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Mit dem Krug in den Keller

Winzer Peter Krause füllt erst seit 1995 Flaschenweine ab, obwohl die Familie mütterlicherseits schon seit Generationen Weinbau betreibt. Zum „Gasthaus zum letzten Heller“, das auch heute noch von den Krauses geführt wird, gehörten immer schon ein paar Weinberge dazu. Krause erinnert sich: „Einmal im Jahr kam dann der Küfer, hat den Wein von der Hefe abgelassen und dann ist man mit dem Krug in den Keller und hat ihn gefüllt.“ Der eigene Wein im eigenen Gasthaus sei früher üblich gewesen. Krause, der gelernter Winzermeister ist, hat die Rebfläche inzwischen auf 4 Hektar vergrößert. Der Sortenspiegel umfasst bei den Weißen den Lokalmatador Müller-Thurgau, Grauburgunder, Weißburgunder und Auxerrois. Rotweine werden aus Spätburgunder und Cabernet Mitos bereitet. Aus Spätburgunder werden auch Rosé und Weißherbst gekeltert. Hinzu kommen Liköre, Saft und Brände.

Gleich beißt er rein in seinen Wein: Winzer Peter Krause

Weine zum Reinbeißen

Peter Krause vinifiziert keine Prädikatsweine und verzichtet auf Lagenbezeichnungen. Stattdessen führen alle Weine den Ortsnamen also Meersburg(er) im Namen. „Hier oberhalb des Sees gibt es sowieso nur den Fohrenberg als Lage und Meersburg kennt jeder Ami,“ fügt er hinzu und verweist so indirekt auf den Tourismus als Hauptabsatzquelle.   Im Weinberg arbeitet er konventionell, der Ertrag liegt bei etwa 80 hl/ha, denn die Rebanlagen sind teilweise noch jung, durchschnittlich 18 Jahre. Gelesen wird per Hand, die Trauben werden am Stock halbiert, „die Selektion findet im Eimer statt“. Der Weißwein wird kühl vergoren mit Zuchthefe. „Bei 600 Arbeitsstunden pro Hektar und der kleinen Betriebsgröße ist mir das Risiko für Spontangärung zu groß,“ meint Krause. Auch Bio sei für ihn bisher kein Thema gewesen. Wie sein idealer Seemüller aussieht? „Grüngelb schimmernd mit zitrischen Noten und dem typischen Muskatduft. Er muss das Gefühl vermitteln, dass man in die frischen, reifen Trauben förmlich reinbeißt.“

Wehe wenn Gallo kommt…

Für die Zukunft plant Krause den Holzfassausbau der Rotweine, die bisher alle im Stahltank bereitet werden. Krause cuveetiert dabei maischeerhitzte und maischevergorene Partien. Auch eine Weißweinselektion ist angedacht, doch die beiden letzten Jahrgänge 2009 und 2010 waren von der Erntemenge zu gering, als dass er etwas hätte zurücklegen können. „Wir sind ja immer ausverkauft,“ meint er mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Die niedrigen Obstpreise in der Region lassen einige Obstbauern neidisch auf die Winzer blicken, so mancher erwägt in den Weinbau einzusteigen. Eine Erweiterung der Rebfläche wäre jedoch, laut Krause, „ein Alptraum“. Ab 2015 wird in der EU der Anbaustopp aufgehoben, der national noch einmal bis 2018 verlängert werden kann. Krause und viele andere Winzer fürchten, dass die industrielle Weinproduktion – als Angstbild werden ausländische Unternehmen wie Gallo bemüht – die Existenz kleinerer Betriebe gefährden wird. Seinen Wunsch „den Weinbau in seiner jetzigen Form für die nächste Generation zu erhalten“ sieht er dadurch bedroht.

Verkostnotizen von Jan Potthast

• 2010 Meersburger Grauburgunder, Dt. Qualitätswein trocken, Weingut Peter Krause

Klares, helles Grüngelb. Hohe Viskosität. Mittel intensives, halbwegs komplexes, frisches Bukett. In der Nase zitrische Noten (Grapefruit), Grasiges und Weißblühendes (Holunder). Am Gaumen trocken, bei spürbarer Säure, schlankem Körper. Dezentes Bitterl. Mittlere Länge.

• 2010 Meersburger Weißburgunder, Dt. Qualitätswein trocken, Weingut Peter Krause

Klares, helles Grüngelb. Mittlere Viskosität. Ordentlich komplexes, dezentes, frisches Bukett. Noten von Apfel, Birne, im Hintergrund Zitrisches. Am Gaumen trocken, spürbare Säure, leichter Körper. Der Alkohol leicht spürbar, feinstes Bitterl. Gerade noch mittlere Länge.

• 2010 Meersburger Auxerrois, Dt. Qualitätswein trocken, Weingut Peter Krause

Helles, klares Strohgelb. Mittlere bis hohe Viskosität. Mittel intensives, ordentlich komplexes Bukett. In der Nase zunächst reife, aber frische gelbe Frucht. Dann Noten von Birne, Pfirsich, im Hintergrund Würziges (Nüsse, Rauch). Am Gaumen trocken, leicht spürbare Säure, bei schlankem, aber wohlausgebildeten Körper. Etwas mehr als mittlere Länge.

• 2010 Meersburger Müller-Thurgau, Dt. Qualitätswein trocken, Weingut Peter Krause

Klares, helles Grüngelb. Mittlere Viskosität. Ordentlich deutliches und halbwegs komplexes Bukett. Ersteindruck in der Nase gleichermaßen frisch und reif. Noten von gelbem Apfel, Aprikose und Würzigem (Muskat). Am Gaumen trocken, bei leicht spürbarer Säure, schlankem Körper. Etwas mehr als mittlere Länge.

• 2010 Meersburger Cabernet Mitos, Dt. Qualitätswein trocken, Weingut Peter Krause

Nicht transparentes, aber klares Purpurrot. Mittlere Viskosität. Deutliches, ordentlich komplexes Bukett. In der Nase zunächst frische, rote, dunkle Beerenfrucht. Dann Noten von Pflaume, Kirsche, Brombeere, Cassis. Am Gaumen trocken, leicht spürbare Säure, mittlerer Körper. Viel feiner Gerbstoff. Feines Bitterl, feinste Kohlensäure, leicht spürbarer Alkohol. Mittlere Länge.

• 2010 Meersburger Spätburgunder, Dt. Qualitätswein trocken, Weingut Peter Krause

Helles, klares, transparentes Kirschrot. Mittlere Viskosität. Dezentes, komplexes, frisches Bukett. Kirsche, rote Johannisbeere, etwas Erdbeere, später auch Würznoten. Am Gaumen trocken, leicht spürbare Säure, schlanker Körper. Leicht wärmender Alkohol, feinste Kohlensäure. Noch mittlere Länge.

Fazit:

Die Weine sind durchweg solide und verhehlen nicht ihre rustikale Herkunft. Von den Weißweinen gefielen mir der Müller-Thurgau und der Auxerrois am besten. Der Müller war frisch und saftig, der Auxerrois hatte eine cremig-elegante Harmonie.

Die Rotweine bestachen vornehmlich durch ihr Bukett. Beim Cabernet Mitos war die dunkle Beerenaromatik rebsortenuntypisch differenziert, beim Spätburgunder gefällt die zurückhaltend frische Art. Sie besitzt keine aufdringliche Bonbon-Note von der Maischegärung, wie sie in der Region oft anzutreffen ist. Am Gaumen fielen die Roten jedoch etwas ab wegen des leicht spürbaren Alkohols und der feinen Kohlensäure, die ich in Rotweinen fehl am Platze finde. Andere halten letzeres vielleicht für jugendliche Frische.


 

 

Verschwitzt erreiche ich auf meinem Fahrrad Riedetsweiler, einen Ortsteil von Meersburg am Bodensee. Auf den Hügeln oberhalb des Sees streiten sich Obstplantagen, Weinberge und eine nicht immer ansehnliche Ortsrandbebauung um die visuelle Vorherrschaft. Hier betreibt Thomas Geiger sein Weingut, vermietet Ferienwohnungen und führt in einigen Monaten des Jahres auch eine Besenwirtschaft.

Über Umwege ist er zum Weinbau gelangt. Eigentlich gelernter Schreiner übernahm er den elterlichen Hof mit Viehwirtschaft im Jahr 1986 und setzte nach einer Ausbildung zum Kellermeister landwirtschaftlich gesehen alles auf die alkoholische Karte: Neben seinen Weinen sind auch seine Edelbrände mehrfach ausgezeichnet.

Direkt und ehrlich: Thomas Geiger

Thomas Geiger ist ein Mann mit Ecken und Kanten. Im Interview gibt er deutlich zu erkennen, was ihm wichtig ist und was er hasst. So findet er Weinwettwerbe, die überhöhte Summen für die Anstellung fordern, dann die Erwähnung des eigenen Siegerweins im Printmedium vergessen und schließlich noch eine Gebühr für eine nachträgliche redaktionelle Erwähnung fordern, unerträglich.

Im Gegenzug lobt er jedoch die AWC-Vienna, bei der sein 2009 Graubugunder  im letzten Jahr mit Gold und einem dritten Platz ausgezeichnet wurde. Die Preise für die Anstellung seien fair, die Einzelverkostung in der österreichischen Weinbauschule Klosterneuburg professionell und die Präsentation der Siegerweine werde sogar mit einem Repräsentanten unterstützt, falls man als Winzer an diesem Tag verhindert sei.

Doch wichtig sind ihm alle diese Preise nicht. Wichtig ist ihm ein ehrliches Produkt, das seinen Preis hat und andererseits nicht überteuert ist. Im Gegensatz zu anderen Weingütern in der Gegend arbeite er mit zwei polnischen Erntehelfern, die inzwischen eingearbeitet seien und denen er “deutsche” Stundenlöhne zahle. Jedes Jahr eine komplett neue Lesetruppe für billiges Geld, gehe letztlich auf Kosten der Qualität.

Das Kapitel “Arbeitsbedingungen von Saisonarbeitern im deutschen und internationalen Weinbau” ist im übrigen wenig beachtet. Das muss nicht so bleiben, wenn soziale Standards für Produkte in Zukunft weiter in den Fokus der Verbraucher rücken und gerückt werden.

Thomas Geiger ist nicht nur ehrgeizig und umtriebig, sondern er kümmert sich auch. Deshalb ist er mit der Betriebsgröße von 3,3 ha ganz zufrieden. Sie ermöglicht ihm die vollständige Kontrolle, die er bei einem größeren Betrieb nicht hätte. “Wenn du bei mir einen prämierten Wein kaufst, dann hat der die gleiche Prüfnummer wie der Wein vom Wettbewerb”, sagt er und verweist auf größere Konkurrenten, welche die beste Charge einreichen, aber das gesamte Kontingent entsprechend vermarkten.

Das Weingut Thomas Geiger samt Ferienwohnungen

Hohes Augenmerk richtet er auch auf die Weinbergsarbeit. Wenn der Jahrgang es zulässt, strebt er Erträge um die 60hl/ha an. Hinzu kommen exakte Laubarbeit und Ertragsreduktion durch Traubenschnitt. Nach dem Katastrophenjahr 2009, in dem ein brutaler Hagelschlag für eine erhebliche Verminderung der Ernte sorgte, ist er mit 2010 eigentlich ganz zufrieden. “Die Menge ist kleiner als im Durchschnitt, aber die Qualität stimmt.”

In der heißen Phase vor der Abfüllung führt ihn der Weg des Morgens immer in den Keller, um zu schauen, “was die Kinder so machen”. So nennt er seine Weine, die leiblichen sind bereits im jungen Erwachsenenalter. Ihre Begeisterung für Computer, Facebook und Co. teilt er nicht. Auch hier ist er gnadenlos “old school”: “Ich möchte meine Kunden sehen, wissen, wie ihnen der Wein schmeckt.” Natürlich hat er eine Webseite, doch sein wichtigster Vertriebsweg ist der direkte Kontakt mit den Menschen.

Wie bereitet nun der Direktwinzer seine Weine und wie schmecken sie? Die Weißweine werden kühl vergoren, die Rotweine kurz erhitzt und maischevergoren, manche Qualitäten anschließend im kleinen Holzfass kurz (2-6 Monate) ausgebaut. Thomas Geiger hält nichts von einem langen Fasslager, weil es die Fruchtigkeit der Weine beeinträchtigen würde. Alle Weine werden mit Zuchthefen vergoren.

Der Sortenspiegel umfasst Müller Thurgau, Weißburgunder, Grauburgunder, Muskateller und – als einzige rote Rebsorte – Spätburgunder. Zwar werden die Burgundersorten öfter prämiert, doch die “Brot- und Buttersorte” ist der Müller Thurgau, der für den Großteil des Umsatzes sorgt. 50 Prozent von Geigers Rebfläche sind damit bestockt. Warum ist der Müller so erfolgreich? “Er ist vielseitig, spritzig, eignet sich als Schorlewein genauso wie als Solist auf der Terrasse im Sommer oder zum Essen. Außerdem hat er hier am See die Säure, die er braucht, um nicht zu fad zu wirken,” meint Thomas Geiger.

Weil nun aber die Arbeit ruft, verabschiedet er mich freundlich und drischt mir noch mit einem Pflasterstein die Fahrradkurbel samt Pedale ans Rad, die mir auf dem Hinweg abgefallen war. Schwer wiegt mein Rucksack, denn darin ist ein Teil von Geigers Kollektion, die ich schließlich zuhause und mit Muße verkoste.

Verkostete Weine:

2010, Meersburger Fohrenberg, Müller Thurgau “Edition”, Qualitätswein trocken, Weingut Thomas Geiger:

Helle, transparente, grüngelbe Farbe. Deutliches, halbwegs komplexes Bukett. Im Vordergrund Noten gelber und weißer Früchte (Quitte, Birne, Holunder), dazu Noten von Humus, Farn. Im Hintergrund Zitrisches (Grapefruit). Am Gaumen trocken, nur leicht spürbare Säure, feinste Bitternoten. Mittlerer Körper, mittlere Länge. Leicht wärmendes Mundgefühl. Insgesamt gut, doch die Nase verspricht mehr, als der Gaumen hält.

2010, Grauburgunder Qualitätswein trocken, Weingut Thomas Geiger:

Helles, transparentes Strohgelb. Hohe Viskosität. Das Bukett ist deutlich und komplex. Noten reifer, süßer Frucht (Melone, Aprikose, Mirabelle). Dazu im Hintergrund Hagebutte und Nüsse. Am Gaumen trocken, bei milder Säure, vollem Körper und langem Nachhall. Insgesamt ein gehaltvoller, stoffiger Wein, dessen Fülle aber nicht ölig wirkt. Begleitet sicher auch Fleischgerichte gut, wie z. B. Züricher Kalbsgeschnetzeltes mit Rösti.

2010, Meersburger Fohrenberg, Spätburgunder Rosé, Edition, Weingut Thomas Geiger:

Klares, helles Lachsorsa. Das Bukett ist einfach und zart. Frische, helle Fruchtnoten (Erdbeere, Himbeere), im Hintergrund Marzipan. Am Gaumen trocken, bei spürbarer Säure, leichtem Körper und mittlerer Länge. Feinste Bitternoten im Abgang. Der Wein wirkt noch jugendlich unausgeglichen.

2010, Spätburgunder, Qualitätswein trocken, Weingut Thomas Geiger:

Transparentes Purpurrot bei mittlerer Viskosität. Deutliches, einfaches Bukett. Frische, aber sehr nach Bonbon duftende Frucht (Sauerkirsche, Süßkirsche) und fein Nussiges. Am Gaumen trocken bei feinem Gerbstoff und spürbarer Säure. Leichter Körper und gerade mal mittlere Länge. Insgesamt ein ordentlicher Wein, aber ich bin kein Freund der Bonbonfruchtigkeit.

Meine Favoriten:

2010, Meersburger Fohrenberg, Müller Thurgau, Kabinett trocken, Weingut Thomas Geiger:

Helles, transparentes Grüngelb bei mittlerer Viskosität. Ordentlich deutliches, einfaches Bukett. In der Nase Noten von Zitrusfrüchten, Apfel, im Hintergrund Exotisches (Ananas). Am Gaumen trocken, spürbare Säure, leichter Körper, mittlere Länge.

Insgesamt ein leichter, frischer, fruchtiger Wein, der sich sowohl als Solist wie auch als Speisebegleiter eignet. Für mich kam dieser Wein mit seiner spritzigen Leichtigkeit dem Ideal des “Seemüllers”, das sich im Laufe der Reise herausgebildet hatte, am nächsten.

 

2009, Spätburgunder, Qualitätswein trocken, “im Eichenfass gereift”, Weingut Thomas Geiger:

Helles Kirschrot mit purpurfarbenen Reflexen bei mehr als mittlerer Viskosität. Das Bukett ist zart und komplex. Rote Früchte (Kirsche, Brombeere) und Würziges. Am Gaumen trocken bei feinem Gerbstoff, kaum spürbarer Säure und wohlgeformtem Körper. Gute Länge. Diesen Wein, als einziger in dieser Reihe ein 2009er, trank ich in einem Meersburger Lokal zu einem Kalbsbäckle mit Rösti. Er wirkte stoffig und schön strukturiert. Insgesamt prima!

 

 

Auf der Suche nach Abwechslung im Weinglas kreuzte ich neulich durch die Weinabteilung von Galeria Kaufhof am Münchner Marienplatz. Auf meine Frage welchen Käse er zu einem fränkisch trockenen Spätburgunder vom Weingut Martin Göbel in Randersacker empfehlen könne, murmelte der Weinfachberater Unverständliches. Nun, Käse und Wein ist eine Wissenschaft für sich, dachte ich. Dann frage ich ihn eben etwas über einen Wein in seinem Regal und zeigte auf einen 2008 Roter Bronnbacher (Qualitätswein, trocken) vom Weingut Alte Grafschaft. Welche Rebsorten seien denn im Roten Bronnbacher, fragte ich und erhielt die Antwort, Roter Brombacher selbst sei die Rebsorte. Freudig über diese Neuentdeckung strebte ich mit der Flasche heimwärts.

Dort schmeckte sie mir gut zur abendlichen Vesper mit Wurst, Schinken und Käse: Die Farbe ein helles, transparentes Kirschrot mit Rubinreflexen. In der Nase Noten von Kirsche, Dunkelbeerigem, Rote Beete und leichte Würznoten. Am Gaumen frische, kühle Frucht, wenig Gerbstoff, milde Säure, eher deutsch trocken als international trocken. Sicher keine körpereiche Wuchtbrumme, aber ein angenehmer Speisebegleiter leichterer Art mit moderatem Alkoholgehalt (12,5 Vol.%). Weil ich nun mehr über die Rebsorte erfahren wollte, suchte ich später am Abend im Netz danach und fand: nichts. Ein Besuch auf der Homepage des Weinguts Alte Grafschaft, ergab in dieser Hinsicht auch keine Erhellung. Erst eine Mail an den Besitzer Norbert Spielmann brachte dann schließlich Aufklärung: Der Rote Bronnbacher ist ein reiner Cabernet-Dorsa und stammt aus dem Bronnbacher Josefsberg. Weil der Weinberg nahe dem Kloster Bronnbach so altehrwürdig sei, habe er keine neumodische Rebsorte aufs Etikett schreiben wollen, so Spielmann. Damit hätte die Geschichte eigentlich ein Ende finden können, wäre ich nicht neugierig geworden, denn Bronnbach liegt im Taubertal.

Das Taubertal ist eine komplizierte Weinbaugegend, auf deren Geschichte und Weine ich vor einigen Jahren stieß, als ich einen Kurzurlaub auf dem Hof von Stefan Krämer verbrachte. Er betreibt ökologischen Land- und Weinbau in Auernhofen in Franken. Zwar stehen seine Weine publizistisch im Schatten des benachbarten Winzerhofes Stahl, wo Weinkritiker Stuart Pigott in diesem Jahr seinen ersten eigenen Wein vinifiziert hat, doch tatsächlich überzeugen die Krämer-Weine mindestens ebenso. Der sympathische Stefan Krämer berichtete bei diesem Besuch von den Identitätsproblemen des Bocksbeutels ebenso wie von der Schwierigkeit, ein Taubertaler Winzer zu sein. Das Taubertal gehört in verschiedenen Abschnitten nämlich zu drei deutschen Weinbaugebieten (Franken, Württemberg und Baden), obwohl es geografisch eine Einheit bildet, und das Terroir entlang des Flusstales halbwegs homogen ist. So tun sich die Winzer bei der überregionalen Vermittlung und Vermarktung ihrer Weine schwer, denn eine dreigeteilte Identität ist eben keine Identität.

Die Steillage Kaffelstein im Maintal

Warum ist das Taubertal so seltsam dreigeteilt und was hat das mit dem Weingut Alte Grafschaft zu tun? Die merkwürdige Teilung hat beispielsweise zur Folge, dass zwei ausgewiesen gute Lagen, die Norbert Spielmann mit seinem Kompagnon Christof Dinkel für das Weingut in 2009 erwarb, in zwei verschiedenen Anbaugebieten liegen, obwohl nur ein Fluss die beiden Lagen trennt. So die Reicholzheimer Lage Satzenberg und die Kreuzwertheimer Lage Kaffelstein. So what, fragt sich der geneigte Leser. Der Kaffelstein – vom Staatlichen Hofkeller Würzburg erworben – liegt im Weinbaugebiet Franken ebenso wie das von Fürst Löwenstein gekaufte Kellereigebäude. Der Satzenberg jedoch liegt im Weinbaugebiet Baden, weshalb die Trauben eigentlich nicht ins Fränkische hinüber transportiert und dort verarbeitet werden dürfen. Warum nicht? Nun, grob gesagt ist das ein (ungewünschter) Effekt des Verbraucherschutzes. Trauben aus Baden sollen eben nicht einfach qua Transport zu Frankenwein werden können. Wenn Spielmann und Dinkel die bürokratischen Hürden nicht überwinden können, droht im schlimmmsten Fall der Neubau eines (badischen) Kellereigebäudes. Eine Großinvestition, die das junge Unternehmen vor Probleme stellen dürfte.

Napoleons Bezwinger: Christoph Dinkel & Norbert Spielmann

Dabei sind die Weinidealisten Spielmann und Dinkel keinesfalls blauäugig und ohne Erfahrungen in das Weingeschäft gestartet. Spielmann hat Weinküfer gelernt und vorher den Weingroßhandel der Familie geführt. Vor etwa zehn Jahren hatte er begonnen, zusammen mit dem badischen Winzer Konrad Schlör einen alte Tradition wiederaufleben zu lassen, die er über seinen Weinhandel vermarktete: Einen Alten Satz, bei dem Trauben verschiedener weißer Rebsorten gemeinsam angebaut, geerntet und ausgebaut werden. Der 2009 Wertheimer Alter Satz Alte Grafschaft vinifiziert von Konrad Schlör besteht aus Müller Thurgau, Kerner, Bacchus und Silvaner. Ein helles Strohgelb im Glas, in der Nase ein recht expressives Bukett mit Noten von Grapefruit, Mango, Stachelbeere und Gras, das einen ein wenig an einen guten Sauvignon Blanc erinnert. Am Gaumen ausgesprochen fruchtig bei belebender Säurestruktur mit mittlerem Körper und Nachhall. Nach diesem erfolgreichen Gemeinschaftsprojekt hatte Spielmann offenbar Blut geleckt und bestockte 2002 den Weingarten seiner Eltern neu, die den Weinbau eher als Hobby nebenher betrieben hatten. Er pflanzte Spätburgunder und ließ sich dabei von Paul Fürst vom Weingut Rudolf Fürst beraten, dessen Spätburgunderweine in den letzten Jahren für überregionales Aufsehen gesorgt haben. Inzwischen vermarktet Spielmann auch diese eher hochpreisigen Weine unter der neuen Marke Alte Grafschaft.

Den Kern des Weingutes bilden aber die beiden Lagen Satzenberg und Kaffelstein. Beide sind traditionsreich, steil und nur von Hand zu bewirtschaften – etwas für Idealisten eben. Mit der Vereinigung beider Lagen in einer Hand will man, so betont Spielmann, die napoleonische Teilung überwinden, wie sie auch das Etikett der Alten Grafschaft symbolisiert. Ich konnte zwei Weine aus diesen Lagen verkosten.

Der 2009 Kreuzwertheimer Kaffelstein Riesling Kabinett trocken bietet ein eher dezentes, aber vielschichtiges Bukett. Zunächst Gelb- und weißfruchtige Noten, die sich langsam und bestimmt auffalten. Birne, reifer Apfel, Banane und auch Zitrisches schafft sich jetzt Raum. Die Säure ist nervig, fein und jugendlich frisch. Am Gaumen wirkt der Wein ob seiner Jugend noch ein wenig verhalten. Insgesamt aber ein überzeugendes Beispiel dafür, was diese Lage hervorzubringen imstande ist.

Die Lage Reicholzheimer Satzenberg im Taubertal

Die 2009 Reicholzheimer Satzenberg Weißburgunder Spätlese trocken wiederum zeigt, weshalb diese Sorte für den Weißwein-Boom in deutschen Gläsern mitverantwortlich ist. Deutlich entströmt Fruchtsüße dem Glas, Aromen von Holunder, Birne, Melone und Rosinen erfüllen die Nase. Dabei erkauft sich der Wein diesen Süßeeindruck nicht mit hohem Restzucker, denn er ist international trocken. Der Wein beweist auch, dass niedriger Alkoholgehalt und trockene Ausbauweise einen Körper zustandebringen, der zwar nicht wuchtig und breit, aber eben in sich ausgewogen und kraftvoll ist. Ein Balletttänzer und kein Bodybuilder. Dieser Wein dürfte ein Speisebegleiter auf höchstem Niveau sein.

Auf die Frage, ob er sich denn nun für einen fränkischen, badischen oder gar Taubertaler Winzer halte, antwortete Spielmann pragmatisch. Man sei ein fränkisches Weingut mit Weinbergen in Baden. Nun, so ganz scheint die napoleonische Teilung dann doch nicht überwunden, aber die Weine sprechen ja eine eigene Sprache. Und die ist grenzenlos.

Spätburgunder im badischen Weinhaus Resch (Teil 5):

Der WG Kiechlinsbergen (Kaiserstuhl) wollte ich die Treue halten. Letztes Jahr hatte mir der 2007 Ölberg Spätburgunder Rotwein QbA trocken sehr gut geschmeckt und ich war erstaunt, als ich merken musste, dass die Genossen nur im Eichelmann, nicht in den anderen Medien (Siehe Teil 1-4 ) erwähnt sind. Ich begann also mit dem neuen Jahrgang (2008) meines letztjährigen Favoriten: Helle rote Früchte in der Nase, aber eher unangenehm bonbonartig. Im Mund sehr mild und säurearm. Keine Frische, kaum Gerbstoff wie noch im Vorjahr. Am Stand war Vertriebsleiter Herr Gerber sehr auskunftsfreudig und nahm sich Zeit, mir die verschiedenen Ausbauarten zu erläutern. Qualitätswein, Kabinett und Spätlese kommen ins 10.000l Holzfass, die Auslese ins 2.500l Fass. Die Erträge liegen etwa bei 90hl pro ha, erst ab dem Siegel Selektion liegen die Erträge unter 50 hl pro ha. Leider konnte ich keine Selektionsweine kosten. Ich probierte schließlich noch eine 2008 Ölberg Spätburgunder Rotwein Spätlese trocken (€ 8,-): In der Nase deutliche Erbeernoten, diesmal angenehm ohne die Bonbonfruchtigkeit, am Gaumen wieder sehr mild. Danach eine 2007 Ölberg Spätburgunder Rotwein Auslese trocken (€ 12,-). Deutlich reife Frucht, in Mund mild und eine mittlere Länge, was ich bei dem Preis dann zu kurz finde. Herr Gerbers Ausführung über die Arbeit im Keller fand ich sehr aufschlussreich, die Weine hingegen überzeugten mich dieses Jahr nicht.

Später bewegte ich mich dann an die Verkostungstheke der WG Königschaffhausen (Kaiserstuhl).  “(B)egrüßt und bedient” wurde ich laut Prospekt von Herrn Mario Siegel, einem Meister der Gastlichkeit. Keine Frage brachte ihn in Bedrängnis und er wirkte sehr überzeugt von dem was er tat und dem geneigten Weinfreund ins Glase goss. Weil es tatsächlich acht verschiedene Weine waren, tut Beschränkung not, auch wenn sie nicht leicht fällt. Ich begann mit einem 2008 Steingrüble Spätburgunder Rotwein QbA trocken (€ 7,45). Dezente Noten roter Johannisbeeren, fein-spürbarer Gerbstoff, leichter Körper. Mild, mir zu mild am Gaumen. Die Erträge liegen für diesen Wein bei ca. 75 hl pro ha. Deutlich reduziert auf 50 hl pro ha sind die Selektionsweine, die zudem noch länger als zehn Monate ins Holzfass kommen.  Zunächst der 2008 Steingrüble Spätburgunder Rotwein QbA trocken Selection (€ 11,05). Ha! Endlich ein Wein, der mir richtig schmeckt.  Deutliche helle Beerenfrüchte wie Johannisbeeren, dazu Röstaromen. Eine feine, aber spürbare Säure, dazu präsenter Gerbstoff und eine Länge, die den Namen verdient. Sehr schön! Dann die 2007 Steingrüble Spätburgunder Rotwein Spätlese trocken Selection (€ 14,20). Insgesamt reifere Frucht, wieder rote Johannisbeernoten und ein sanft stützender Gerbstoff, aber ein sehr milder Eindruck am Gaumen und wärmender Alkohol. Der nächste Wein war ein 2007 Steingrüble Spätburgunder Rotwein QbA trocken Barrique (€ 13,25). Das fruchtige Bukett eher elegant zurückhaltend als deutlich plump. Schöne Säure, feiner Gerbstoff, die Barriqueholznoten wenig aufdringlich. Mehr als mittlerer Nachhall. Dann wurde mir die Ehre zuteil einen Regnum kosten zu können: 2007 Regnum, Steingrüble Spätburgunder QbA trocken Barrique (27,55). Das Paradepferd des Hauses in den engen Pferch meiner Verkostungssprache zu zwängen, fällt mir schwer. Toller Nachhall! Eine Erfahrung!

Insgesamt fand ich die Königschaffhausener Weine am ansprechendsten von allen. Sie hatten Kraft, wirkten ausbalanciert ohne harmoniesüchtig zu sein und besaßen stets eine überzeugende Länge. Diese feine Vorstellung der Weine wurde sorgsam und kenntnisreich unterstützt von Herrn Siegel am Verkostungstisch. Die Genossenschaft ist erwähnt in Eichelmann 2010, WeinPlus, Weingourmet „Die 800 besten Weingüter Deutschlands 2009“ und im Großen Johnson (Ausgabe 2004).

Spätburgunder im badischen Weinhaus Resch (Teil 4):

Der Winzerkeller Auggener Schäf (Markgräfler Land), benannt nach einer der gleichnamigen Lage ist eher bekannt für seine Weißweine, besonders seinen Gutedel. Doch auch mit Rot- und Süßweinen lassen sie laut Eichelmann 2010 immer wieder aufhorchen. Ich kostete zunächst einen 2008 Auggener Schäf Spätburgunder QbA trocken (€5,60) Künstleretikett. Das erfrischende Bukett wartete mit einem Korb roter Johannisbeeren auf. Im Mund zeigte sich ein feiner, aber spürbarer Gerbstoff und ein eher milder Geschmack, der nach der erfrischenden Nase ein wenig enttäuschte (RZ bei 6,2g/l). Der Nachhall war mittel, der Alkohol stand etwas auf. Die Erträge liegen laut Auskunft des sehr freundlichen, jungen Mannes am Stand für diese Qualität bei etwa 100hl pro ha. Reduzierte Erträge bei etwa 70 hl pro ha hingegen beim zweiten Rotwein, einem 2008 Auggener Schäf Spätburgunder QbA trocken alte Reben (€ 8,20). Wie alle Rotweine im großen Holzfass ausgebaut. Das Mindestalter der Reben liegt bei 15 Jahren. Für die Etikettierung „Alte Reben“ gibt es keine gesetzliche Vorschrift,  aber 15 Jahre dürfte gemeinhin als zu jung für dieses Etikett gelten. Ich durfte kühle Johannisbeerfruchtnoten riechen, dann schmeckte ich wieder einen feinen, aber deutlichen Gerbstoff, dezente Vanillenoten, aber auch leichte Bitternoten. Die Länge gerade mal mittel.

Insgesamt lösten beide Weine die Versprechungen, die sie meiner Nase gemacht hatten, nicht ein. Schade. Die Genossen werden erwähnt in Eichelmann 2010, WeinPlus und in Weingourmet: die 800 besten Weingüter in Deutschland 2009.

Das Pfaffenweiler Weinhaus (Markgräfler Land) ist keine Genossenschaft mehr, sondern eine GmbH. Das Stimmgewicht innerhalb einer Genossenschaft ist personenbezogen und nicht anteilsbezogen. Kleiner Bauer hat also (theoretisch) so viel zu sagen wie großer Bauer. Bei der GmbH funktioniert das anders. Ich wurde von Herrn Schweigler bedient, einem eher zurückhaltenden Herrn im Anzug mit Firmenpin im Revers. Er wurde noch zurückhaltender, als ich ihn nach einem Weinfehler fragte, der mir immer wieder mal begegnet. Nämlich nach feiner Kohlensäure im Rotwein. Er fühlte sich von mir offenbar angegangen, zumindest reagierte er merkwürdig, ohne mir wirklich kompetent Auskunft zu geben. Ich kostete einen 2007 Spätburgunder Rotwein QbA trocken ein Stern. Sehr zurückhaltend in der Frucht, feiner Gerbstoff, leichte Bitternoten, ordentliche Länge. Dann einen 2007 Spätburgunder Rotwein QbA trocken ein Stern im Holzfass gereift. Kaum Frucht, der Alkohol auf der Zunge brennend.

Insgesamt wirkten weder die Weine noch Herr Schweiger überzeugend. Die GmbH wird erwähnt in Eichelmann 2010, WeinPlus, Gault Millau 2009 und Weingourmet: die 800 besten Weingüter in Deutschland 2009.