Ehrlich gesagt, habe ich noch nie libanesische Weine probiert. Um die Probe wenigstens mit etwas ethnologischer Kompetenz zu untermauern, gingen wir mit unseren Probeflaschen in den libanesischen Imbiss BeirutBeirut in München. Höhenflug oder Absturz?
BeirutBeirut - Libanesische Essen

Mehr als ein Imbiss

Um es vorweg zu nehmen, es wurde ein Höhenflug. Imbiss hört sich ein wenig despektierlich an, für das was hier geboten wird. Wirt Khudor Lamaa hat eine harte Gastroschule hinter sich: „Ich war fünfzehn Jahre Barkeeper, aber irgendwann kommt der Punkt, an dem du dich entscheiden musst. Gerade, wenn du Familie hast.“ Deshalb hat der Sohn libanesischer Eltern dem Nachtleben Servus gesagt und im Münchner Stadtteil Sendling einen Falafel-Imbiss eröffnet, der von der Atmosphäre und der Qualität seines Angebots her eigentlich eine kleine Restaurantperle ist. Wäre der Begriff nicht durch Tiefkühlmarke und die 80er Jahre verdorben, könnte man auch Bistro sagen.

Khudor bewirtet uns nach Ladenschluss privat, denn er darf keinen Alkohol ausschenken. Während er herrliche Vorspeisen und Kleinigkeiten, die sog. Meza, auftischt, öffnen Kollege Kay und Michael Liebert die ersten Flaschen. Alle Weine stammen vom libanesischen Weingut Chateau Ksara. Sechs sind es an der Zahl, die uns der Online-Händler Xanthurus zur Verfügung gestellt hat.

Weißwein & Meza
Ksara Blanc de Blancs 2011 zu den VorspeisenKsara Blanc de L'Observatoire zu den VorspeisenMichael, Kay und Jan bei der Verkostung

Wir beginnen mit 2011 Blanc de Blancs Chateau Ksara, einer Cuvée aus Chardonnay, Sauvignon Blanc und Sémillon. Mich erinnert der Wein ob seiner Würzigkeit ein wenig an ligurischen Vermentino. Er ist leicht, frisch und zeigt in der Nase eher Würziges und Florales als Fruchtiges. Am Gaumen international trocken, milde bis spürbare Säure und mittlere Länge, insgesamt gut.

Zum sensationellen Tabouleh, das Khudor mit sehr viel Petersilie und relativ wenig Bulgur zubereitet, passte der Wein ob der Säureaddition nicht so gut wie zum Falafel. Dieser wiederum ist wirklich der beste, den ich je gegessen habe. Er enthält keinerlei Streck- und Bindemittel (Fett, Mehl o. ä.) wie die Tiefkühlware in den normalen Dönerbuden und wird frisch ausgebacken. Khudor sieht sich als Traditionalist beim Bereiten seiner Speisen: „Falafel ist eine Speise die eine jahrhundertelange Geschichte hat. Da will ich nichts dazuerfinden, denn die Tradition empfinde ich als Geschenk und Verantwortung gleichermaßen.“

Die Röstaromatik der knusprigen Kruste des Falafel passt auch gut zum zweiten Weißen, einem 2011 Blanc de l´Observatoire Chateau Ksara. Auch dies eine Cuvée (Sauvignon Blanc, Muscat, Clairette), die ebenfalls einige wenige Monate im Holz verbracht hat. In der Nase ebenfalls zurückhaltend, hier dominieren jedoch fruchtige und florale Noten. Am Gaumen frisch, international trocken, mit spürbarer Säure und gewisser Substanz. Insgesamt gut bis sehr gut.

Der dritte Wein 2011 Sunset Chateau Ksara (Cabernet Franc, Syrah) ist ein Rosé (saignée), der laut Weingut besonders gut zur orientalischen und mediterranen Küche passt. Bei diesem Wein war sich unsere Runde einig. Ein bisschen Erdbeere im Bukett, am Gaumen eher schlicht, hintenraus fein Bitteres. Ein sehr unaufregender Charakter, insgesamt befriedigend bis gut.

Dafür passt er zum Hummus und zu Fattoush, einem feinen Salat aus Radieschen, Gurke, Tomate, Minze und gerösteten Brotstücken. Gastgeber Khudor gesellt sich nun zu uns und klärt uns erstmal auf. Der Wein als Speisenbegleiter sei schön und gut, traditionellerweise sei aber der Anisschnaps Arak das Getränk der Wahl. Auch den hat das Chateau Ksara im Portfolio, aber wir sind ja hier zum Weintesten und läuten die nächste Runde ein.

Rotwein und Basela

Zum warmen Tellergericht, das Khudor täglich wechselnd anbietet, probieren wir drei Rote. Das Gericht heute ist Basela (Rindfleisch mit jungen Erbsen, Karotten und Eiernudelreis), das ein wenig schlicht wirkt, neben den ausdrucksstarken und vielseitigen Vorspeisen, aber durchaus mundet.
Grandiose VorspeisenMr. BeirutBeirut - Khudor LamaaKsara Chateau 2008Jan notiertWunderbares HauptgerichtBeirutBeirut

Chateau Ksara gehört zu den ältesten und größten Weingütern des Libanon und ist – das ist auch der Geschichte geschuldet – stark französisch beeinflusst. Das zeigt sich auch am Rebsortenportfolio, das alles umfasst, was bei unserem Nachbarn Rang und Namen hat.

Wir starten mit 2010 Le Prieuré Chateau Ksara (Cinsault, Carignan, Syrah, Cabernet Sauvignon). Den hätte ich bei einer Blindverkostung nach Sardinien oder Südfrankreich gesteckt. Ein transparentes Kirschrot, im Bukett rote Früchte (rote Johannisbeere, Himbeere), nicht nur frisch, auch reif, dazu etwas Teer und Gewürze, auch animalische Noten. Insgesamt ein rassiger Charakter und gut. Passt zum Basela wunderbar, weil die Frucht nicht zu dominant ist.

Der 2010 Réserve de Couvent Chateau Ksara stellt seine Fruchtigkeit weitaus deutlicher zur Schau. Dunkles, nicht transparentes Kirschrot. Noten dunkler, roter Früchte (schwarze Johannisbeere), voller Körper, in sich harmonisch, aber mit Biss, Säure und Gerbstoff. Der Wein ist teilweise im Holz ausgebaut, hat aber keine offenen Holznoten. Für den Preis sehr gut. Internationaler Stil, aber nicht glatt gebügelt. Den kann man zwar zum Basela trinken, aber eigentlich verlangt dieser Wein nach mehr Röstaromatik im Essen oder einer gehaltvollen, würzigen Sauce.

Auch die Topcuvée des Hauses der 2008 „Chateau“ Chateau Ksara ist ein paar Nummern zu groß für das Essen. Die klassische Bordeaux-Mischung (Cabernet Sauvignon, Merlot, Petit Verdot) ist auf Konzentration und Ausdruck getrimmt. Dunkles, nicht transparentes Kirschrot. Deutliches Bukett, das gleichermaßen frisch und reif ist. Noten dunkler Beeren, die den Duft der anderen Komponenten im derzeitigen Reifezustand überlagern. Am Gaumen trocken, wenig spürbare Säure, sehr saftig, fleischig, körperreich, bei viel weichem Gerbstoff und guter Länge. Der hohe Alkoholgehalt von 14 Vol.% ist nicht zu schmecken und zeigt sich auch nicht im Bukett. Insgesamt ein sehr gefälliger und sehr guter Wein mit Entwicklungspotential.

Fazit:

Unser Gastgeber Khudor hat mit seinem BeirutBeirut ein feinen, kleinen Ort geschaffen, der uns kulinarisch und atmosphärisch ausgesprochen überzeugt hat. Für die Speisen unseres Traditionalisten waren die beiden Weißen, der Rosé Sunset und der rote Le Prieuré gut geeignet, der Réserve de Couvent und der Chateau fordern andere Gerichte.

Die Weine von Chateau Ksara für sich selbst gesehen bieten Unterhaltung auf hohem technischen Niveau. Alle sind sauber, sorgfältig bereitet und das Preis-Leistungsverhältnis in allen Kategorien stimmt. Ein wenig vermissten wir bei den Weinen das Andere, das Neue, das wir Eurozentriker mit einem Land assoziieren, das wir exotisch finden. Chateau Ksara hingegen will mit modernen und international kompatiblen Weinen auf ausländischen Märkten gefallen. Und das Zeug dazu haben diese Tropfen.

Meine Favoriten waren der 2011 Blanc de l´Observatoire und der 2010 Réserve de Couvent. Beide haben eine unaufdringliche Art, in der sich kühle französische Eleganz und orientalische Wärme auf angenehme Weise verbinden.