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Auf der Suche nach Abwechslung im Weinglas kreuzte ich neulich durch die Weinabteilung von Galeria Kaufhof am Münchner Marienplatz. Auf meine Frage welchen Käse er zu einem fränkisch trockenen Spätburgunder vom Weingut Martin Göbel in Randersacker empfehlen könne, murmelte der Weinfachberater Unverständliches. Nun, Käse und Wein ist eine Wissenschaft für sich, dachte ich. Dann frage ich ihn eben etwas über einen Wein in seinem Regal und zeigte auf einen 2008 Roter Bronnbacher (Qualitätswein, trocken) vom Weingut Alte Grafschaft. Welche Rebsorten seien denn im Roten Bronnbacher, fragte ich und erhielt die Antwort, Roter Brombacher selbst sei die Rebsorte. Freudig über diese Neuentdeckung strebte ich mit der Flasche heimwärts.

Dort schmeckte sie mir gut zur abendlichen Vesper mit Wurst, Schinken und Käse: Die Farbe ein helles, transparentes Kirschrot mit Rubinreflexen. In der Nase Noten von Kirsche, Dunkelbeerigem, Rote Beete und leichte Würznoten. Am Gaumen frische, kühle Frucht, wenig Gerbstoff, milde Säure, eher deutsch trocken als international trocken. Sicher keine körpereiche Wuchtbrumme, aber ein angenehmer Speisebegleiter leichterer Art mit moderatem Alkoholgehalt (12,5 Vol.%). Weil ich nun mehr über die Rebsorte erfahren wollte, suchte ich später am Abend im Netz danach und fand: nichts. Ein Besuch auf der Homepage des Weinguts Alte Grafschaft, ergab in dieser Hinsicht auch keine Erhellung. Erst eine Mail an den Besitzer Norbert Spielmann brachte dann schließlich Aufklärung: Der Rote Bronnbacher ist ein reiner Cabernet-Dorsa und stammt aus dem Bronnbacher Josefsberg. Weil der Weinberg nahe dem Kloster Bronnbach so altehrwürdig sei, habe er keine neumodische Rebsorte aufs Etikett schreiben wollen, so Spielmann. Damit hätte die Geschichte eigentlich ein Ende finden können, wäre ich nicht neugierig geworden, denn Bronnbach liegt im Taubertal.

Das Taubertal ist eine komplizierte Weinbaugegend, auf deren Geschichte und Weine ich vor einigen Jahren stieß, als ich einen Kurzurlaub auf dem Hof von Stefan Krämer verbrachte. Er betreibt ökologischen Land- und Weinbau in Auernhofen in Franken. Zwar stehen seine Weine publizistisch im Schatten des benachbarten Winzerhofes Stahl, wo Weinkritiker Stuart Pigott in diesem Jahr seinen ersten eigenen Wein vinifiziert hat, doch tatsächlich überzeugen die Krämer-Weine mindestens ebenso. Der sympathische Stefan Krämer berichtete bei diesem Besuch von den Identitätsproblemen des Bocksbeutels ebenso wie von der Schwierigkeit, ein Taubertaler Winzer zu sein. Das Taubertal gehört in verschiedenen Abschnitten nämlich zu drei deutschen Weinbaugebieten (Franken, Württemberg und Baden), obwohl es geografisch eine Einheit bildet, und das Terroir entlang des Flusstales halbwegs homogen ist. So tun sich die Winzer bei der überregionalen Vermittlung und Vermarktung ihrer Weine schwer, denn eine dreigeteilte Identität ist eben keine Identität.

Die Steillage Kaffelstein im Maintal

Warum ist das Taubertal so seltsam dreigeteilt und was hat das mit dem Weingut Alte Grafschaft zu tun? Die merkwürdige Teilung hat beispielsweise zur Folge, dass zwei ausgewiesen gute Lagen, die Norbert Spielmann mit seinem Kompagnon Christof Dinkel für das Weingut in 2009 erwarb, in zwei verschiedenen Anbaugebieten liegen, obwohl nur ein Fluss die beiden Lagen trennt. So die Reicholzheimer Lage Satzenberg und die Kreuzwertheimer Lage Kaffelstein. So what, fragt sich der geneigte Leser. Der Kaffelstein – vom Staatlichen Hofkeller Würzburg erworben – liegt im Weinbaugebiet Franken ebenso wie das von Fürst Löwenstein gekaufte Kellereigebäude. Der Satzenberg jedoch liegt im Weinbaugebiet Baden, weshalb die Trauben eigentlich nicht ins Fränkische hinüber transportiert und dort verarbeitet werden dürfen. Warum nicht? Nun, grob gesagt ist das ein (ungewünschter) Effekt des Verbraucherschutzes. Trauben aus Baden sollen eben nicht einfach qua Transport zu Frankenwein werden können. Wenn Spielmann und Dinkel die bürokratischen Hürden nicht überwinden können, droht im schlimmmsten Fall der Neubau eines (badischen) Kellereigebäudes. Eine Großinvestition, die das junge Unternehmen vor Probleme stellen dürfte.

Napoleons Bezwinger: Christoph Dinkel & Norbert Spielmann

Dabei sind die Weinidealisten Spielmann und Dinkel keinesfalls blauäugig und ohne Erfahrungen in das Weingeschäft gestartet. Spielmann hat Weinküfer gelernt und vorher den Weingroßhandel der Familie geführt. Vor etwa zehn Jahren hatte er begonnen, zusammen mit dem badischen Winzer Konrad Schlör einen alte Tradition wiederaufleben zu lassen, die er über seinen Weinhandel vermarktete: Einen Alten Satz, bei dem Trauben verschiedener weißer Rebsorten gemeinsam angebaut, geerntet und ausgebaut werden. Der 2009 Wertheimer Alter Satz Alte Grafschaft vinifiziert von Konrad Schlör besteht aus Müller Thurgau, Kerner, Bacchus und Silvaner. Ein helles Strohgelb im Glas, in der Nase ein recht expressives Bukett mit Noten von Grapefruit, Mango, Stachelbeere und Gras, das einen ein wenig an einen guten Sauvignon Blanc erinnert. Am Gaumen ausgesprochen fruchtig bei belebender Säurestruktur mit mittlerem Körper und Nachhall. Nach diesem erfolgreichen Gemeinschaftsprojekt hatte Spielmann offenbar Blut geleckt und bestockte 2002 den Weingarten seiner Eltern neu, die den Weinbau eher als Hobby nebenher betrieben hatten. Er pflanzte Spätburgunder und ließ sich dabei von Paul Fürst vom Weingut Rudolf Fürst beraten, dessen Spätburgunderweine in den letzten Jahren für überregionales Aufsehen gesorgt haben. Inzwischen vermarktet Spielmann auch diese eher hochpreisigen Weine unter der neuen Marke Alte Grafschaft.

Den Kern des Weingutes bilden aber die beiden Lagen Satzenberg und Kaffelstein. Beide sind traditionsreich, steil und nur von Hand zu bewirtschaften – etwas für Idealisten eben. Mit der Vereinigung beider Lagen in einer Hand will man, so betont Spielmann, die napoleonische Teilung überwinden, wie sie auch das Etikett der Alten Grafschaft symbolisiert. Ich konnte zwei Weine aus diesen Lagen verkosten.

Der 2009 Kreuzwertheimer Kaffelstein Riesling Kabinett trocken bietet ein eher dezentes, aber vielschichtiges Bukett. Zunächst Gelb- und weißfruchtige Noten, die sich langsam und bestimmt auffalten. Birne, reifer Apfel, Banane und auch Zitrisches schafft sich jetzt Raum. Die Säure ist nervig, fein und jugendlich frisch. Am Gaumen wirkt der Wein ob seiner Jugend noch ein wenig verhalten. Insgesamt aber ein überzeugendes Beispiel dafür, was diese Lage hervorzubringen imstande ist.

Die Lage Reicholzheimer Satzenberg im Taubertal

Die 2009 Reicholzheimer Satzenberg Weißburgunder Spätlese trocken wiederum zeigt, weshalb diese Sorte für den Weißwein-Boom in deutschen Gläsern mitverantwortlich ist. Deutlich entströmt Fruchtsüße dem Glas, Aromen von Holunder, Birne, Melone und Rosinen erfüllen die Nase. Dabei erkauft sich der Wein diesen Süßeeindruck nicht mit hohem Restzucker, denn er ist international trocken. Der Wein beweist auch, dass niedriger Alkoholgehalt und trockene Ausbauweise einen Körper zustandebringen, der zwar nicht wuchtig und breit, aber eben in sich ausgewogen und kraftvoll ist. Ein Balletttänzer und kein Bodybuilder. Dieser Wein dürfte ein Speisebegleiter auf höchstem Niveau sein.

Auf die Frage, ob er sich denn nun für einen fränkischen, badischen oder gar Taubertaler Winzer halte, antwortete Spielmann pragmatisch. Man sei ein fränkisches Weingut mit Weinbergen in Baden. Nun, so ganz scheint die napoleonische Teilung dann doch nicht überwunden, aber die Weine sprechen ja eine eigene Sprache. Und die ist grenzenlos.

Und rein ins Getümmel. Nach einem Tag hinter der Theke der örtlichen Möwenpick-Weinlandfiliale treffe ich meine 13-Grad-Kollegen auf der Forum Vini 2010 in München. Samstagabend 19 Uhr. Die Bude ist brechend voll. Meine Beine schmerzen. Aber jetzt gilts. Die Kollegen absolvieren gerade den Mundus-Vini-Parcours und ich steige über die Seilabsperrung, weil mir das Warten in der Schlange zu blöd ist. Doch eigentlich habe ich keine Lust auf diese serielle Trinkerei bzw. Spuckerei, wenn doch nette Menschen hinter den Theken warten, uns von ihren Weinen zu überzeugen. Also brechen wir aus dem Boxring aus und ziehen weiter.

Forum Vini Messe, München

Ester Stop beim Weingut Beiser, dessen Weine die Verwandtschaft des Kollegen gerne kauft. Ich koste den einfachen Spätburgunder und den im Barrique ausgebauten, beide von 2008: 14 % Alkohol, die Farbe spielt ins Granat-Ziegelsteinfarbene und die Frucht wirkt hochreif und gedörrt. Nicht mein Fall. Nach einem milden Lemberger der Weingärtner Cleebronn-Güglingen brauchen wir etwas Frisches. Wir steuern die Vinothek Schilcher Stöckel an, offenbar einem Zusammenschluss einiger steirischer Winzer. Der rotbackige Mann in Trachtenjanker und Hut gibt uns eine freundliche Einführung in den Schilcher. Dann offeriert er uns die drei Ausbauarten: Weißwein, Rosé und Rotwein. Eine herrliche Säureattacke folgt. Spritzig, belebend, fein, nervig! Der rote Schilcher glänzt mit herzhaftem Gerbstoff. Wenn da Restzucker drin ist, muss man ihn mit der Lupe suchen. Erfrischt sehen wir uns weiter im Weinland Österreich um, probieren samtigen Blauburger und klassischen Zweigelt.

Dann bin ich wieder bereit für deutschen Spätburgunder. Das Weingut Platz und das Weingut Wolfgang Oberhofer aus der Pfalz offerieren solche für wenig Geld. Inmitten wahrer Flaschenbatterien stehen gutgelaunte Männer und schenken aus und schenken aus. Mir haben sie nicht geschmeckt. Ich fand sie untypisch, unausgewogen und zu mild. Dann noch ein Versuch mit dem rheinhessischen Weingut Müser aus Worms. Auch hier eine Restsüße, die nicht stützt, sondern schlägt. Auf meine freundliche Frage an das Paar hinter der Theke, warum sie ihren Spätburgunder nicht trockener bereiten, kommt eine lapidare Antwort: „Weil die Kunden es so wünschen.“ Ja, da haben sie natürlich recht. Vielleicht soll ich dann doch österreichischem Pinot Noir eine Chance geben, denke ich und stehe vor Herrn Josef Sailer vom Weingut Sailer aus Großhöflein im Burgenland. Sein Stand ist klein. Keine Flaschenbatterien, keine 50 Sorten. Auch der Mann ist nicht groß, aber sein Wein spielt dann schon in einer anderen Liga. Wir kosten seinen 2007 Blaufränkisch Wulka und seinen 2009 Pinot noir. Erster fleischig und voll, zweiter noch unrund. Herr Sailer ist auskunftsfreudig und ich bin froh, einem Fachmann zuhören zu können, der keine Frage offen lassen will. Der Pinot noir ist frisch gefüllt und vielleicht noch zu jung, die Nase offenbart momentan wenig deutliche Frucht. Aber im Mund deutet sich das Potential an. Freundlich verabschiedet er uns mit Handschlag.

Es folgen weitere Spätburgunder. Vom Weingut Hart in Franken eine Spätlese trocken, vom Weingut Karl-Heinz Gaul ein trockener im Barrique ausgebauter Spätburgunder, ein französischer Pinot Noir der Domaine du Clos Gandin, ein Spätburgunder des Weingut Maier in Baden-Baden. Auch bei letzterem wieder eine erfreuliche Erscheinung hinter der Theke. Ein junge Sommelière antwortete kompetent und freundlich. Auch sympathisch die Einstellung ihres Chefs, der so die junge Dame, das Regionale liebt: Also sind die Eichenfässer eben aus Spessarteiche und nicht von sonstwoher. Originell und deshalb dann ein Fläschchen mitgenommen: die fränkisch trockene 2008er Spätburgunder Spätlese vom Randersackerer Sonnenstuhl des Weinguts Martin Göbel. Dieser Wein hat eine eigene Art und wenig Restzucker. (Laut Eichelmann 2010 verwendet Göbel deutsche Spätburgunderklone keine französischen.) Er überzeugte mich, ebenso wie die knorrig-authentische Bedienung des fränkischen Originals hinterm Stand. Ungleich teurer und aufwendiger bereitet ein Spätburgunder des fränkischen Winzerkellers Sommerach. Dieser Stand, seine Weine und das Design atmen strenges Bemühen um Qualität und Corporate Identity. Das wirkt naturgemäß ein bisschen international-beliebig, doch der Wein schmeckte mir.

Den krönenden Abschluss bildete dann jedoch ein Weißwein: ein 2009er Thörnicher Ritsch, Riesling feinherb, alte Reben vom Weingut Lorenz in Detzem an der Mosel. Ein herrlich ausbalancierter Wein, der in diesem Moment alles offenbarte, was ich bei den Rotweinen an diesem Abend oft vermisst hatte: Reife und Frische. Klarheit und Struktur. Überzeugend kompetent und zurückhaltend liebevoll wurde er präsentiert von Frau Maria Lorenz, der Ehefrau des Inhabers. Schnell nach Hause nun, dachten wir und bestiegen die U-Bahn. Die war gut gefüllt mit bestens gelaunten Menschen. Tatsächlich waren darunter weniger Weinrentner, sondern reichlich Leute unter 35 Jahren. Das freute mich.