Mein alter Kollege Christoph, ein ausgebildeter Sänger, der seit Jahrzehnten Kunden bei einer großen Weinhandelskette glücklich macht, hält nichts von den meisten italienischen Weißweinen. „Weißt, Jan,“ raunte er mir einst im Vertrauen zu,“ mir ham amal a oide Kundin ghabt, die hat immer gsagt, wenn ich ihr an italienischen Weißen hingestellt hab, dass der nach Kotze riecht. Und recht hat´s ghabt.“ Nun, so einfach ist die Sache natürlich nicht. Aber auch meinen Gaumen, der sich gerne an belebender Säure und frischer Frucht labt, hat italienischer Weißwein bisher wenig beeindruckt. Sollte sich das bei einem Besuch vor Ort ändern?

Nicht der schiefe Turm von Pisa, aber dennoch schön. Turm in Levanto. Zweck unklar, weil nicht öffentlich begehbar.

Um Pfingsten ging es mit der Familie nach Ligurien. Wieder war ich weintechnisch nicht vorbereitet, hoffte aber diesmal mit dem neuen Smartphone Informationen beschaffen zu können, die mir vor Ort weiterhelfen würden. In dieser Hinsicht wurde ich enttäuscht. Irgendwie dauerte alles zu lange oder ich hatte den falschen Tarif, auf jeden Fall machte ich es wie immer, radebrechte im Weinladen, griff ins Supermarktregal oder ging in die örtliche Cantina.

Wir verbrachten die Woche in Levanto einem kleinen Städtchen, östlich von Genua gelegen, nahe bei Cinque Terre. Die örtliche DOC heißt Colline di Levanto und scheint überregional kaum bekannt, vielleicht auch weil sie ihren Status erst im Jahr 1995 erlangt hat. Allgemein krankt der ligurische Weinbau offenbar an den schwierig zu bewirtschaftenden Hanglagen, die zu hohen Preisen führen. Das kennt man ja auch von anderswo.

Nächtliche Ansicht von Levanto

Im Gegensatz zur Gegend westlich von Genua wird hier kein Rossese angebaut. Dieser Rotwein hatte mich im Jahr vorher nachhaltig beeindruckt, weil es ein heller, rubinroter Wein ist, der  gerne auch würzige, vegetabile und florale Noten hat. Insgesamt nicht der typische mediterran-vollmundige Vertreter, sondern eher fein-frisch und tanninarm, so dass man ihn durchaus leicht gekühlt zu gebratenem Fisch trinken kann. Hier vor Ort, also östlich von Genua, ist noch toskanischer Einfluss zu spüren. Die Rotweine werden wie dort aus Sangiovese und anderen Sorten, wie Ciligiolo bereitet. Ich probierte einen 2011 Rupestro, Colli di Luni DOC von Il Monticello (ca. 9,- €). Taugte mir gar nicht. Üppige, bonbonige und rotbeerige Frucht, kräftiger, grober Gerbstoff, tintig violette Farbe. Harmonierte zwar gut mit einer derben italienischen Grillwurst, aber letztlich fand ich ihn plump und uninteressant.

Eigentlich war ich ich ja ausgezogen, um weiße Weine zu probieren und der war angesichts der frühsommerlichen Temperaturen auch angebracht. Offenbar konkurrieren in Levanto drei Betriebe um die Gunst der angereisten Weintrinker, zumindest waren ihre Etiketten überall, wo ich stöberte, präsent: Die Genossenschaft von Cinqueterre, die Genossenschaft von Levanto und die Cantina Levantese. Die weißen Weine sowohl in Cinque Terre wie auch in Levanto werden meist als Cuvees aus Vermentino, Bosco und Albarola bereitet, während man westlich von Genua gerne Pigato, Lumassina oder Vermentino reinsortig ausbaut.

Ich habe von jeder Kellerei mehrere Weine probiert. Dabei fand ich insgesamt die Weine der Cantina Levantese am ansprechendsten. Um nicht mit einer langen Liste zu langweilen, hier meine Favoriten:

2010, Cinque Terre DOC, Soc. Agr. Coop. Riomaggiore (ca. 9,- €): Eher reif gelbfruchtige Noten, milde bis spürbare Säure, schlankvoller Körper, schöne Länge. Gut bis sehr gut.

2010, Lievàntu, Costa di Legnà, Colline di Levanto DOC, Coop. Agr. Vallata di Levanto (ca. 8,-€): In eine feinfrische Fruchtigkeit mischt sich Nussig-Würziges. Feine Säure und angenehm leicht. Gut.

2011, Costa di Montaretto, Colline di Levanto DOC, La Cantina Levantese (ca 8,- €): Sehr klare Frucht mit herb-frischer Note. Am Gaumen knackig frisch, modern gemacht. Gut bis sehr gut.

Die von Freund Christoph beschworenen Kotzenoten fanden sich in keinem Wein, soviel muss zur Ehrenrettung der italienischen bzw. ligurischen Winzern erwähnt werden. Stattdessen glaubte ich bisweilen den Duft von Algen oder einer Art ozeanischen Würzigkeit zu riechen…