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Die Idee

Kurz vor Weihnachten des letzten Jahres bietet Jacques´ Weindepot einen Einzellagenriesling vom Staatsweingut Kloster Eberbach an, genauer gesagt einen 2009 Hochheimer Kirchenstück Riesling Qualitätswein trocken (Rheingau) für € 12,50. Weil dort normalerweise nur Gutsabfüllungen in der Verkostung stehen, eile ich vor Ort. Ein kurzer Vergleich mit dem Standard-Riesling des gleichen Weinguts (€ 8,95) an der Verkostungstheke lässt mich etwas ratlos zurück. Dafür Dreifuffzich mehr? Trotzdem kaufe ich eine Flasche, im Unbewussten gärt wohl schon die Idee für diesen Blogeintrag. Und so besorge ich in der Folge eine ganze Reihe 2009er Hochheimer Kirchenstücke von verschiedenen Winzern in ähnlicher Preiskategorie.

Detlef Gross: Noch zuversichtlich (Foto privat)

Kann man Lage schmecken, lautet der selbst gewählte Forschungsauftrag ans dreizehn°-Team. Von noch komplexeren Fragestellungen oder so komplizierten Begriffen wie Terroir wollen wir uns bewusst fernhalten, nachdem eh niemand genau weiß, was darunter zu verstehen ist. Als externen Experten rufen wir Detlef Gross hinzu, der eine feine, kleine Weinhandlung in München-Sendling führt (Arte Vini) und diplomierter Weinakademiker (WSET) ist. Im Gegensatz zu uns weiß er nur, dass es bei der Blindprobe um deutsche Weißweine  geht. Erst hinterher wollen wir die große böse Frage stellen, ob irgendetwas die Weine verbindet.

Die Lage

Das Hochheimer Kirchenstück liegt im östlichen Rheingau in der Gemeinde Hochheim am Main. Die Lage umfasst 14,9 Hektar. Der VDP klassifiziert sie als „Erste Lage“ und das Bundesland Hessen erlaubt daraus ein „Erstes Gewächs“ herzustellen. Die Autoren Bratz, Sauter und Swoboda stufen die Lage in ihrem unverzichtbaren „Weinatlas Deutschland“ (Hallwag Verlag) als „privilegiert“ ein. Den Weintyp charakterisieren sie folgendermaßen: „Weine mit komplexen Volumen. Gleichzeitig schafft der Riesling hier den Spagat zwischen voller Frucht und mineralischer Dichte, nuanciert mit einer zarten Säure.“ Es handelt sich beim Kirchenstück also durchaus um eine Rebfläche, der man allerorten Großes zutraut.

Da wir manche Weine ab Weingut bestellt hatten, fragten wir am Telefon nach den Eigenheiten des Kirchenstücks in Abgrenzung zur noch etwas prominenteren Lage Hochheimer Hölle. In der Tendenz beschreiben die meisten Winzer und Winzerinnen den Riesling aus dem Kirchenstück als elegant, verspielt, kapriziös und filigran, während die Hölle-Weine eher als würzig, kräftig, nachhaltig und maskulin eingeschätzt wurden.

Die Blindprobe

Doch nun ran an den Speck. Wir verkosten die Weine blind im Schott Zwiesel Sensus-Glas.

Kandidat Nr. 1:

2009, Hochheimer Kirchenstück, Riesling Qualitätswein trocken, Staatsweingut Kloster Eberbach (€ 12,50). In der Nase: Dezentes Bukett. Zitrisches (Grapefruit), reifer Apfel, Noten von Weißblühendem. Am Gaumen trocken, spürbare Säure, schlanker Körper, Nachhall gerade mal mittel. Insgesamt finden wir ihn frisch und  sauber, aber doch auch unausgewogen, weil die Säure zu spitz und dominant erscheint. Den Preis finden wir für das Gebotene unfair.

Kandidat Nr. 2:

ist ein Pirat von der Nahe: 2008, Riesling trocken, Weingut Emrich-Schönleber, Nahe (€ 8,90). In der Nase: Deutliches Bukett. Noten von reifen gelben Früchten (Banane, Quitte, Birne), dazu erdige-würzige Aromen. Am Gaumen trocken, spürbare Säure, mittlerer Körper und mittlere Länge. Insgesamt erscheint uns der Wein harmonisch, die Säure zwar deutlich, aber integriert. Die Nase verspricht etwas mehr, als der Wein letztlich bietet. Der Preis ist jedoch angemessen.

Kandidat Nr. 3:

2009, Hochheimer Kirchenstück, Erstes Gewächs, Riesling trocken, Weingut Himmel (€ 15,-). In Nase: Intensives und komplexes Bukett. Exotische Frucht (Maracuja), dazu Noten von Orange, Pfirsich, Aprikose, Birne. Ganz leichte mineralische Anklänge. Am Gaumen trocken, bei spürbarer und reifer Säure. Körperreich und gute Länge. Leicht wärmendes, aber nicht unangenehmes Mundgefühl. Insgesamt ein reichhaltiger und dennoch eleganter Wein, der auch Speisen mit hellem Fleisch und Soße begleiten kann.

Kandidat Nr. 4:

2009, Hochheimer Kirchenstück, Riesling Spätlese trocken, Weingut Rebenhof-Willi Orth (€ 7,-). In der Nase: Feines Bukett. Weiß- und Gelbfruchtiges (Melone). Mineralische Noten. Am Gaumen trocken; leicht spürbare, reife Säure. Der Körper ist nicht voluminös, aber rund und in sich stimmig. Insgesamt ausgewogen, harmonisch und für den Preis vollkommen überzeugend.

Kandidat Nr. 5:

2009, Hochheimer Kirchenstück, Riesling Spätlese trocken, Weingut W. J. Schäfer (€ 9,50). In der Nase: Dezentes, aber komplexes Bukett. Zitrisches, Apfel, Mirabelle und Kräuterwürziges. Am Gaumen trocken, bei eher mild-weicher Säure. Mittlerer Körper, mittlere Länge. Das wärmende Mundgefühl fördert zwar den Schmelz, behindert aber etwas den Frischeeindruck der sonst angenehmen Frucht.

Kandidat Nr. 5:

2009, Hochheimer Kirchenstück, Riesling Kabinett trocken, Weingut Künstler (€ 12,40). In der Nase: Dezentes Bukett. Zitrisches und Apfelnoten. Verschlossen. Am Gaumen trocken, deutlich spürbare spitze Säure, auch Unreifes-Bitteres. Schlanker Körper, gerade mal mittlere Länge. Auch wir finden, dass Kabinettweine keine Spätlesen sein sollen, doch hier erwürgen Schlankheit und Frische die Frucht und den Trinkspaß. Für den Preis enttäuschend.

Kandidat Nr. 6:

ist der zweite Pirat: 2009, Hochheimer Hölle, Riesling Kabinett trocken, Domdechant Wernersches Weingut (€ 11,50). In der Nase: Sehr dezentes Bukett. Verschlossen. Öffnet sich nach einer Weile. Weißfruchtiges, Zitrisches (Grapefruit), Schlehen, mineralische Anklänge, Vegetabiles. Am Gaumen trocken, schlanker Körper, mittlere Länge. Insgesamt ein unruhiger Kandidat. Mal glauben wir an sein Potential, dann erscheint er uns wieder zu abweisend.

Kandidat Nr. 8, 9, 10:

2007, 2008, 2009 Hochheimer Kirchenstück, Riesling Kabinett trocken, Schloß Schönborn (10,50). Hier liegen uns gleich drei Jahrgänge vor, doch 2007 und 2009 sind durch Korkschmecker verdorben. Der 2008er: In der Nase: Dezentes Bukett. Eher undifferenziert. Weiß- und Gelbfruchtiges, Zitrisches (Grapefruit), feinste Petrolnoten. Am Gaumen trocken, bei spürbarer, nerviger Säure. Schlanker Körper. Gerade mal mittlere Länge. Wirkt unzugänglich. Seine Trotzphase müsste der Wein ob seines Alters aber eigentlich abgelegt haben. Insgesamt wenig druckvoll. Frisch, aber wenig aufregend. Den Preis finden wir nicht angemessen.

Das Ergebnis

Nach der Probe herrscht freudige Ratlosigkeit. Auch Supernase Detlef Gross guckt bedröppelt, nachdem wir unser Geheimnis gelüftet und die Frage nach der Lagentypizität gestellt haben. Wir diskutieren. Und dafür ist ja Wein immer gut. Gute Gespräche. Nein, wir finden auf den ersten Blick nichts Verbindendes. Die Weine sind zu unterschiedlich, auch die Piraten sind nicht wirklich herausgefallen aus der Reihe. Die Gründe? Wir bemühen Erklärungsmuster: Wir haben Weine unterschiedlicher Prädikatsstufen verkostet. Doch einige Winzer berichteten, dass sie Weine herabgestuft haben, die Mostgewichte waren 2009 hoch. In einem guten Jahrgang dürften die Unterschiede in den Qualitäten also nicht ganz so groß sein.

Wir wissen auch nicht, aus welchem Parzellen innerhalb der Lage die Weine stammen. Nach Auskunft des Regierungspräsidiums Darmstadt wurden im Zuge des Weingesetzes von 1971 die Lagen Berggasse und Raber in das Kirchenstück integriert. Inwieweit deshalb eine homogene Bodenstruktur innerhalb der Lage gegeben ist, vermögen wir also ebenfalls nicht zu beurteilen.

Mit der eingangs erwähnten Typisierung der Weine durch die Winzer (Hölle=kräftig, Kirchenstück=filigran) kommen wir letztlich auch nicht weiter, weil sich nicht nur die Aromatik unterscheidet, sondern auch die Weintypen.

Ausschlaggebender für die Unterschiede dürften die Winzer sein. Gerne wird von der Arbeit im Keller gesprochen, als dem entscheidenden Einfluss. Aber ist es nicht vielmehr die Idee, die Vorstellung eines Winzers von einem Wein, die seine Eigenheit wesentlich mitbestimmt. Selbst jene, die behaupten, sie griffen so wenig wie möglich in die Weinbereitung ein, folgen dabei einer Vorstellung vom „naturnahen“ Wein. Doch Wein entsteht nicht von selbst. Er ist gemacht, so oder so.

Hielt die teureren Kollegen in Schach

Die Möglichkeiten einen Qualitätswein zu bereiten, sind in Deutschland sehr vielfältig, trotz gewisser Einschränkungen. Mit der neuen EU-Weinmarktverordnung von 2009 soll die Bandbreite dieser Möglichkeiten für die „Weine mit geschützter Ursprungsbezeichnung“ – und ein solcher wäre ja ein Qualitätswein aus dem Hochheimer Kirchenstück – eingeschränkt werden. Und wenn diese Bestimmungen greifen, was wohl noch dauert, machen wir wieder eine Lagenverkostung. Bis dahin freuen wir uns einfach nur, dass wir wissen, wo die Trauben für unseren Wein gewachsen sind.

Unser Favorit

Ach ja, und der angenehmste Wein unserer Verkostung war der preiswerteste: 2009, Hochheimer Kirchenstück, Riesling Spätlese trocken, Weingut Rebenhof-Willi Orth (€ 7,-).

Und rein ins Getümmel. Nach einem Tag hinter der Theke der örtlichen Möwenpick-Weinlandfiliale treffe ich meine 13-Grad-Kollegen auf der Forum Vini 2010 in München. Samstagabend 19 Uhr. Die Bude ist brechend voll. Meine Beine schmerzen. Aber jetzt gilts. Die Kollegen absolvieren gerade den Mundus-Vini-Parcours und ich steige über die Seilabsperrung, weil mir das Warten in der Schlange zu blöd ist. Doch eigentlich habe ich keine Lust auf diese serielle Trinkerei bzw. Spuckerei, wenn doch nette Menschen hinter den Theken warten, uns von ihren Weinen zu überzeugen. Also brechen wir aus dem Boxring aus und ziehen weiter.

Forum Vini Messe, München

Ester Stop beim Weingut Beiser, dessen Weine die Verwandtschaft des Kollegen gerne kauft. Ich koste den einfachen Spätburgunder und den im Barrique ausgebauten, beide von 2008: 14 % Alkohol, die Farbe spielt ins Granat-Ziegelsteinfarbene und die Frucht wirkt hochreif und gedörrt. Nicht mein Fall. Nach einem milden Lemberger der Weingärtner Cleebronn-Güglingen brauchen wir etwas Frisches. Wir steuern die Vinothek Schilcher Stöckel an, offenbar einem Zusammenschluss einiger steirischer Winzer. Der rotbackige Mann in Trachtenjanker und Hut gibt uns eine freundliche Einführung in den Schilcher. Dann offeriert er uns die drei Ausbauarten: Weißwein, Rosé und Rotwein. Eine herrliche Säureattacke folgt. Spritzig, belebend, fein, nervig! Der rote Schilcher glänzt mit herzhaftem Gerbstoff. Wenn da Restzucker drin ist, muss man ihn mit der Lupe suchen. Erfrischt sehen wir uns weiter im Weinland Österreich um, probieren samtigen Blauburger und klassischen Zweigelt.

Dann bin ich wieder bereit für deutschen Spätburgunder. Das Weingut Platz und das Weingut Wolfgang Oberhofer aus der Pfalz offerieren solche für wenig Geld. Inmitten wahrer Flaschenbatterien stehen gutgelaunte Männer und schenken aus und schenken aus. Mir haben sie nicht geschmeckt. Ich fand sie untypisch, unausgewogen und zu mild. Dann noch ein Versuch mit dem rheinhessischen Weingut Müser aus Worms. Auch hier eine Restsüße, die nicht stützt, sondern schlägt. Auf meine freundliche Frage an das Paar hinter der Theke, warum sie ihren Spätburgunder nicht trockener bereiten, kommt eine lapidare Antwort: „Weil die Kunden es so wünschen.“ Ja, da haben sie natürlich recht. Vielleicht soll ich dann doch österreichischem Pinot Noir eine Chance geben, denke ich und stehe vor Herrn Josef Sailer vom Weingut Sailer aus Großhöflein im Burgenland. Sein Stand ist klein. Keine Flaschenbatterien, keine 50 Sorten. Auch der Mann ist nicht groß, aber sein Wein spielt dann schon in einer anderen Liga. Wir kosten seinen 2007 Blaufränkisch Wulka und seinen 2009 Pinot noir. Erster fleischig und voll, zweiter noch unrund. Herr Sailer ist auskunftsfreudig und ich bin froh, einem Fachmann zuhören zu können, der keine Frage offen lassen will. Der Pinot noir ist frisch gefüllt und vielleicht noch zu jung, die Nase offenbart momentan wenig deutliche Frucht. Aber im Mund deutet sich das Potential an. Freundlich verabschiedet er uns mit Handschlag.

Es folgen weitere Spätburgunder. Vom Weingut Hart in Franken eine Spätlese trocken, vom Weingut Karl-Heinz Gaul ein trockener im Barrique ausgebauter Spätburgunder, ein französischer Pinot Noir der Domaine du Clos Gandin, ein Spätburgunder des Weingut Maier in Baden-Baden. Auch bei letzterem wieder eine erfreuliche Erscheinung hinter der Theke. Ein junge Sommelière antwortete kompetent und freundlich. Auch sympathisch die Einstellung ihres Chefs, der so die junge Dame, das Regionale liebt: Also sind die Eichenfässer eben aus Spessarteiche und nicht von sonstwoher. Originell und deshalb dann ein Fläschchen mitgenommen: die fränkisch trockene 2008er Spätburgunder Spätlese vom Randersackerer Sonnenstuhl des Weinguts Martin Göbel. Dieser Wein hat eine eigene Art und wenig Restzucker. (Laut Eichelmann 2010 verwendet Göbel deutsche Spätburgunderklone keine französischen.) Er überzeugte mich, ebenso wie die knorrig-authentische Bedienung des fränkischen Originals hinterm Stand. Ungleich teurer und aufwendiger bereitet ein Spätburgunder des fränkischen Winzerkellers Sommerach. Dieser Stand, seine Weine und das Design atmen strenges Bemühen um Qualität und Corporate Identity. Das wirkt naturgemäß ein bisschen international-beliebig, doch der Wein schmeckte mir.

Den krönenden Abschluss bildete dann jedoch ein Weißwein: ein 2009er Thörnicher Ritsch, Riesling feinherb, alte Reben vom Weingut Lorenz in Detzem an der Mosel. Ein herrlich ausbalancierter Wein, der in diesem Moment alles offenbarte, was ich bei den Rotweinen an diesem Abend oft vermisst hatte: Reife und Frische. Klarheit und Struktur. Überzeugend kompetent und zurückhaltend liebevoll wurde er präsentiert von Frau Maria Lorenz, der Ehefrau des Inhabers. Schnell nach Hause nun, dachten wir und bestiegen die U-Bahn. Die war gut gefüllt mit bestens gelaunten Menschen. Tatsächlich waren darunter weniger Weinrentner, sondern reichlich Leute unter 35 Jahren. Das freute mich.