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Vergangenen Samstag, den 17.11.2011 konnten wir endlich mal raus aus unserem virtuellen Ghetto und feierten unsere erste dreizehn°-Weinparty mit echtem Wein und echten Menschen. In der elegant-schlichten Weinhandlung Bergwein im München begrüßten Kay (Kaeptn), Norbert und ich unsere Gäste. Darunter Tester und Testerinnen der ersten Stunde, ein bisschen Familie, ein paar Freunde und einige wein-neugierige Bekannte. Ein herzlicher Dank an dieser Stelle an die Inhaberin Claudia Schreiber, die die mit ihrem Kompagnon Johann Dietsch diese empfehlenswerte Örtlichkeit betreibt. Die beiden sind auf Südtiroler Weine spezialisiert, das Sortiment ist ausgezeichnet und hochwertig.
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Wie in den vergangenen Jahren auch fand die Vorstellung der prämierten Weine des italienischen Weinführers Gambero Rosso in München statt. Zum zweiten Mal beherbergte  das BMW-Museum die Veranstaltung. Nachdem im letzten Jahr ein (falscher) Bombenalarm für eine hektische Evakuierung aller Beteiligten gesorgt hatte, blieb es in dieser Hinsicht diesmal ruhig.

Enge Hosen am Verkostungsstand

Saftige Eintrittspreise (€ 30,- für reguläre, € 35,- für Fachbesucher) und der Verzicht auf eine Tageskasse hatten im Vorfeld für Irritationen gesorgt. Offenbar ist man in den Chefetagen des Weinführerkonzerns heftig entschlossen, sich den Ruf nach den unfeinen Auseinandersetzungen des letzten Jahres weiter zu ruinieren.

Die ersten beiden Stunden des neunstündigen Marathons waren allein den Fachbesuchern vorbehalten, bevor die Weinfreunde die Keller stürmen durften. Tatsächlich fand die Veranstaltung im Untergeschoß des BMW-Museums statt. In den glänzenden Karossen feiner Automobile spiegelten sich nun Weingläser und braungebrannte Weinbergsrepräsentanten. Weiterhin regieren dem Augenschein nach enge Hosen und knappe Sakkos die italienische Männermode. 120 Minuten für weit über 250 Weine, da bleibt nicht viel Zeit zum Reden, sollte man meinen, doch das Wichtige ist hier nicht der Wein, sondern das Reden.

Um meine Vorurteile gegenüber italienischem Weißwein abzubauen, widmete ich mich zunächst einem 2009, Vermentino Lunae Etichetta Nera, Colli di Luni DOC der Cantine Lunae Bosoni. In der Nase eine deutliche, aber filigrane Frucht. Reifer, eher weißer Pfirsich mit würzigen und kräutrigen Anklängen. Am Gaumen trocken und eine feine, aber milde Säure bei mittlerem Körper und mittlerer Länge. Der Abgang und das Mundgefühl leicht wärmend. Der Alkohol – 13,5% vol. laut Etikett – stand etwas auf zu Ungunsten der Frische.

Von Ligurien wanderte ich in die Emilia Romagna. Was sich hier einfach anhört, war schwierig genug, denn die Veranstaltungsleitung hatte auf einen Hallenplan verzichtet und so blieben nur die Ordnungsnummern der Stände als Orientierung, was bei über 140 Ständen in einem Gewirr aus Räumen eine Herausforderung war.

Dort kostete ich den 2008, Codronichio, Albana di Romagna secco DOCG der Fattoria Monticino Rosso. Der knorrige Herr in einer nicht zu engen Hose servierte schweigend. In der Nase rauchige, nussige Noten, wenig primärfruchtig. Am Gaumen feinster Gerbstoff und eine fruchtsüße Anmutung. Der Abgang wärmend. Auch hier veredelten 14% vol. das Geschmackserlebnis. Insgesamt ein irgendwie merkwürdiger, altmodischer wirkender Wein.

Vielleicht probiere ich doch mal etwas aus dem Norden Italiens, dachte ich und orientierte mich gen Südtirol. Beim letzten wirklichen Ausflug dorthin in die Nähe von Brixen hatte ich einige vorzügliche Exemplare vom Strasserhof – Hannes Baumgartner kosten können. Auch er hat zwar drei Gläser für seinen 2009, Grüner Veltliner, Eisacktaler DOC gewinnen können, doch nach München ist leider nicht gekommen.

Ich koste einen 2009, Movado, Gewürztraminer Südtirol DOC der Cantina Produttori Andriano. Die freundliche Frau Egarter Vigl am Stand gibt bereitwillig Auskunft. Das Sortiment gliedert sich in zwei Linien: die klassische und die Selektionen. Der Movado gehört in die Selektionsreihe, die Erträge liegen bei etwa 60 hl/ha und er ist 6 Monate im Stahl ausgebaut. In der Nase typisch und wie für diese Bukettrebsorte üblich, extrem üppig. Noten von Rosen und reifen gelben Früchten. Am Gaumen mild, kaum spürbare Säure, nicht ganz trocken anmutend. Auf Nachfrage betont Frau Egarter Vigl jedoch, dass er um die 4 Gramm Restzucker habe, also eigentlich trocken ist. Der Abgang ist wärmend, bei 15% vol eigentlich kein Wunder. Die Cantina ist 2008 von der Kellerei Terlan aufgekauft worden, die das Weinbergsmanagement übernommen und die Qualitätskriterien für die Weine verschärft hat. Auch der Kellermeister ist nun derselbe. Mit der Vereinigung der beiden Betriebe verfügt das Unternehmen jetzt nahezu über ein Weinbau-Monopol im Terlaner Gebiet.

Weiter südlich in der Nähe von Kurtatsch liegt hingegen das Weingut Tiefenbrunner – Castel Turmhof. Am Stand dieses Weingutes versuche ich ebenfalls einen Gewürztraminer, der „nur“ mit zwei Gläsern ausgezeichnet wurde, den 2009, Castel Turmhof, Gewürztraminer Südtirol DOC. Auch hier Rosen und gelbe Früchte, bei vollem Körper und etwas spürbarer Säure. Der Alkohol (14,5 % vol) ist auch hier merklich, doch finde ich diesen Wein wegen seiner Säurestruktur angenehmer als den Drei-Gläser-Wein aus Andriano. Das war nun wahrlich kein repräsentativer Schnitt durch die italienische Weißweinproduktion, aber was bleibt mir übrig, ein Fazit muss her: Bei allen störte mich der wärmende, alkoholische Eindruck am Gaumen.

Cacchiano-Repräsentant Herr Quick

Die Zeit für den Rotwein ist gekommen, denn langsam füllen sich die Katakomben und die Temperaturen steigen. Bevor die guten Tropfen Suppentemperatur erreichen, dringe ich in eines der Herzen des italienischen Weinbaus vor, das Chianti-Gebiet in der Toskana. Dort komme ich mit Herrn Quick (normal weite Anzughose) ins Gespräch, der hier ein Traditionsweingut repräsentiert: Castello di Cacchiano. Die 2006 Chianti Classico Riserva DOCG, die er hier vorstellt basiert auf extrem niedrigen Erträgen von etwa 35 hl/ha und streng selektioniertem Lesegut. Rebsorten sind vornehmlich Sangiovese mit einer Prise Canaiolo. Das Bukett ist komplex und ersteinmal zurückhaltend. Es mischt sich reife dunkle Frucht (Brombeere) mit frischer Frucht (rote Johannisbeere, Kirschen), hinzu kommt Würziges und Noten von Leder und Zedernholz. Der Gerbstoff und die Säure bilden ein kräftiges Skelett, um das herum die Aromen tanzen. Der Körper ist schlank, aber wohlausgebildet. Die Länge schön. Ein großartiger Wein, der ein wirklich gutes Essen verdient.

Während die meisten Kollegen bereits mit dem 2007er Jahrgang auf dem Markt sind, offeriert er erst den 2006er. Das ist, so Herr Quick, Politik des Hauses. Nur auf diese Weise und mit höchster Qualität könne man dem Anspruch „ein Klassiker unter den Klassiker zu sein“ genügen. Zwar verschließe man sich durchaus nicht den Neuerungen – über eine Umstellung auf Bio wurde nachgedacht, eine Mikrooxigenierungsanlage vor vier Jahren angeschafft – aber den Stil des Hauses werde man auf keinen Fall ändern.

Als Kontrast zu diesem traditionellen Chianti wandere ich ein paar Stände weiter, wo ich einen Chianti Classico moderner Machart probieren will. Der 2007, Castello di Brolio, Chianti Classico DOCG von Barone Ricasoli fließt dunkel, sehr dunkel ins Glas. Das Cuvee besteht hier aus Sangiovese, Cabernet Sauvignon und Merlot. Das erklärt die dunkle Farbe ebenso wie die deutliche dunkle Beerenfrucht im Bukett. Auch am Gaumen wirkt er weniger widerständig. Durchaus präsenter, aber weicher Gerbstoff und eine sehr geschmeidige Säure. Um einen Vergleich aus der Welt der Mode zu bemühen: Der Cacchiano ist ein maßgeschneidertes Jackett, das würdevoll zu tragen, Übung braucht, dann aber für viele Jahre treue Dienste leistet. Der Wein von Ricasoli hingegen ist eine Designerjacke, die zunächst klasse aussieht, aber schon in der nächsten Saison ihren Glanz verloren hat.

Die Raumtemperatur steigt weiter, zwar probiere ich noch den ein oder anderen Tropfen, doch letztlich sind die Weine nun zu warm für eine vernünftige Verkostung. Stattdessen tue ich das, was hier das wirklich Wichtige ist: reden. So erfahre ich, dass Wein-Blogger Michael Liebert (modische Cordhose) sich nach Kräften müht, Disparates zu einen. Nämlich Wein und Fußball. Zusammen mit einigen anderen Partnern betreibt er die Weinbar in der Münchner Allianz Arena.

Weinblogger und Weinbarpartner Michael Liebert

Mein Ex-Kollege aus TV-Senderzeiten, Weinjournalist Johannes Bucej (weite Hose), ist zwar inzwischen nicht mehr der Münchner Slow Food Vorsitzende, doch er betreut ein interessantes Projekt dieses unterstützenswerten Clubs, das sich „Städter werden Bauern“ nennt. Dabei können Interessenten Genussrechte an unterstützenswerten bäuerlichen Kleinbetrieben erwerben und erhalten die Zinsen für ihre Investition als Warengutschein. Sozusagen Eier für Kohle! Nach knapp dreißig Jahren treffe ich schließlich noch meinen alten Bekannten Herrn Mempel wieder (gut getragene Jeans), mit dem ich einst die gleiche Leidenschaft teilte. Nun teilen wir wieder eine, diesmal heißt sie Wein. Zusammen mit seinem Kompagnon betreibt er im Nebenerwerb eine Weinhandlung in Ottobrunn.

Nach viel heißem Wein eile ich in meiner weiten Cordhose zurück ins Büro, allerdings mit der U-Bahn und nicht in einem der schönen Autos. Die fühlen sich im BMW-Museum sicher wohler als die Weine.