Kaum steigt das Thermometer im Frühsommer über 10° Celsius füllt sich mein… Nein, nicht mein Kühlschrank, sondern mein Briefkasten: Alle Weinversender dieser Welt bieten mir dann schnafte Rosés für wenig Geld an, rufen eine neue Roséepoche aus oder wollen mir palettenweise Weißweine andrehen. Nichts gegen Rosé, nichts gegen Weißwein, aber der Keller ist noch mit Rotweinen voll, die ihrer Öffnung harren. Deshalb nun das Experiment: Rotwein, gekühlt!

Bester Platz von Welt bei Hitze: Im Redaktionskühlschrank mit kaltem Roten.
Die ersten Erfahrungen mit kühlschrankkalten Rotweinen machte ich bei einem Urlaub in der Toskana, wo die Literflasche der örtlichen Genossenschaft im Kühlschrank des Ferienhäuschens gebunkert wurde. “Machen wir immer so”, meinte Freund Alex, dessen Eltern das Haus vor Jahren erworben hatten. Ich hielt den Mund, weil man als Gast ja nicht gleich unangenehm auffallen will. Ich war überrascht, als sich der vermeintliche Ami-Wahnsinn als interessante und erfrischende Alternative erwies. Gut, man kann einwenden, dass ein Landwein sowieso nur nur gekühlt zu ertragen ist und der Urlaub die Sinne vernebelt.
Deshalb stellte ich zuhause ein paar Versuche mit etwas höherwertigen Weinen an. Der französische Klassiker in dieser Hinsicht ist natürlich ein Beaujolais. Da hat man ein bisschen das Problem, dass die billigen nerven und die guten schon ihren Preis haben. Letztere sind aufgrund ihres sorgfältigen Ausbaus dann wiederum mit einer Prise Gerbstoff ausgestattet, und der ist in einem kühlen Getränk eher störend.
Dann ein schwäbischer Klassiker: der Trollinger. Hundertfach höre ich gerümpfte Nasen, aber hier geht´s um Freiheit. Tatsächlich ist der gekühlt ideal zum Picknick oder zum Grillen. Selbst Sardinen vom Rost begleitet er prima. Feine Fruchtigkeit, wenig Gerbstoff, passt!
Gestern Abend, im Hof hatte es um zehn Uhr abends noch über 20°, trank ich einen Rest 2007 Durbacher Kochberg Spätburgunder Spätlese trocken WG Durbach, der den Tag im Kühlschrank verbracht hatte. Gut, kühlschrankkalt war das nix. Bei unter 10° reduziert sich die Frucht natürlich beträchtlich, aber wenn er dann die zehn Gradmarke übersteigt wird´s interessant. Eigentlich ist mir dieser Wein manchmal zu wenig trocken, die Kühle jedoch verdeckt den Restzucker und er bekam am Gaumen und in der Nase ein nette Frische, die er sonst nicht hat. Weil er außerdem tanninarm ist und keine Holzfassnoten hat, die bei Kühle prominenter werden und bisweilen die Frucht überdecken, war das ein belebender Genuss (zusammen mit einem Zigarettchen).
Insgesamt also plädiere ich im Falle von gekühlten Rotwein definitiv für Freiheit und nicht für Frevel. Die Freiheit führt vor allem dann zum Erfolg, wenn man keinen zu teuren, jung zu trinkenden und gerbstoffarmen Rotwein wählt, der nicht zu deutliche Holzfassnoten hat, was bei der Preisklasse zwischen € 5-11 sowieso eher selten ist.
Auf jedenfall fällt das unter Freiheit, irgendwie muss man bei den warmen Temperaturen ja einen klaren Kopf bewahren