Manche nennen mich Betonkopf, weil ich Übersee-Weine gerne aus meinem Weinkeller heraushalte. Regionalitätsfreaks finden das natürlich prima, aber Vorurteile sind dazu da geknackt zu werden. Diese Chance bietet sich mir: Ich teste das Chateau-Direct-Paket „Kollektion Chile“.
Chile

Die Kiste ist groß (vier verschiedene Weine, je drei Flaschen). Der Preis pro Flasche im Paket beläuft sich auf € 6,50. In der Einzelbestellung kosten die Weine sonst zwischen € 6,90 und € 9,90.

Wie die meisten Weine Chiles stammen auch meine vier Weine aus dem Valle Central. Diese 1000 km lange Hochfläche wird im Westen durch ein niedriges Küstengebirge vom Pazifik abgegrenzt und im Osten durch die bis zu 6000 m hohen Anden. Das Klima ist nicht zwar nicht homogen, die Hanglagen im Osten und Westen profitieren deutlich von kühleren Nächten durch die herabströmende kühlere Luft von den Bergen, im Allgemeinen ist das Klima jedoch mediterran. Bewässert wird nahezu überall, früher durch ein Kanalsystem, das Schmelzwasser aus den Gebirgen brachte, heute vermehrt durch Tropfbewässerung.

#1

Don Cayetano Carménère Vintage Selection Colchagua Valley 2011Zunächst probiere ich den 2011 Carménère Vintage Selection Colchagua Valley von Don Caetano. Die Rebsorte Carmenère ist im Bordeaux selten geworden, in Chile ist sie recht populär. Lange hielt man die Bestände für Merlot bis man Anfang der 1990er Jahre merkte, dass es sich in Wahrheit um Carmenère handelte. In der Nase mittel komplex und fruchtig. Noten von Rhabarber, Sauerkirsche und Fruchtmousse, aber durchaus frisch und nicht gekocht. Am Gaumen mittlere Länge und insgesamt gut. Ein wenig erinnerte mich der Wein an gut gemachten Dornfelder oder Cabernet Dorsa, wobei der Carmenére tatsächlich nicht so tintig in der Farbe ist. Don Caetano ist kein eigenes Weingut, sondern ein Label für den englischen Weinhändler Lathwaithes von Vinos Luis Felipe Edwards, einem der großen Spieler in Chile.

#2

rio-verde-cabernaet-sauvignonDer zweite Wein: Für den 2010 Los Lingues Cabernet Sauvignon Valle Central von Casa del Rio Verde zeichnet auf dem Etikett der Chefönologe Adolfo Hurtado vom Weingut Cono Sur verantwortlich. Von welchem Weingut die Trauben stammen, lässt sich daraus nicht ablesen, Casa del Rio Verde ist offenbar eine Handelsmarke. Cono Sur selbst ist nach Selbstauskunft sehr um Umweltschutz und Nachhaltigkeit bemüht, vermutlich auch um Leute wie mich davon zu überzeugen, dass es kein ökologischer Wahnsinn ist, Weine aus Chile zu trinken. Ideologie beiseite. Wie schmeckt er denn? Das Bukett ist deutlich und komplex. Recht klare Frucht, Cassis, Stachelbeere, etwas Zimt. Am Gaumen schöne Säure, schlank-voller Körper, mittlere Länge. Unkomplizierter guter Cabernet Sauvigon, der Speisen vorteilhaft begleitet. Als Solist addiert sich der feine, aber präsente Gerbstoff dann doch etwas auf.

#3

Cono Sur Gran Valle de Niebla Reserve Pinot Noir Valle Central 2011Der dritte Wein ist ein 2011 Gran Valle de Niebla Reserve Pinot Noir Central Valley von Cono Sur. Das Weingut firmiert wiederum nicht auf dem Etikett, sondern nur in einer Abkürzung versteckt auf dem Rückenetikett. Cono Sur ist für seinen Pinot Noir bekannt, und als Spätburgunderfreund lechze ich nach neuen Erfahrungen. Alle Flaschen sind mit Schrauber verschlossen, dieser hier sogar mit einem Schrauber, der kein Metallinlay hat, sondern eines aus Plastik. Also eigentlich ein Kronkorken, und dies bei einem Wein der nicht reduziert € 9,90 kostet. Dunkles, transparentes Rubinrot. Deutliches und ordentlich komplexes Bukett, das neben fruchtigen Noten auch Florales und Würziges aufweist. Insgesamt etwas vielschichtiger als die anderen Weine. Die Säure ist bei diesem Wein am prominentesten, aber weit entfernt von dünnen Burgundern ähnlicher Preisklasse. Schlank-voller Körper, mittlere Länge. Insgesamt eine interessante Erfahrung, auch weil ich ihm die Säure qua Vorurteil nicht zugetraut hätte.

#4

Santa Rita Merlot The Patriots DO 2011Wein Nr. 4: 2011 The Patriots Merlot Central Valley von Santa Rita glänzt mit einem nationalistischen Etikett und markigem Eigennamen. Diesen Wein findet man nicht auf der weingutseigenen Website, es handelt sich wieder um eine Händlerabfüllung; er dürfte aber dem Gutsmerlot „120“ entsprechen, der wiederum zu 20 Prozent im Barriquefass ausgebaut ist. Den markigen Namen trägt er aufgrund einer Episode der chilenischen Geschichte. Während des Unabhängigkeitskrieges in Chile im Jahr 1891 versteckten sich 120 Freiheitskämpfer im Keller des Weingutes – da waren die französischen Edelrebsorten bereits importiert.

Dunkles, nicht transparentes Kirschrot. Sehr deutliches Bukett, ordentlich komplex. Sehr tiefe, üppige Frucht (Heidelbeere, Cassis, Brombeere). Am Gaumen eine Spur Vanille, milde bis spürbare Säure, voller Körper, im mittleren Abgang auch etwas wärmend. Diesen Wein deklariert Chateau Direct als seinen meist verkauften chilenischen Wein, und ich verstehe auch warum. Er ist tief dunkelrot, die Frucht ist üppig, die Säure spürbar, aber nicht herausfordernd, das Holzfass schmeichelt, der Körper ist ob des Alkohols und des Extrakts voll. Ein technisch gut gemachter Wein, der alle Bedürfnisse des “normalen Rotweinkonsumenten” erfüllt.

Mein Fazit

Wer nach unkomplizierten und dabei eher dicht-üppigen als schlanken Rotweinen in der Liga bis acht Euro sucht, wird mit den Weinen aus diesem Paket definitiv glücklich werden. Da ist kein Durchfaller dabei, die Qualitäten sind homogen und gut. In der Tendenz haben mir der Gran Valle Niebla Pinot Noir und der Patriots Merlot am besten gefallen. Die Weine sind durchweg alkoholstark, eine minimale Kühlung der Weine ist deshalb zu empfehlen. Und dann, jetzt bin ich mal ketzerisch, kann man sie genießen wie einst den Beaujolais: Unkompliziert zum Grillen, gemütlich zu zweit oder einfach zur kalten Platte. Außer man ist ein Betonkopf.