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Auch dieses Jahr veranstaltete der Bodenseewein e.V. seinen Internationalen Müller-Thurgau Preis. Der Vereinsvorsitzende Dr. Jürgen Dietrich, seines Zeichens auch Direktor des Staatsweingutes Meersburg, hatte gerufen, und viele Winzer waren diesem Ruf gefolgt. Mit 289 zur Verkostung angestellten Weinen nahmen rund dreißig Prozent mehr Weine als im Vorjahr teil.

Nicht die Fachjury, sondern das Bläserquintett der Knabenkapelle Meersburg, das den Siegern ein Ständchen spielt. (Foto Jürgen Kurlbaum)

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Das hier ist ein vinophiler Reisebericht, der keine ausführlichen Verkostnotizen und Weingutporträts enthält, sondern in dieser Hinsicht nur einen Kurzüberblick bietet. Die Detailinformationen folgen nach Weingut sortiert in den nächsten Wochen. Also immer mal wieder reinschauen.

Die Freiheit ruft! Ohne Frau und Kinder flitze ich in unserem Auto endlich mal ohne Kekskrümel, aber mit ordentlich lauter Musik (Daft Punk) von München aus Richtung Südwesten. Ich will ein paar Tage in Meersburg am Bodensee verbringen, mich dort erholen und ein paar Weine probieren. Es ist Donnerstagmittag. Am Nachmittag will ich Herrn Dr. Jürgen Dietrich treffen, den Direktor des Staatsweingutes Meersburg, der gleichzeitig Vorsitzender des BodenseeWein e.V. ist.

Als ich in Meersburg ankomme, bleibt noch Zeit, ein Hotel zu suchen. Ich möchte etwas Altmodisches ohne Wellness und mit Atmosphäre, am liebsten wie in Jacques Tatis bezauberndem Film „Die Ferien des Monsieur Hulot“ mit Schwingtüre (Uänggh!) zum Speisesaal. Das gibt es nicht (mehr). Noch ist Vorsaison, manches ist geschlossen, vieles schaut gruslig aus. Ich finde einen Kompromiss. Das Hotel Seehof.

Von außen schön bunt, innen zuviel Weiß (Foto © Otto Buchegger)

Von außen erkennt man noch den Charme der 50er Jahre und immerhin bewohne ich ein Zimmer zum Hafen mit tollem Blick und Balkon, auf dem ich rauchen kann. Die Einrichtung des Zimmers verschweige ich, alles sauber, alles weiß, alles nichts. Das ehemals zum Hotel gehörende Restaurant im Erdgeschoß ist nun ein italienisches Kaffeehaus, zum Frühstücken muss man in ein fußläufig gelegenes Hotel desselben Betreibers. Adieu Speisesaal.

Ein Treppenhaus, das einen an die Hand nimmt

Einzige Reminiszenz an die Jacques-Tati-Vergangenheit ist das Treppenhaus des Nachteinganges. Das ist zwar gefährlich laut Karl-Heinz, aber zu dem kommen wir noch.  Das Zimmermädchen ist noch nicht soweit, also deponiere ich mein Gepäck und gehe kurz etwas essen.

GrüßGottPizzaFantaServus! Muss auch mal sein. Mein Zimmer ist immer noch nicht fertig und ich stapfe etwas atemlos von der Unterstadt über eine Steinstiege in die Oberstadt. Von dort ist es nicht weit bis zum Staatsweingut Meersburg, das hochherrschaftlich über dem See thront.

Freundlich raschelt Herr Dietrich in vernünftiger, regenabweisender Jacke heran und nimmt mich mit auf eine kleine Tour durch Kelterhaus und Kellerei. Ich betrachte verzaubert die Maischeerhitzungsanlage, durch die hier alle Rotweine gejagt werden. Das bringt, laut Herrn Dietrich, mehr Farbtiefe, betont die Fruchtigkeit und verhindert unreife Gerbstoffe. Über eine lange, alte Steintreppe gelangen wir in den Fasskeller. Das Gebäude samt Keller wurde von den Fürstbischöfen von Konstanz erbaut. Mit der Säkularisation Anfang des 19. Jahrhunderts gelangte es in den Besitz des neugegründeten Großherzogtums Baden, bevor es nach Ende der Monarchie in Deutschland in Staatsbesitz überging. Heute ist das Bundesland Baden Württemberg der Eigentümer. Die Weißweine werden kühl vergoren, die Rotweine jenseits der Literqualitäten unterschiedlich lang in großen Holzfässern (Stück und Doppelstück) oder Barriquefässern ausgebaut.

Daran kommt man in Meersburg nicht vorbei: Das Staatsweingut

Aus dem Fasskeller bringt mich Herr Dietrich schließlich in sein Direktionszimmer, vorbei an der Ahnengalerie der ehemaligen Direktoren des Staatsweingutes. Herr Dietrichs Bild hängt dort noch nicht und „das soll auch eine Weile noch so bleiben“. Der Blick aus seinem Zimmer über den See ist traumhaft, fürs Interview nehme ich Platz an einem großen Holztisch mit meterlanger Eckbank.

Freund & Förderer des Seemüllers: Dr. Jürgen Dietrich

Bereitwillig gibt der Direktor Auskunft über das Staatsweingut und die Aktivitäten des BodenseeWein-Vereins. Ziel ist es, über Bereichs-, Länder- und Weinbaugebietsgrenzen hinweg, die Identität des Bodenseeweins zu stärken. Letztlich verbindet den badischen Winzer am Bodensee mehr mit seinen württembergischen und bayrischen Kollegen vor Ort als mit den badischen Kollegen im Kraichgau oder am Kaiserstuhl. Auch die Weine sind einander natürlich ähnlicher. Insbesondere der Müller Thurgau aus der Gegend, der „Seemüller“, wie Herr Dietrich ihn schmunzelnd nennt, gilt als Paradewein der Region. „Schlank, elegant, rieslingartig mit Aromen eines frisch angeschnitten, aber nicht grünen Apfels“, das sei für ihn der idealtypische Seemüller.

Endlich wieder mit einem Ideal und ein paar hilfreichen Tipps für meinen Aufenthalt ausgestattet, verabschiede ich mich und besuche nun den angenehm modernisierten Verkaufsraum. Dort verkoste ich die ersten, wenigen Müller-Thurgau des neuen Jahrgangs 2010, die bereits abgefüllt sind, und einige Spätburgunder-Rotweine aus 2008/9. Herauszuheben sind dabei zwei Weine: Der 2010 Meersburger Lerchenberg, Müller Thurgau, Qualitätswein trocken, Staatsweingut Meersburg überzeugt mit frischer und saftiger Art. Der 2008 Meersburger Rieschen, Spätburgunder Qualitätswein trocken, Staatsweingut Meersburg hingegen bietet für seine Preisklasse (ca. € 9,-) eine recht komplexe und seltene Aromatik.

Später folge ich einem Tipp aus dem Hause und esse im Seehotel Off zu Abend. Fast will ich rückwärts wieder aus der Tür, als ich im Inneren des Gastraumes stehe. Echter 80er-Jahre-Intercity-Style: Farblich dominiert Türkisgrün und blasses Lila bei brachialem Lichtdesign. Die Säulen der Frühstücksbuffettheke sind mit wellenartig-geformten Spiegeln verziert, flussartig mäandern Steinplatten vom Teppich gesäumt über den Fußboden. Man sitzt auf Korbstühlen mit Blumenpolstern und hat einen hervorragenden Blick in die Küche, weil es offenbar keine Küchentür gibt.

Der Service ist bemüht, schnauft aber ständig im Vorbeigehen, weil Gäste sich über eine lange Wartezeit beschweren. Ich bestelle Kalbsbäckle in St. Laurent-Sauce mit Gemüse und Rösti und dazu einen 2009 Spätburgunder trocken, Holzfass, Weingut Thomas Geiger. Fleisch und Gemüse finde ich prima, die Rösti hingegen sind eigentlich ein Kartoffelpuffer, weil sie aus rohen nicht aus gekochten Kartoffeln gemacht sind. Auch die Dicke des Fladens entspricht mit etwa einem Zentimeter eher einem Puffer. Der Wein mundet, Herr Geiger steht sowieso auf meiner Liste.

Mein Wunsch nach einem „kleinen“ Stück Käse für danach wird prompt erfüllt. Serviert wird mir ein faustgroßer Haufen aus gummiartigen Hartkäsewürfeln, angeblich Bergkäse, den ich mit einigen Zahnstochern bearbeiten soll. Ich tue was ich kann: „Lieber den Mage verrenkt als dem Wirt was gschenkt!“ und gehe beschwingt ob des Weines und erschüttert ob dieser Art von Gastronomie ins Hotel.

Wohnt dahinten die Freiheit?

Am folgenden Freitagmorgen genieße ich erstmal den Blick aus meinem Zimmer auf den See. Der entschädigt für vieles, das wissen natürlich auch die Hotelpächter. Dann packe ich mein Radl aus dem Kofferraum und breche zum Weingut Thomas Geiger auf, das oberhalb des Sees am Rande von Meersburg im Dorf Riedetsweiler liegt. Auf dem Weg dorthin fällt mir am Fahrrad die Kurbel samt Pedal ab. Schiebend und schwitzend erreiche ich seinen Hof.

Kein Fußballkumpel, sondern ein Mitarbeiter. Rechts Thomas Geiger.

Thomas Geiger birst vor Energie. Aus dem kleinen Hof seiner Eltern („Mit Glück gabs früher ab und zu mal eine Banane“) hat er ein florierendes Familienunternehmen gemacht: Weingut, eigene Ferienwohnungen, Schnapsbrennerei und Besenwirtschaft. Die Ehefrau hilft und hat zwei Boutiquen in Meersburg. Nebenher fährt er Motorradrennen oder absolviert Triathlonwettbewerbe. „Bloß keine Weinreisen,“ sagt er, “im Urlaub will ich abschalten“. Als kantiger und offener Charakter ist er fest in seiner Umgebung verwurzelt. Fanfarenzug und Fussballkumpels sind ihm wichtiger als das „Popolecken bei Weinkritikern“. Ich bin gespannt auf seine Weine, doch fürs Verkosten vorerst keine Zeit mehr. Thomas Geiger wirft mir ein paar frisch gefüllte Weine in den Rucksack, drischt mit einem Pflasterstein meine Kurbel samt Pedale wieder ans Fahrrad und drückt mir kräftig die Hand. Angesteckt von diesem Lebensmut sause ich hinunter an den See, wo mir die Kurbel erneut abfällt. In der heimischen Verkostung gefiel mir der 2010 Meersburger Fohrenberg, Müller Thurgau Kabinett trocken, Weingut Thomas Geiger wegen seiner frischen, unkomplizierten Art am besten. Ein perfekter Seemüller!

Am Abend besuche ich die Winzerstube Zum Becher im Herzen der Meersburger Oberstadt. Schon vor der Türe weckt das Gasthausschild Vorfreude. Die Leuchtstoffröhren als Beleuchtung für das altertümliche Schild veranschaulichen einen pragmatischen Zugang zur Kultur. Eben keine historisierende Retrofunzel.

Durchweg empfehlenswert. Keine Pommesbude.

Innen eine gemütliche alte Gaststube, dunkles Holz, weiße Tischdecken und eine höchst freundliche und sehr aufmerksame Bedienung. Es scheint als wärs die Wirtin selber gewesen. Ich wähle das kleine Menü und ergänze es um eine Fischvorspeise, dazu bestelle ich einen 2008, Hagnauer Burgstall, Grauburgunder Qualitätswein trocken, Winzerverein Hagnau. Um es kurz zu machen, alles ist wunderbar. Die Fischterrine fein, der Felchenrogen interessant, die Grießklößchensuppe heiß, die Poulardenbrust im rosa Pfefferrahm saftig, die Kräuternudeln duftig, das Dessert üppig. Vielleicht könnte der Münsterkäse, den ich zusätzlich bestelle, etwas reifer sein. Aber das trübt meinen großen Genuss ebensowenig wie sage und schreibe acht verschiedene, verzehrbare Deko-Elemente auf dem Nachtischteller (Braucht man wirklich schon Erdbeeren und Trauben um diese Jahreszeit?). Der Hagnauer Grauburgunder begleitete das Essen sehr angenehm. Ein bisschen hinkt der Gaumeneindruck der Nase hinterher, was bei dieser Rebsorte gerne mal passiert. Insgesamt wirkte der Wein nicht ganz ausgewogen. Der hohe Alkohol (13,5 vol), die deutlich spürbare Säure und der eher schlanke Körper standen nicht im idealsten Verhältnis zueinander. Dennoch zog ich beglückt von soviel guter Speis von dannen.

Auf der Suche nach einem Ort für einen letzten Dämmerschoppen erleide ich zunächst Schiffbruch. Um diese Jahreszeit, in der nicht einmal weinselige Touristen das nächtliche Stadtbild verschönern, wirkt Meersburg ausgestorben und ein wenig trostlos, trotz oder oder gerade wegen seiner altertümlichen Kulisse.

An den See, denke ich. Entlang der Promenade gehe ich, bis ich ein Lichtlein seh´. Es leuchtet in der kleinen Gaststätte der Minigolfanlage. Im Gastraum sind ein paar Freunde der Nacht versammelt, würfeln, trinken und reden. Bei einem Schoppen Müller-Thurgau des Winzerverein Hagnau komme ich ins Gespräch und erfahre doch einiges von Fährschiffer Joe, Allroundtalent Anja, Friseurin Klara und Weinküferlehrling Karl-Heinz. Letzterer hält mein Faible für das hölzerne Treppenhaus im Hotel für fatale Romantik: „Wenn das brennt, geht da kein Feuerwehrmann mehr rein“. Ich wechsele nun vernunfthalber zur Weinschorle, die von Wirt Rudi jedoch sehr wohlwollend interpretiert wird. Gegen Mitternacht finde ich den Weg ins Hotel. Friedvolle Dunkelheit umgibt mich im weichen, weißen Bett. Vereinzelt rufen Möwen. Warum aber dreht jemand das Hotel?

Frreundliche Frränkin am Bodensee: Krristin Krress

Der Samstag sieht mich früh um 10 Uhr vor dem Seegut Kress im benachbarten Hagnau. Die Inhaberin Frau Kress eilt mit einer Bäckertüte herbei und stellt mich im Verkostungsraum ab. Ich grüße sie freundlich von Direktor Dietrich, in dessen Verein dieses Weingut kein Mitglied ist. Frau Kress lächelt und bald klärt sie mich darüber auf, warum dem so ist. Vor zehn Jahren hatte sie mit ihrem Mann zusammen den Austritt aus der Hagnauer Winzergenossenschaft betrieben. Dieser Prozess lief nicht ohne Schwierigkeiten ab, weshalb man seither lieber an getrennten Tischen sitzt. Da der Winzerverein Mitglied im Bodenseewein-Verein ist, hat sich die Familie Kress gegen eine Mitgliedschaft entschieden.

Auch hier muss ich merken, dass mein Reisezeitpunkt ungünstig gewählt ist. Wie viele andere füllt das Seegut Kress erst in den nächsten Wochen den neuen Wein, so dass ich zunächst nur die Weißen aus 2009 probieren kann. Dieser Jahrgang war nicht unproblematisch, weil massiver Hagel die Erntemenge drastisch reduziert hatte. Auch Familie Kress hatte sich mit Zukäufen aus anderen Bereichen Badens behelfen müssen. Doch ich habe Glück, als Herr Kress mit einer Fassprobe des 2010 Weißburgunder trocken, Seegut Kress den Raum betritt. In der Nase dominiert frische Frucht mit Noten von Birne & Quitte. Dezente Anklänge auch von Gelbfruchtigem. Am Gaumen ist er trocken bei spürbarer Säure, schlankem Körper und mittlerer Länge. Er wirkt naturgemäß jugendlich, zeigt jedoch in seiner Frische bereits etwas von späterer Eleganz. Nachdem nun ein paar Kollegen aus der Gastronomie die Hütte stürmen und Frau Kress zusehends mit Beschlag belegen, trete ich den Rückzug an.

Der Nachmittag gerät unangenehm. In Japan haben Erdbeben und Tsunami weite Landstriche verwüstet. Kernkraftwerke in der Region sind dadurch beschädigt worden. Eine nukleare Katastrophe scheint unabwendbar. Das schlägt mich nieder. Gerne gebe ich zu, dass German angst mir nicht unbekannt ist. Schließlich raffe ich mich doch wieder auf, nachdem ich eigentlich alle Termine für den Tag abgesagt hatte. Mit einem neuen Mietradl, das viel zu klein ist, fahre ich zunächst zum Weingut Peter Krause. Nach kurzem Warten wird mir geöffnet, doch Herr Krause hat wenig anzubieten. Auch er füllt den 2010er Jahrgang erst in den nächsten Wochen. Ich fahre zum See hinunter, dessen Wasserstand niedrig ist. Hellgrauer, getrockneter Schlick überzieht die Steine am Ufer. Die wenig wärmende Sonne bleicht die davor liegenden Wolken. Der See schimmert grau. Mir ist kalt.

Warm wird mir erst wieder am Abend in der Winzerstube Zum Becher. Die mit einer Brätfarce gefüllte Kalbsbrust mit Spätzle schmeckt ausgezeichnet, der Spätburgunder trocken aus hauseigenen Parzellen im Meersburger Fohrenberg ist ordentlich.

Sonntagmorgen. Der Himmel ist bedeckt. Ich habe Großes vor. Am Mittag will ich im 30 Kilometer entfernten Langenargen eintreffen, wo ich den Vater meines Schwagers besuchen will. Das bedeutet zwei Stunden auf einem zu kleinen Fahrrad bei leichtem Gegenwind und unpassender Kleidung. Einziges Highlight auf dem Hinweg, die hochherrschaftliche Dampferanlegestelle von Schloss Friedrichshafen, das im Besitz des Hauses Württemberg ist. Auf dem Foto nicht zu sehen, ist eine Frau, die unweit des Steges auf einer Aussichtsparkbank im Gebüsch in einem Schlafsack liegt und sich wie ich eine Zigarette dreht.

Ein Steg, der einen großen Dampfer braucht oder gar keinen.

Das Etappenziel ist erreicht. Zusammen mit Herrmann gehe ich zum Schwedi, einem gutbürgerlichen Gasthaus mit Hotel, eine Institution direkt am See. Zum knusprig saftigen Felchen (Renke) Müllerin Art gibt es Salzkartoffeln und Salat, begleitet von einem Müller-Thurgau-Schoppen vom Hagnauer Winzerverein. Besser kann man Fisch nicht braten. Die  Bedienung ist resolut und durchdringend freundlich, nur die bedruckten Servietten nerven, weil man damit die Speisereste nur um den Mund herum verreiben kann, anstatt sie abzutupfen.

Was ist an diesem Denkmal merkwürdig? Ich komm nicht drauf.

Herrmann ist alt, er ist gläubiger Katholik und kennt sich gut in Geschichte aus. Wir unterhalten uns lange. Über den Glauben, die Geschichte, die Familie und den Kommerz. Man muss mehr mit solchen Leuten reden. Es tut gut und man kann etwas lernen. Nach einem Kaffee bei ihm zuhause, klebe ich ihm noch seine grüne Abgasplakette rechts oben an die Windschutzscheibe seines Autos, weil er da schlecht hinkommt. Dann gehts zurück. Vorbei am Friedrichshafener Zeppelinbrunnen, auf dem eine mopplige Putte mit Zeppelin im Arm steht.

Der Abend bricht herein und ich erinnere mich an meinen Abend in der Minigolfkneipe. Karl-Heinz hatte erzählt, dass heute Abend ein großes Feuer oberhalb der Weinberge in Meersburg entzündet würde, der sogenannte Funken. Mit Feuer scheint er sich auszukennen. Der Funken ist offenbar ein Brauch im schwäbisch-allemannischen Raum. Junge Männer bauen am Wochenende nach Aschermittwoch riesige Scheiterhaufen aus Holzpaletten und alten Christbäumen. Von Samstag auf Sonntag muss der Haufen bewacht werden, ähnlich wie im Bayerischen der Maibaum, damit er nicht von den konkurrierenden Nachbarn abgefackelt wird. Auf dem Haufen thront eine Art Figur, die Hexe. Am Sonntag wird dann bei Dunkelheit der Funken angezündet.

Meersburger Funken 2010: Teuflisch heißes Brauchtum

Fürs leibliche Wohl ist gesorgt. Heißer Apfelmost, Kuchen, Wurst und Bier. Hier gibts ausnahmsweise keinen Wein. Als ich eintreffe wird gerade vorgeglüht. Karl-Heinz sieht müde aus, Friseurin Klara bearbeitet heftig ihr Handy wie schon neulich Nacht, allein Allroundtalent Anja wirkt frisch und freundlich. Ich kaufe ihr eine Wurst und heißen Apfelmost ab, der im Abgang wärmend ist, hier ein durchaus gewünschter Effekt, denn langsam wird es kühl in der Abenddämmerung.

Euer 13° Blogger vor Ort

Die Spannung steigt. Vor dem großen Brand schleudern die jungen Burschen glühende Holzscheiben in den nächtlichen Weinberg hinab, die von Sprüchen begleitet werden. Eine Art Brauchtumstwitter, bei der Nachrichten versandt werden, für einen bestimmt, von allen gehört. Frauen können beeindruckt werden, Konkurrenten geschmäht. Inzwischen haben sich ein paar Hundert Zuschauer eingefunden. Dann bilden die Burschen einen Fackelkreis und es geht los. Feurio!

Beeindruckt vom haushohen Flammenmeer und herrlich durchgewärmt radle ich ins Hotel zurück.

Am nächsten Morgen packe ich meine Koffer und verlasse das Hotel. Kurz besuche ich den Meersburger Winzerverein, wo ich einen 2010 Meersburger Sängerhalde, Müller Thurgau Qualitätswein trocken probiere. Ich finde das Süße-Säurespiel wenig animierend, dieser Seemüller erinnert eher an ein schlecht aufgepumptes Schlauchboot als an eine lustige Segeljolle. Knackig frisch hingegen erscheint der 2010 “Spargel” Müller Thurgau Qualitäswein trocken des Winzervereins Hagnau. Die blumig-duftige Eleganz des Seemüllers vermisse ich zwar auch hier, doch da will der Wein, wie der Name “Spargel” schon sagt, gar nicht hin. Auch die Hagnauer füllen den Großteil des neuen Jahrgangs erst demnächst.

Im erstmals wärmenden Licht der Frühlingssonne trete ich den Heimweg an. Das schöne Jacques-Tati-Hotel habe ich nicht gefunden, es versteckt sich vielleicht nur woanders oder ist eine Illusion des Träumers. Das Hotel, das als Kulisse für den Film diente, gehört inzwischen zur Best-Western-Hotelkette.

Der Seemüller hingegen ist lebendig. Wegen hoher Erträge und leichter Kultivierbarkeit in den Folgejahren des Wirtschaftswunders hoch gepriesen, hat die Weinwelt den Müller Thurgau in den letzten 20 Jahren über die Maßen verdammt. Zügelt man jedoch seine Ertragsstärke, vinifiziert ihn sorgfältig und hält den Restzucker in Grenzen, gibt es für diese Schmähungen keinen Grund. Das beweisen besonders die Müller aus Franken und vom Bodensee. Die eher milde Säure der Rebsorte wird durch die Höhenlage der Weinberge am Bodensee ausgeglichen. Der See liegt auf knapp 400 Meter über Meereshöhe, die Weinberge können sich bis über 500 Meter erstrecken.  Nie sollte der Seemüller buttrig oder schwer sein, ein schlanker Körper zeichnet ihn aus. Das macht ihn ihn zu einem vielseitigen Speisebegleiter und einem dankbaren Solisten. Seine Struktur verlangt keine Nachreifung im Keller. Innerhalb der ersten Jahre zeigt er sein ganzes Potential. Der Seemüller kann also im besten Falle sanfte Frische mit einer blumig-duftigen Eleganz vereinen, die ihm das milde Seeklima schenkt. Und damit passt er in den Alltag und zur regionalen Küche erheblich besser als die meisten “großen” Weine von sonstwoher.