dessen Handlung kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges spielt. Der Weinfreund und Antifaschist in mir wurde wach. Aha, dachte ich. Hitler hat also damals nicht nur die Welt, sondern auch den Wein verdorben. Nachdem aber das Verhältnis von Dichtung und Wahrheit mindestens so problematisch ist wie das von Wahrheit und Wein, wollte ich es doch genau wissen und begann zu recherchieren.

Ich befragte Dr. Daniel Deckers den Autor des sehr empfehlenswerten Buches „Im Zeichen des Trauben-Adlers: Eine Geschichte des deutschen Weins“. Er lehnte den Generalverdacht, der im obigen Zitat aufscheint, rundweg ab. Die Nazis hätten den Naturwein-Gedanken eher befördert und andererseits das Aufbessern als wesenhafte Praxis jüdischer Weinhändler diffamiert. Gleichzeitig bot diese Diffamierung eine der ideologischen Grundlagen, mit der diese Weinhändler sukzessive aus dem Markt gedrängt wurden, bevor dann Berufsverbote folgten.

Das Aufbessern des Weines sei schon vor den Nazis jahrzehntelange Praxis gewesen, so Dr. Fritz Schumann, Vizepräsident der Gesellschaft zur Geschichte des Weines e. V. Das Weingesetz von 1930, verabschiedet noch vor Hitlers Machtergreifung, habe dann aber eine gewisse Klarheit geschaffen. Als Naturwein durfte auf dem Etikett fortan nur Wein bezeichnet werden, der nicht aufgebessert war. Für die anderen Weine, die verbessert wurden, seien zu diesem Zeitpunkt Richtlinien erlassen worden, wie und in welchem Maße eine Verbesserung vorzunehmen war.

Die absichtsvolle Gärunterbrechung, die bei Remarque ebenfalls erwähnt wird, sei zwar ab den 1920er Jahren möglich gewesen, wurde aber erst nach dem Kriege gängige Praxis, so Schumann weiter. Das Kontrollieren der Gärung durch die Steuerung der Temperatur sei damals natürlich nicht möglich gewesen. Stattdessen habe man durch Schwefelzusatz die Gärung gestoppt und die Hefen durch Sterilfilter aus dem Wein entfernt. Diese Sterilfilter waren aber in den 1930er Jahren noch nicht in dem Maße verbreitet, dass man von einem gängigen Phänomen sprechen könnte.

Oskar Stübinger: Riecht dieser Wein nach Birne, Pferd oder gar nach Frau?

In dieses Horn stößt auch im Jahr 1958 der rheinland-pfälzische Weinbauminister Oscar Stübinger in einem Interview im Spiegel, als er den Beginn dieser Praxis sogar in die Zeit nach dem Krieg verlegt.

Das Interview ist nicht nur in dieser Hinsicht aufschlussreich, sondern bietet an anderer Stelle ein Plädoyer für den deutschen Wein, dessen Argumentation herausragend ist und hier nicht verschwiegen werden kann. Frauen aufgepasst!:

Und einen reinen Wein! Dann aber sind die Qualitäten, die wir hier in Deutschland erzielen und erzeugen, so weltüberragend, daß man eine solche Sache nicht aufgeben kann. Nun will ich Ihnen noch kurz erklären, warum unsere deutschen Weine so sind. Das hängt in erster Linie mit folgendem zusammen: Jedes Produkt, jedes tierische Produkt und jedes menschliche Produkt, ob wir ein Pferd nehmen oder ‘nen Menschen oder eine Pflanze, einen Apfel oder eine Birne, ist um so besser, je länger seine Vegetationszeit dauert. Wenn Sie die nordischen Menschen nehmen, je weiter Sie heraufgehen nach Norwegen oder Schweden, dann können Sie feststellen, daß die Menschen sich dort in ihrem Status und in ihrer Vegetation oder in ihrem Leben in einem viel besseren und langsameren Tempo entwickeln und heranreifen – die Damen behalten länger ihre Schönheit -, als wenn Sie Menschen in Italien nehmen. Wenn Sie eine Frau von 30 Jahren nehmen aus Oslo oder aus Schweden und stellen daneben eine Frau aus Rom, dann werden Sie wahrscheinlich bestätigt finden, daß sich die Menschen im Süden viel schneller entwickeln. Genauso ist es auch bei der Pflanze.“ (Quelle: SPIEGEL 16/1958)

Der trainierte Antifaschist erkennt natürlich schnell, was hier im Inneren des Ministers noch wütet. So hat nun der Führer, wie von den Figuren Remarques behauptet, nicht den Naturwein verdorben, sondern viel schlimmer die Hirne und Herzen der Menschen. Der Naturwein hingegen bleibt für mich ein problematischer Begriff, zu sehr ist Wein ein kulturelles Produkt. Da schlage ich mich lieber mit den diversen Bio-Etiketten herum, das ist parlamentarische Demokratie: Konkurrierende Meinungen und produktive Verwirrung über das, was richtig ist.

Dieser Blog ist eine überarbeitete Fassung eines bereits erschienenen Artikels. Er ist intensiver recherchiert (Gespräche mit Herrn Deckers & Herrn Schumann), die inhaltliche Aussage und die Zitate sind jedoch gleich geblieben. Die Neufassung erscheint im Rahmen der Weinrallye # 50 zum Thema “Naturwein”. Infos zur Weinrallye hier.