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Nachdem dreizehn° die Spargel-liebt-Silvaner-Aktion von Culinarium Bavaricum unterstützt, haben wir natürlich auch ein paar Silvaner probiert (und tun es immer noch). Knallhart repräsentativ ist die Auswahl nicht, denn unter den Kostproben sind auch ein paar 2010er Weine. Die Weindetails und Wertungen sind natürlich auch auf dreizehn° einzusehen.

Die Lichtbrechung im Glas verkleinert meine Nase: Danke Kay!
Die Lichtbrechung im Glas verkleinert meine Nase: Danke Kay!
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Auf der Suche nach Abwechslung im Weinglas kreuzte ich neulich durch die Weinabteilung von Galeria Kaufhof am Münchner Marienplatz. Auf meine Frage welchen Käse er zu einem fränkisch trockenen Spätburgunder vom Weingut Martin Göbel in Randersacker empfehlen könne, murmelte der Weinfachberater Unverständliches. Nun, Käse und Wein ist eine Wissenschaft für sich, dachte ich. Dann frage ich ihn eben etwas über einen Wein in seinem Regal und zeigte auf einen 2008 Roter Bronnbacher (Qualitätswein, trocken) vom Weingut Alte Grafschaft. Welche Rebsorten seien denn im Roten Bronnbacher, fragte ich und erhielt die Antwort, Roter Brombacher selbst sei die Rebsorte. Freudig über diese Neuentdeckung strebte ich mit der Flasche heimwärts.

Dort schmeckte sie mir gut zur abendlichen Vesper mit Wurst, Schinken und Käse: Die Farbe ein helles, transparentes Kirschrot mit Rubinreflexen. In der Nase Noten von Kirsche, Dunkelbeerigem, Rote Beete und leichte Würznoten. Am Gaumen frische, kühle Frucht, wenig Gerbstoff, milde Säure, eher deutsch trocken als international trocken. Sicher keine körpereiche Wuchtbrumme, aber ein angenehmer Speisebegleiter leichterer Art mit moderatem Alkoholgehalt (12,5 Vol.%). Weil ich nun mehr über die Rebsorte erfahren wollte, suchte ich später am Abend im Netz danach und fand: nichts. Ein Besuch auf der Homepage des Weinguts Alte Grafschaft, ergab in dieser Hinsicht auch keine Erhellung. Erst eine Mail an den Besitzer Norbert Spielmann brachte dann schließlich Aufklärung: Der Rote Bronnbacher ist ein reiner Cabernet-Dorsa und stammt aus dem Bronnbacher Josefsberg. Weil der Weinberg nahe dem Kloster Bronnbach so altehrwürdig sei, habe er keine neumodische Rebsorte aufs Etikett schreiben wollen, so Spielmann. Damit hätte die Geschichte eigentlich ein Ende finden können, wäre ich nicht neugierig geworden, denn Bronnbach liegt im Taubertal.

Das Taubertal ist eine komplizierte Weinbaugegend, auf deren Geschichte und Weine ich vor einigen Jahren stieß, als ich einen Kurzurlaub auf dem Hof von Stefan Krämer verbrachte. Er betreibt ökologischen Land- und Weinbau in Auernhofen in Franken. Zwar stehen seine Weine publizistisch im Schatten des benachbarten Winzerhofes Stahl, wo Weinkritiker Stuart Pigott in diesem Jahr seinen ersten eigenen Wein vinifiziert hat, doch tatsächlich überzeugen die Krämer-Weine mindestens ebenso. Der sympathische Stefan Krämer berichtete bei diesem Besuch von den Identitätsproblemen des Bocksbeutels ebenso wie von der Schwierigkeit, ein Taubertaler Winzer zu sein. Das Taubertal gehört in verschiedenen Abschnitten nämlich zu drei deutschen Weinbaugebieten (Franken, Württemberg und Baden), obwohl es geografisch eine Einheit bildet, und das Terroir entlang des Flusstales halbwegs homogen ist. So tun sich die Winzer bei der überregionalen Vermittlung und Vermarktung ihrer Weine schwer, denn eine dreigeteilte Identität ist eben keine Identität.

Die Steillage Kaffelstein im Maintal

Warum ist das Taubertal so seltsam dreigeteilt und was hat das mit dem Weingut Alte Grafschaft zu tun? Die merkwürdige Teilung hat beispielsweise zur Folge, dass zwei ausgewiesen gute Lagen, die Norbert Spielmann mit seinem Kompagnon Christof Dinkel für das Weingut in 2009 erwarb, in zwei verschiedenen Anbaugebieten liegen, obwohl nur ein Fluss die beiden Lagen trennt. So die Reicholzheimer Lage Satzenberg und die Kreuzwertheimer Lage Kaffelstein. So what, fragt sich der geneigte Leser. Der Kaffelstein – vom Staatlichen Hofkeller Würzburg erworben – liegt im Weinbaugebiet Franken ebenso wie das von Fürst Löwenstein gekaufte Kellereigebäude. Der Satzenberg jedoch liegt im Weinbaugebiet Baden, weshalb die Trauben eigentlich nicht ins Fränkische hinüber transportiert und dort verarbeitet werden dürfen. Warum nicht? Nun, grob gesagt ist das ein (ungewünschter) Effekt des Verbraucherschutzes. Trauben aus Baden sollen eben nicht einfach qua Transport zu Frankenwein werden können. Wenn Spielmann und Dinkel die bürokratischen Hürden nicht überwinden können, droht im schlimmmsten Fall der Neubau eines (badischen) Kellereigebäudes. Eine Großinvestition, die das junge Unternehmen vor Probleme stellen dürfte.

Napoleons Bezwinger: Christoph Dinkel & Norbert Spielmann

Dabei sind die Weinidealisten Spielmann und Dinkel keinesfalls blauäugig und ohne Erfahrungen in das Weingeschäft gestartet. Spielmann hat Weinküfer gelernt und vorher den Weingroßhandel der Familie geführt. Vor etwa zehn Jahren hatte er begonnen, zusammen mit dem badischen Winzer Konrad Schlör einen alte Tradition wiederaufleben zu lassen, die er über seinen Weinhandel vermarktete: Einen Alten Satz, bei dem Trauben verschiedener weißer Rebsorten gemeinsam angebaut, geerntet und ausgebaut werden. Der 2009 Wertheimer Alter Satz Alte Grafschaft vinifiziert von Konrad Schlör besteht aus Müller Thurgau, Kerner, Bacchus und Silvaner. Ein helles Strohgelb im Glas, in der Nase ein recht expressives Bukett mit Noten von Grapefruit, Mango, Stachelbeere und Gras, das einen ein wenig an einen guten Sauvignon Blanc erinnert. Am Gaumen ausgesprochen fruchtig bei belebender Säurestruktur mit mittlerem Körper und Nachhall. Nach diesem erfolgreichen Gemeinschaftsprojekt hatte Spielmann offenbar Blut geleckt und bestockte 2002 den Weingarten seiner Eltern neu, die den Weinbau eher als Hobby nebenher betrieben hatten. Er pflanzte Spätburgunder und ließ sich dabei von Paul Fürst vom Weingut Rudolf Fürst beraten, dessen Spätburgunderweine in den letzten Jahren für überregionales Aufsehen gesorgt haben. Inzwischen vermarktet Spielmann auch diese eher hochpreisigen Weine unter der neuen Marke Alte Grafschaft.

Den Kern des Weingutes bilden aber die beiden Lagen Satzenberg und Kaffelstein. Beide sind traditionsreich, steil und nur von Hand zu bewirtschaften – etwas für Idealisten eben. Mit der Vereinigung beider Lagen in einer Hand will man, so betont Spielmann, die napoleonische Teilung überwinden, wie sie auch das Etikett der Alten Grafschaft symbolisiert. Ich konnte zwei Weine aus diesen Lagen verkosten.

Der 2009 Kreuzwertheimer Kaffelstein Riesling Kabinett trocken bietet ein eher dezentes, aber vielschichtiges Bukett. Zunächst Gelb- und weißfruchtige Noten, die sich langsam und bestimmt auffalten. Birne, reifer Apfel, Banane und auch Zitrisches schafft sich jetzt Raum. Die Säure ist nervig, fein und jugendlich frisch. Am Gaumen wirkt der Wein ob seiner Jugend noch ein wenig verhalten. Insgesamt aber ein überzeugendes Beispiel dafür, was diese Lage hervorzubringen imstande ist.

Die Lage Reicholzheimer Satzenberg im Taubertal

Die 2009 Reicholzheimer Satzenberg Weißburgunder Spätlese trocken wiederum zeigt, weshalb diese Sorte für den Weißwein-Boom in deutschen Gläsern mitverantwortlich ist. Deutlich entströmt Fruchtsüße dem Glas, Aromen von Holunder, Birne, Melone und Rosinen erfüllen die Nase. Dabei erkauft sich der Wein diesen Süßeeindruck nicht mit hohem Restzucker, denn er ist international trocken. Der Wein beweist auch, dass niedriger Alkoholgehalt und trockene Ausbauweise einen Körper zustandebringen, der zwar nicht wuchtig und breit, aber eben in sich ausgewogen und kraftvoll ist. Ein Balletttänzer und kein Bodybuilder. Dieser Wein dürfte ein Speisebegleiter auf höchstem Niveau sein.

Auf die Frage, ob er sich denn nun für einen fränkischen, badischen oder gar Taubertaler Winzer halte, antwortete Spielmann pragmatisch. Man sei ein fränkisches Weingut mit Weinbergen in Baden. Nun, so ganz scheint die napoleonische Teilung dann doch nicht überwunden, aber die Weine sprechen ja eine eigene Sprache. Und die ist grenzenlos.

Ein Selbstversuch im Weinkellerclub im Trafokeller, Martin Luther-Str. 2 in München Giesing am Freitag, den 3. Dezember 2010.

Fünf Stufen hinab, durch einen schwarzen Filzvorhang hindurch, einen feuchten Kellergang entlang bis zur Klappkasse auf der Öltonne. Da lacht das Herz des einst subkulturell angehauchten Nachtschwärmers, der zwischen Arbeit und Familie nicht mehr viel Zeit findet für derartige Vergnügungen. Der Club selbst ist halbwegs geräumig. Ornamenttapete, preiswerte Kristalllüster, rotes Licht und zunächst unaufdringliche Jazz-Lounge-Mucke.

Die Bar im Weinkellerclub

Kay, mein 13-Grad-Kollege, hat mich zu diesem Selbstversuch eingeladen. In seinem Glas ist bereits ein 2008 Escherndorfer Fürstenberg Spätburgunder trocken vom Weingut Am Vögelein (Franken). Lustigerweise werden die Frankenweine auf der Karte und der großen Kreidetafel hier mit der Regionenangabe Bayern ausgezeichnet, was geographisch natürlich auch richtig, aber irgendwie doch irreführend ist.

Während er bereits seine erste Verkostnotiz in den Äther twittert, hole ich mir einen 2007 Pinot Blanc trocken der Domaine Schlumberger (Elsass). Fast alle Weine gibt es im 0,1 Glas. Das Sortiment dieses Clubabends, der heute zum dritten Mal stattfindet, wechselt.

Mit dem ersten Glas kalibriere ich meine Sinne, schließlich trinke ich Wein bisher eigentlich nur zuhause oder im Restaurant. Musik, Damen und bunte Lichter wirken also zunächst eher ablenkend vom Weingenuss, und ich vermag über diesen ersten Wein wenig zu sagen. Mit dem zweiten Glas kehrt etwas mehr innere Ruhe ein. Während ich einen 2008 Pinot Blanc Kabinett trocken vom Weingut Blankenhorn (Baden) probiere, testet Kay den 2007 Spätburgunder Jubiläum Barrique vom gleichen Weingut. Im Kontrast schmeckt mir dieser Weißburgunder besser. Die Frucht ist deutlicher und ein bissl mehr Restsüße hat er auch. Das Gegeneinanderprobieren ist im Weinkellerclub Programm. Neben vielen anderen Positionen gibt es heute drei Weinpaare die zu- gegen- oder miteinander probiert werden können: Zwei Pinot Blancs, zwei Grüne Veltliner und zwei Silvaner.

Inzwischen ist es gegen 22 Uhr, rund 80 Leute bevölkern das Gewölbe. Mehr Frauen als Männer und die meisten sind um die Dreißig. Ein, zwei ältere Paare, ein paar wilde Mädchen aus Franken und die Freunde des Türstehers Ben sorgen alterstechnisch für Abwechslung, getanzt wird trotzdem noch nicht. Um die Wartezeit bis dahin zu überbrücken, wechsle auch ich zum Rotwein. Zusammen mit Kay will ich den 2007 Sankt Laurent vom Weingut Reinisch (Thermenregion) probieren, doch der ist bereits aus. Der freundliche Gigant hinter der Theke schenkt uns deshalb ein Glas vom 2008 Ripasso Valpolicella Classico Superiore der Viticoltori Tommasi ein, der eigentlich nur flaschenweise verkauft wird. Das ist nett von ihm. Der Wein hat viel warme, breite Frucht bei mittlerem Druck und wenig Säure. Taugt mir gerade nicht, auch die Musik regt weiterhin niemand zum Tanzen an. Dafür kommt jetzt eine junge Dame vorbei, die eine kostenpflichtige Suppe in Glas mit Strohhalm anbietet. Das finde ich weniger appetitlich als das Brot, das hier in weißen Pergamentpapiertüten überall kostenlos zur Verfügung steht.

Die DJs bemühen sich nun redlich, Tanzbares wird serviert. Die Stimmung wird ausgelassener, aber auch die Weintrinker und Weintrinkerinnen tanzen nicht vor elf Uhr. Ich will zwar hüpfen, aber um der Erste zu sein fühle ich mich heute nicht hemmungslos genug. Schließlich ist das hier ein wissenschaftliches Experiment. Wir ordern ein neues Glas und sind hocherfreut über den 2009 St. Valentin Silvaner trocken der Winzergenossenschaft in Sommerach. Zunächst Zitrisches, dann aber auch reifere, gelbfruchtige Noten bei angenehmer Säure und der Milde, die der Rebsorte zueigen ist. Für Kay ist es das letzte Glas, er strebt nun heimwärts, während ich noch auf ein Tänzchen spekuliere.

Nach einer Mutzigarette draußen kehre ich zurück in den Keller und bin erfreut, denn endlich regen sich hier Glieder zu Stax-Soul und anderen Gassenhauern. Rein ins Vergnügen! Zur Erfrischung nach schweißtreibendem Tanz folgt dann noch ein Großes Gewächs, 2007 Schloßberg Silvaner trocken des Fürstlich Castellschen Domänenamtes (Franken). Das ist natürlich zu diesem Zeitpunkt Perlen vor die Säue, denn seine Reife, Würzigkeit und Länge überfordert meinen Gaumen, der jetzt eigentlich etwas knackig Frisches bräuchte. Weil nun auch die Gläserverwechselungsgefahr auf den wenigen Tischen steigt, beschließe ich den Abbruch des Experimentes. Mir hat es Spaß gemacht. Dufte Weine, ordentliche Musik, nette Leute und eine überzeugende Mannschaft. Komme ich wieder? Ja. Wein und Disco? Geht prinzipiell prima, aber zum Tanzen trinke ich kein Großes Gewächs mehr.

Mehr Infos zum Weinkellerclub sowie Bilder vom Abend (im Sommer) auf der Website vom Culinarium Bavaricum.