Und rein ins Getümmel. Nach einem Tag hinter der Theke der örtlichen Möwenpick-Weinlandfiliale treffe ich meine 13-Grad-Kollegen auf der Forum Vini 2010 in München. Samstagabend 19 Uhr. Die Bude ist brechend voll. Meine Beine schmerzen. Aber jetzt gilts. Die Kollegen absolvieren gerade den Mundus-Vini-Parcours und ich steige über die Seilabsperrung, weil mir das Warten in der Schlange zu blöd ist. Doch eigentlich habe ich keine Lust auf diese serielle Trinkerei bzw. Spuckerei, wenn doch nette Menschen hinter den Theken warten, uns von ihren Weinen zu überzeugen. Also brechen wir aus dem Boxring aus und ziehen weiter.

Forum Vini Messe, München

Ester Stop beim Weingut Beiser, dessen Weine die Verwandtschaft des Kollegen gerne kauft. Ich koste den einfachen Spätburgunder und den im Barrique ausgebauten, beide von 2008: 14 % Alkohol, die Farbe spielt ins Granat-Ziegelsteinfarbene und die Frucht wirkt hochreif und gedörrt. Nicht mein Fall. Nach einem milden Lemberger der Weingärtner Cleebronn-Güglingen brauchen wir etwas Frisches. Wir steuern die Vinothek Schilcher Stöckel an, offenbar einem Zusammenschluss einiger steirischer Winzer. Der rotbackige Mann in Trachtenjanker und Hut gibt uns eine freundliche Einführung in den Schilcher. Dann offeriert er uns die drei Ausbauarten: Weißwein, Rosé und Rotwein. Eine herrliche Säureattacke folgt. Spritzig, belebend, fein, nervig! Der rote Schilcher glänzt mit herzhaftem Gerbstoff. Wenn da Restzucker drin ist, muss man ihn mit der Lupe suchen. Erfrischt sehen wir uns weiter im Weinland Österreich um, probieren samtigen Blauburger und klassischen Zweigelt.

Dann bin ich wieder bereit für deutschen Spätburgunder. Das Weingut Platz und das Weingut Wolfgang Oberhofer aus der Pfalz offerieren solche für wenig Geld. Inmitten wahrer Flaschenbatterien stehen gutgelaunte Männer und schenken aus und schenken aus. Mir haben sie nicht geschmeckt. Ich fand sie untypisch, unausgewogen und zu mild. Dann noch ein Versuch mit dem rheinhessischen Weingut Müser aus Worms. Auch hier eine Restsüße, die nicht stützt, sondern schlägt. Auf meine freundliche Frage an das Paar hinter der Theke, warum sie ihren Spätburgunder nicht trockener bereiten, kommt eine lapidare Antwort: „Weil die Kunden es so wünschen.“ Ja, da haben sie natürlich recht. Vielleicht soll ich dann doch österreichischem Pinot Noir eine Chance geben, denke ich und stehe vor Herrn Josef Sailer vom Weingut Sailer aus Großhöflein im Burgenland. Sein Stand ist klein. Keine Flaschenbatterien, keine 50 Sorten. Auch der Mann ist nicht groß, aber sein Wein spielt dann schon in einer anderen Liga. Wir kosten seinen 2007 Blaufränkisch Wulka und seinen 2009 Pinot noir. Erster fleischig und voll, zweiter noch unrund. Herr Sailer ist auskunftsfreudig und ich bin froh, einem Fachmann zuhören zu können, der keine Frage offen lassen will. Der Pinot noir ist frisch gefüllt und vielleicht noch zu jung, die Nase offenbart momentan wenig deutliche Frucht. Aber im Mund deutet sich das Potential an. Freundlich verabschiedet er uns mit Handschlag.

Es folgen weitere Spätburgunder. Vom Weingut Hart in Franken eine Spätlese trocken, vom Weingut Karl-Heinz Gaul ein trockener im Barrique ausgebauter Spätburgunder, ein französischer Pinot Noir der Domaine du Clos Gandin, ein Spätburgunder des Weingut Maier in Baden-Baden. Auch bei letzterem wieder eine erfreuliche Erscheinung hinter der Theke. Ein junge Sommelière antwortete kompetent und freundlich. Auch sympathisch die Einstellung ihres Chefs, der so die junge Dame, das Regionale liebt: Also sind die Eichenfässer eben aus Spessarteiche und nicht von sonstwoher. Originell und deshalb dann ein Fläschchen mitgenommen: die fränkisch trockene 2008er Spätburgunder Spätlese vom Randersackerer Sonnenstuhl des Weinguts Martin Göbel. Dieser Wein hat eine eigene Art und wenig Restzucker. (Laut Eichelmann 2010 verwendet Göbel deutsche Spätburgunderklone keine französischen.) Er überzeugte mich, ebenso wie die knorrig-authentische Bedienung des fränkischen Originals hinterm Stand. Ungleich teurer und aufwendiger bereitet ein Spätburgunder des fränkischen Winzerkellers Sommerach. Dieser Stand, seine Weine und das Design atmen strenges Bemühen um Qualität und Corporate Identity. Das wirkt naturgemäß ein bisschen international-beliebig, doch der Wein schmeckte mir.

Den krönenden Abschluss bildete dann jedoch ein Weißwein: ein 2009er Thörnicher Ritsch, Riesling feinherb, alte Reben vom Weingut Lorenz in Detzem an der Mosel. Ein herrlich ausbalancierter Wein, der in diesem Moment alles offenbarte, was ich bei den Rotweinen an diesem Abend oft vermisst hatte: Reife und Frische. Klarheit und Struktur. Überzeugend kompetent und zurückhaltend liebevoll wurde er präsentiert von Frau Maria Lorenz, der Ehefrau des Inhabers. Schnell nach Hause nun, dachten wir und bestiegen die U-Bahn. Die war gut gefüllt mit bestens gelaunten Menschen. Tatsächlich waren darunter weniger Weinrentner, sondern reichlich Leute unter 35 Jahren. Das freute mich.