Verschwitzt erreiche ich auf meinem Fahrrad Riedetsweiler, einen Ortsteil von Meersburg am Bodensee. Auf den Hügeln oberhalb des Sees streiten sich Obstplantagen, Weinberge und eine nicht immer ansehnliche Ortsrandbebauung um die visuelle Vorherrschaft. Hier betreibt Thomas Geiger sein Weingut, vermietet Ferienwohnungen und führt in einigen Monaten des Jahres auch eine Besenwirtschaft.

Über Umwege ist er zum Weinbau gelangt. Eigentlich gelernter Schreiner übernahm er den elterlichen Hof mit Viehwirtschaft im Jahr 1986 und setzte nach einer Ausbildung zum Kellermeister landwirtschaftlich gesehen alles auf die alkoholische Karte: Neben seinen Weinen sind auch seine Edelbrände mehrfach ausgezeichnet.

Direkt und ehrlich: Thomas Geiger

Thomas Geiger ist ein Mann mit Ecken und Kanten. Im Interview gibt er deutlich zu erkennen, was ihm wichtig ist und was er hasst. So findet er Weinwettwerbe, die überhöhte Summen für die Anstellung fordern, dann die Erwähnung des eigenen Siegerweins im Printmedium vergessen und schließlich noch eine Gebühr für eine nachträgliche redaktionelle Erwähnung fordern, unerträglich.

Im Gegenzug lobt er jedoch die AWC-Vienna, bei der sein 2009 Graubugunder  im letzten Jahr mit Gold und einem dritten Platz ausgezeichnet wurde. Die Preise für die Anstellung seien fair, die Einzelverkostung in der österreichischen Weinbauschule Klosterneuburg professionell und die Präsentation der Siegerweine werde sogar mit einem Repräsentanten unterstützt, falls man als Winzer an diesem Tag verhindert sei.

Doch wichtig sind ihm alle diese Preise nicht. Wichtig ist ihm ein ehrliches Produkt, das seinen Preis hat und andererseits nicht überteuert ist. Im Gegensatz zu anderen Weingütern in der Gegend arbeite er mit zwei polnischen Erntehelfern, die inzwischen eingearbeitet seien und denen er “deutsche” Stundenlöhne zahle. Jedes Jahr eine komplett neue Lesetruppe für billiges Geld, gehe letztlich auf Kosten der Qualität.

Das Kapitel “Arbeitsbedingungen von Saisonarbeitern im deutschen und internationalen Weinbau” ist im übrigen wenig beachtet. Das muss nicht so bleiben, wenn soziale Standards für Produkte in Zukunft weiter in den Fokus der Verbraucher rücken und gerückt werden.

Thomas Geiger ist nicht nur ehrgeizig und umtriebig, sondern er kümmert sich auch. Deshalb ist er mit der Betriebsgröße von 3,3 ha ganz zufrieden. Sie ermöglicht ihm die vollständige Kontrolle, die er bei einem größeren Betrieb nicht hätte. “Wenn du bei mir einen prämierten Wein kaufst, dann hat der die gleiche Prüfnummer wie der Wein vom Wettbewerb”, sagt er und verweist auf größere Konkurrenten, welche die beste Charge einreichen, aber das gesamte Kontingent entsprechend vermarkten.

Das Weingut Thomas Geiger samt Ferienwohnungen

Hohes Augenmerk richtet er auch auf die Weinbergsarbeit. Wenn der Jahrgang es zulässt, strebt er Erträge um die 60hl/ha an. Hinzu kommen exakte Laubarbeit und Ertragsreduktion durch Traubenschnitt. Nach dem Katastrophenjahr 2009, in dem ein brutaler Hagelschlag für eine erhebliche Verminderung der Ernte sorgte, ist er mit 2010 eigentlich ganz zufrieden. “Die Menge ist kleiner als im Durchschnitt, aber die Qualität stimmt.”

In der heißen Phase vor der Abfüllung führt ihn der Weg des Morgens immer in den Keller, um zu schauen, “was die Kinder so machen”. So nennt er seine Weine, die leiblichen sind bereits im jungen Erwachsenenalter. Ihre Begeisterung für Computer, Facebook und Co. teilt er nicht. Auch hier ist er gnadenlos “old school”: “Ich möchte meine Kunden sehen, wissen, wie ihnen der Wein schmeckt.” Natürlich hat er eine Webseite, doch sein wichtigster Vertriebsweg ist der direkte Kontakt mit den Menschen.

Wie bereitet nun der Direktwinzer seine Weine und wie schmecken sie? Die Weißweine werden kühl vergoren, die Rotweine kurz erhitzt und maischevergoren, manche Qualitäten anschließend im kleinen Holzfass kurz (2-6 Monate) ausgebaut. Thomas Geiger hält nichts von einem langen Fasslager, weil es die Fruchtigkeit der Weine beeinträchtigen würde. Alle Weine werden mit Zuchthefen vergoren.

Der Sortenspiegel umfasst Müller Thurgau, Weißburgunder, Grauburgunder, Muskateller und – als einzige rote Rebsorte – Spätburgunder. Zwar werden die Burgundersorten öfter prämiert, doch die “Brot- und Buttersorte” ist der Müller Thurgau, der für den Großteil des Umsatzes sorgt. 50 Prozent von Geigers Rebfläche sind damit bestockt. Warum ist der Müller so erfolgreich? “Er ist vielseitig, spritzig, eignet sich als Schorlewein genauso wie als Solist auf der Terrasse im Sommer oder zum Essen. Außerdem hat er hier am See die Säure, die er braucht, um nicht zu fad zu wirken,” meint Thomas Geiger.

Weil nun aber die Arbeit ruft, verabschiedet er mich freundlich und drischt mir noch mit einem Pflasterstein die Fahrradkurbel samt Pedale ans Rad, die mir auf dem Hinweg abgefallen war. Schwer wiegt mein Rucksack, denn darin ist ein Teil von Geigers Kollektion, die ich schließlich zuhause und mit Muße verkoste.

Verkostete Weine:

2010, Meersburger Fohrenberg, Müller Thurgau “Edition”, Qualitätswein trocken, Weingut Thomas Geiger:

Helle, transparente, grüngelbe Farbe. Deutliches, halbwegs komplexes Bukett. Im Vordergrund Noten gelber und weißer Früchte (Quitte, Birne, Holunder), dazu Noten von Humus, Farn. Im Hintergrund Zitrisches (Grapefruit). Am Gaumen trocken, nur leicht spürbare Säure, feinste Bitternoten. Mittlerer Körper, mittlere Länge. Leicht wärmendes Mundgefühl. Insgesamt gut, doch die Nase verspricht mehr, als der Gaumen hält.

2010, Grauburgunder Qualitätswein trocken, Weingut Thomas Geiger:

Helles, transparentes Strohgelb. Hohe Viskosität. Das Bukett ist deutlich und komplex. Noten reifer, süßer Frucht (Melone, Aprikose, Mirabelle). Dazu im Hintergrund Hagebutte und Nüsse. Am Gaumen trocken, bei milder Säure, vollem Körper und langem Nachhall. Insgesamt ein gehaltvoller, stoffiger Wein, dessen Fülle aber nicht ölig wirkt. Begleitet sicher auch Fleischgerichte gut, wie z. B. Züricher Kalbsgeschnetzeltes mit Rösti.

2010, Meersburger Fohrenberg, Spätburgunder Rosé, Edition, Weingut Thomas Geiger:

Klares, helles Lachsorsa. Das Bukett ist einfach und zart. Frische, helle Fruchtnoten (Erdbeere, Himbeere), im Hintergrund Marzipan. Am Gaumen trocken, bei spürbarer Säure, leichtem Körper und mittlerer Länge. Feinste Bitternoten im Abgang. Der Wein wirkt noch jugendlich unausgeglichen.

2010, Spätburgunder, Qualitätswein trocken, Weingut Thomas Geiger:

Transparentes Purpurrot bei mittlerer Viskosität. Deutliches, einfaches Bukett. Frische, aber sehr nach Bonbon duftende Frucht (Sauerkirsche, Süßkirsche) und fein Nussiges. Am Gaumen trocken bei feinem Gerbstoff und spürbarer Säure. Leichter Körper und gerade mal mittlere Länge. Insgesamt ein ordentlicher Wein, aber ich bin kein Freund der Bonbonfruchtigkeit.

Meine Favoriten:

2010, Meersburger Fohrenberg, Müller Thurgau, Kabinett trocken, Weingut Thomas Geiger:

Helles, transparentes Grüngelb bei mittlerer Viskosität. Ordentlich deutliches, einfaches Bukett. In der Nase Noten von Zitrusfrüchten, Apfel, im Hintergrund Exotisches (Ananas). Am Gaumen trocken, spürbare Säure, leichter Körper, mittlere Länge.

Insgesamt ein leichter, frischer, fruchtiger Wein, der sich sowohl als Solist wie auch als Speisebegleiter eignet. Für mich kam dieser Wein mit seiner spritzigen Leichtigkeit dem Ideal des “Seemüllers”, das sich im Laufe der Reise herausgebildet hatte, am nächsten.

 

2009, Spätburgunder, Qualitätswein trocken, “im Eichenfass gereift”, Weingut Thomas Geiger:

Helles Kirschrot mit purpurfarbenen Reflexen bei mehr als mittlerer Viskosität. Das Bukett ist zart und komplex. Rote Früchte (Kirsche, Brombeere) und Würziges. Am Gaumen trocken bei feinem Gerbstoff, kaum spürbarer Säure und wohlgeformtem Körper. Gute Länge. Diesen Wein, als einziger in dieser Reihe ein 2009er, trank ich in einem Meersburger Lokal zu einem Kalbsbäckle mit Rösti. Er wirkte stoffig und schön strukturiert. Insgesamt prima!