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Seit den Weihnachtstagen läuft, von mir zunächst unbemerkt geblieben, im bayrischen Fernsehen eine sechsteilige Reihe mit dem Titel Weinwunder Deutschland. Weinkritiker Stuart Pigott erklärt dem weinaffinen Zuseher darin auf erfrischende und informative Art verschiedene Aspekte dieses Weinwunders. Das besteht für ihn laut eines Interviews auf Bayern 2 Radio darin, dass sich Deutschland innerhalb von zwei Jahrzehnten von einem Erzeuger und Exporteur gesichtslosen Massenweins zu einem Land gewandelt hat, dass qualitäts- und charaktervolle Weine in allen Preisklassen hervorbringt.

Diese Botschaft ist natürlich unterstützenswert. Viel Zeit verbringt der Zuschauer zusammen mit Pigott in der Deutschen Bahn, die ihn landauf landab zu den verschiedenen Winzern bringt. Ob Pigott weiß, dass die Bahn gerade verkündet hat, nur noch deutsche Weine in ihren Zügen servieren zu wollen? Vor Ort erwarten den Zuseher dann durchaus kurzweilig gehaltene Begegnungen mit deutschen Spitzenwinzern oder Jungtalenten. Mal schlendert Pigott durch Keller oder Weinberg, mal tanzt er ekstatisch auf einer Message-in-a-Bottle-Party oder wankt (spaßeshalber) durch die berüchtigte Rüdesheimer Drosselgasse.

Die Selbststilisierung als merkwürdiger, aber eben auch aufmerksamer Zeitgenosse mag einem manchmal etwas gewollt vorkommen, aber zusammen mit der Gesamtinszenierung (Schnitt, Musik, Licht, Kamera) kommt etwas heraus, das behaupten darf, halbwegs auf der Höhe der Zeit zu sein. Die letzte Folge „Süßwein- ein Herbstmärchen?“ werde ich keinesfalls verpassen: BR Fernsehen, Donnerstag 6.1.2010 um 16.30 Uhr.

Auf der Suche nach Abwechslung im Weinglas kreuzte ich neulich durch die Weinabteilung von Galeria Kaufhof am Münchner Marienplatz. Auf meine Frage welchen Käse er zu einem fränkisch trockenen Spätburgunder vom Weingut Martin Göbel in Randersacker empfehlen könne, murmelte der Weinfachberater Unverständliches. Nun, Käse und Wein ist eine Wissenschaft für sich, dachte ich. Dann frage ich ihn eben etwas über einen Wein in seinem Regal und zeigte auf einen 2008 Roter Bronnbacher (Qualitätswein, trocken) vom Weingut Alte Grafschaft. Welche Rebsorten seien denn im Roten Bronnbacher, fragte ich und erhielt die Antwort, Roter Brombacher selbst sei die Rebsorte. Freudig über diese Neuentdeckung strebte ich mit der Flasche heimwärts.

Dort schmeckte sie mir gut zur abendlichen Vesper mit Wurst, Schinken und Käse: Die Farbe ein helles, transparentes Kirschrot mit Rubinreflexen. In der Nase Noten von Kirsche, Dunkelbeerigem, Rote Beete und leichte Würznoten. Am Gaumen frische, kühle Frucht, wenig Gerbstoff, milde Säure, eher deutsch trocken als international trocken. Sicher keine körpereiche Wuchtbrumme, aber ein angenehmer Speisebegleiter leichterer Art mit moderatem Alkoholgehalt (12,5 Vol.%). Weil ich nun mehr über die Rebsorte erfahren wollte, suchte ich später am Abend im Netz danach und fand: nichts. Ein Besuch auf der Homepage des Weinguts Alte Grafschaft, ergab in dieser Hinsicht auch keine Erhellung. Erst eine Mail an den Besitzer Norbert Spielmann brachte dann schließlich Aufklärung: Der Rote Bronnbacher ist ein reiner Cabernet-Dorsa und stammt aus dem Bronnbacher Josefsberg. Weil der Weinberg nahe dem Kloster Bronnbach so altehrwürdig sei, habe er keine neumodische Rebsorte aufs Etikett schreiben wollen, so Spielmann. Damit hätte die Geschichte eigentlich ein Ende finden können, wäre ich nicht neugierig geworden, denn Bronnbach liegt im Taubertal.

Das Taubertal ist eine komplizierte Weinbaugegend, auf deren Geschichte und Weine ich vor einigen Jahren stieß, als ich einen Kurzurlaub auf dem Hof von Stefan Krämer verbrachte. Er betreibt ökologischen Land- und Weinbau in Auernhofen in Franken. Zwar stehen seine Weine publizistisch im Schatten des benachbarten Winzerhofes Stahl, wo Weinkritiker Stuart Pigott in diesem Jahr seinen ersten eigenen Wein vinifiziert hat, doch tatsächlich überzeugen die Krämer-Weine mindestens ebenso. Der sympathische Stefan Krämer berichtete bei diesem Besuch von den Identitätsproblemen des Bocksbeutels ebenso wie von der Schwierigkeit, ein Taubertaler Winzer zu sein. Das Taubertal gehört in verschiedenen Abschnitten nämlich zu drei deutschen Weinbaugebieten (Franken, Württemberg und Baden), obwohl es geografisch eine Einheit bildet, und das Terroir entlang des Flusstales halbwegs homogen ist. So tun sich die Winzer bei der überregionalen Vermittlung und Vermarktung ihrer Weine schwer, denn eine dreigeteilte Identität ist eben keine Identität.

Die Steillage Kaffelstein im Maintal

Warum ist das Taubertal so seltsam dreigeteilt und was hat das mit dem Weingut Alte Grafschaft zu tun? Die merkwürdige Teilung hat beispielsweise zur Folge, dass zwei ausgewiesen gute Lagen, die Norbert Spielmann mit seinem Kompagnon Christof Dinkel für das Weingut in 2009 erwarb, in zwei verschiedenen Anbaugebieten liegen, obwohl nur ein Fluss die beiden Lagen trennt. So die Reicholzheimer Lage Satzenberg und die Kreuzwertheimer Lage Kaffelstein. So what, fragt sich der geneigte Leser. Der Kaffelstein – vom Staatlichen Hofkeller Würzburg erworben – liegt im Weinbaugebiet Franken ebenso wie das von Fürst Löwenstein gekaufte Kellereigebäude. Der Satzenberg jedoch liegt im Weinbaugebiet Baden, weshalb die Trauben eigentlich nicht ins Fränkische hinüber transportiert und dort verarbeitet werden dürfen. Warum nicht? Nun, grob gesagt ist das ein (ungewünschter) Effekt des Verbraucherschutzes. Trauben aus Baden sollen eben nicht einfach qua Transport zu Frankenwein werden können. Wenn Spielmann und Dinkel die bürokratischen Hürden nicht überwinden können, droht im schlimmmsten Fall der Neubau eines (badischen) Kellereigebäudes. Eine Großinvestition, die das junge Unternehmen vor Probleme stellen dürfte.

Napoleons Bezwinger: Christoph Dinkel & Norbert Spielmann

Dabei sind die Weinidealisten Spielmann und Dinkel keinesfalls blauäugig und ohne Erfahrungen in das Weingeschäft gestartet. Spielmann hat Weinküfer gelernt und vorher den Weingroßhandel der Familie geführt. Vor etwa zehn Jahren hatte er begonnen, zusammen mit dem badischen Winzer Konrad Schlör einen alte Tradition wiederaufleben zu lassen, die er über seinen Weinhandel vermarktete: Einen Alten Satz, bei dem Trauben verschiedener weißer Rebsorten gemeinsam angebaut, geerntet und ausgebaut werden. Der 2009 Wertheimer Alter Satz Alte Grafschaft vinifiziert von Konrad Schlör besteht aus Müller Thurgau, Kerner, Bacchus und Silvaner. Ein helles Strohgelb im Glas, in der Nase ein recht expressives Bukett mit Noten von Grapefruit, Mango, Stachelbeere und Gras, das einen ein wenig an einen guten Sauvignon Blanc erinnert. Am Gaumen ausgesprochen fruchtig bei belebender Säurestruktur mit mittlerem Körper und Nachhall. Nach diesem erfolgreichen Gemeinschaftsprojekt hatte Spielmann offenbar Blut geleckt und bestockte 2002 den Weingarten seiner Eltern neu, die den Weinbau eher als Hobby nebenher betrieben hatten. Er pflanzte Spätburgunder und ließ sich dabei von Paul Fürst vom Weingut Rudolf Fürst beraten, dessen Spätburgunderweine in den letzten Jahren für überregionales Aufsehen gesorgt haben. Inzwischen vermarktet Spielmann auch diese eher hochpreisigen Weine unter der neuen Marke Alte Grafschaft.

Den Kern des Weingutes bilden aber die beiden Lagen Satzenberg und Kaffelstein. Beide sind traditionsreich, steil und nur von Hand zu bewirtschaften – etwas für Idealisten eben. Mit der Vereinigung beider Lagen in einer Hand will man, so betont Spielmann, die napoleonische Teilung überwinden, wie sie auch das Etikett der Alten Grafschaft symbolisiert. Ich konnte zwei Weine aus diesen Lagen verkosten.

Der 2009 Kreuzwertheimer Kaffelstein Riesling Kabinett trocken bietet ein eher dezentes, aber vielschichtiges Bukett. Zunächst Gelb- und weißfruchtige Noten, die sich langsam und bestimmt auffalten. Birne, reifer Apfel, Banane und auch Zitrisches schafft sich jetzt Raum. Die Säure ist nervig, fein und jugendlich frisch. Am Gaumen wirkt der Wein ob seiner Jugend noch ein wenig verhalten. Insgesamt aber ein überzeugendes Beispiel dafür, was diese Lage hervorzubringen imstande ist.

Die Lage Reicholzheimer Satzenberg im Taubertal

Die 2009 Reicholzheimer Satzenberg Weißburgunder Spätlese trocken wiederum zeigt, weshalb diese Sorte für den Weißwein-Boom in deutschen Gläsern mitverantwortlich ist. Deutlich entströmt Fruchtsüße dem Glas, Aromen von Holunder, Birne, Melone und Rosinen erfüllen die Nase. Dabei erkauft sich der Wein diesen Süßeeindruck nicht mit hohem Restzucker, denn er ist international trocken. Der Wein beweist auch, dass niedriger Alkoholgehalt und trockene Ausbauweise einen Körper zustandebringen, der zwar nicht wuchtig und breit, aber eben in sich ausgewogen und kraftvoll ist. Ein Balletttänzer und kein Bodybuilder. Dieser Wein dürfte ein Speisebegleiter auf höchstem Niveau sein.

Auf die Frage, ob er sich denn nun für einen fränkischen, badischen oder gar Taubertaler Winzer halte, antwortete Spielmann pragmatisch. Man sei ein fränkisches Weingut mit Weinbergen in Baden. Nun, so ganz scheint die napoleonische Teilung dann doch nicht überwunden, aber die Weine sprechen ja eine eigene Sprache. Und die ist grenzenlos.