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Das hier ist ein vinophiler Reisebericht, der keine ausführlichen Verkostnotizen und Weingutporträts enthält, sondern in dieser Hinsicht nur einen Kurzüberblick bietet. Die Detailinformationen folgen nach Weingut sortiert in den nächsten Wochen. Also immer mal wieder reinschauen.

Die Freiheit ruft! Ohne Frau und Kinder flitze ich in unserem Auto endlich mal ohne Kekskrümel, aber mit ordentlich lauter Musik (Daft Punk) von München aus Richtung Südwesten. Ich will ein paar Tage in Meersburg am Bodensee verbringen, mich dort erholen und ein paar Weine probieren. Es ist Donnerstagmittag. Am Nachmittag will ich Herrn Dr. Jürgen Dietrich treffen, den Direktor des Staatsweingutes Meersburg, der gleichzeitig Vorsitzender des BodenseeWein e.V. ist.

Als ich in Meersburg ankomme, bleibt noch Zeit, ein Hotel zu suchen. Ich möchte etwas Altmodisches ohne Wellness und mit Atmosphäre, am liebsten wie in Jacques Tatis bezauberndem Film „Die Ferien des Monsieur Hulot“ mit Schwingtüre (Uänggh!) zum Speisesaal. Das gibt es nicht (mehr). Noch ist Vorsaison, manches ist geschlossen, vieles schaut gruslig aus. Ich finde einen Kompromiss. Das Hotel Seehof.

Von außen schön bunt, innen zuviel Weiß (Foto © Otto Buchegger)

Von außen erkennt man noch den Charme der 50er Jahre und immerhin bewohne ich ein Zimmer zum Hafen mit tollem Blick und Balkon, auf dem ich rauchen kann. Die Einrichtung des Zimmers verschweige ich, alles sauber, alles weiß, alles nichts. Das ehemals zum Hotel gehörende Restaurant im Erdgeschoß ist nun ein italienisches Kaffeehaus, zum Frühstücken muss man in ein fußläufig gelegenes Hotel desselben Betreibers. Adieu Speisesaal.

Ein Treppenhaus, das einen an die Hand nimmt

Einzige Reminiszenz an die Jacques-Tati-Vergangenheit ist das Treppenhaus des Nachteinganges. Das ist zwar gefährlich laut Karl-Heinz, aber zu dem kommen wir noch.  Das Zimmermädchen ist noch nicht soweit, also deponiere ich mein Gepäck und gehe kurz etwas essen.

GrüßGottPizzaFantaServus! Muss auch mal sein. Mein Zimmer ist immer noch nicht fertig und ich stapfe etwas atemlos von der Unterstadt über eine Steinstiege in die Oberstadt. Von dort ist es nicht weit bis zum Staatsweingut Meersburg, das hochherrschaftlich über dem See thront.

Freundlich raschelt Herr Dietrich in vernünftiger, regenabweisender Jacke heran und nimmt mich mit auf eine kleine Tour durch Kelterhaus und Kellerei. Ich betrachte verzaubert die Maischeerhitzungsanlage, durch die hier alle Rotweine gejagt werden. Das bringt, laut Herrn Dietrich, mehr Farbtiefe, betont die Fruchtigkeit und verhindert unreife Gerbstoffe. Über eine lange, alte Steintreppe gelangen wir in den Fasskeller. Das Gebäude samt Keller wurde von den Fürstbischöfen von Konstanz erbaut. Mit der Säkularisation Anfang des 19. Jahrhunderts gelangte es in den Besitz des neugegründeten Großherzogtums Baden, bevor es nach Ende der Monarchie in Deutschland in Staatsbesitz überging. Heute ist das Bundesland Baden Württemberg der Eigentümer. Die Weißweine werden kühl vergoren, die Rotweine jenseits der Literqualitäten unterschiedlich lang in großen Holzfässern (Stück und Doppelstück) oder Barriquefässern ausgebaut.

Daran kommt man in Meersburg nicht vorbei: Das Staatsweingut

Aus dem Fasskeller bringt mich Herr Dietrich schließlich in sein Direktionszimmer, vorbei an der Ahnengalerie der ehemaligen Direktoren des Staatsweingutes. Herr Dietrichs Bild hängt dort noch nicht und „das soll auch eine Weile noch so bleiben“. Der Blick aus seinem Zimmer über den See ist traumhaft, fürs Interview nehme ich Platz an einem großen Holztisch mit meterlanger Eckbank.

Freund & Förderer des Seemüllers: Dr. Jürgen Dietrich

Bereitwillig gibt der Direktor Auskunft über das Staatsweingut und die Aktivitäten des BodenseeWein-Vereins. Ziel ist es, über Bereichs-, Länder- und Weinbaugebietsgrenzen hinweg, die Identität des Bodenseeweins zu stärken. Letztlich verbindet den badischen Winzer am Bodensee mehr mit seinen württembergischen und bayrischen Kollegen vor Ort als mit den badischen Kollegen im Kraichgau oder am Kaiserstuhl. Auch die Weine sind einander natürlich ähnlicher. Insbesondere der Müller Thurgau aus der Gegend, der „Seemüller“, wie Herr Dietrich ihn schmunzelnd nennt, gilt als Paradewein der Region. „Schlank, elegant, rieslingartig mit Aromen eines frisch angeschnitten, aber nicht grünen Apfels“, das sei für ihn der idealtypische Seemüller.

Endlich wieder mit einem Ideal und ein paar hilfreichen Tipps für meinen Aufenthalt ausgestattet, verabschiede ich mich und besuche nun den angenehm modernisierten Verkaufsraum. Dort verkoste ich die ersten, wenigen Müller-Thurgau des neuen Jahrgangs 2010, die bereits abgefüllt sind, und einige Spätburgunder-Rotweine aus 2008/9. Herauszuheben sind dabei zwei Weine: Der 2010 Meersburger Lerchenberg, Müller Thurgau, Qualitätswein trocken, Staatsweingut Meersburg überzeugt mit frischer und saftiger Art. Der 2008 Meersburger Rieschen, Spätburgunder Qualitätswein trocken, Staatsweingut Meersburg hingegen bietet für seine Preisklasse (ca. € 9,-) eine recht komplexe und seltene Aromatik.

Später folge ich einem Tipp aus dem Hause und esse im Seehotel Off zu Abend. Fast will ich rückwärts wieder aus der Tür, als ich im Inneren des Gastraumes stehe. Echter 80er-Jahre-Intercity-Style: Farblich dominiert Türkisgrün und blasses Lila bei brachialem Lichtdesign. Die Säulen der Frühstücksbuffettheke sind mit wellenartig-geformten Spiegeln verziert, flussartig mäandern Steinplatten vom Teppich gesäumt über den Fußboden. Man sitzt auf Korbstühlen mit Blumenpolstern und hat einen hervorragenden Blick in die Küche, weil es offenbar keine Küchentür gibt.

Der Service ist bemüht, schnauft aber ständig im Vorbeigehen, weil Gäste sich über eine lange Wartezeit beschweren. Ich bestelle Kalbsbäckle in St. Laurent-Sauce mit Gemüse und Rösti und dazu einen 2009 Spätburgunder trocken, Holzfass, Weingut Thomas Geiger. Fleisch und Gemüse finde ich prima, die Rösti hingegen sind eigentlich ein Kartoffelpuffer, weil sie aus rohen nicht aus gekochten Kartoffeln gemacht sind. Auch die Dicke des Fladens entspricht mit etwa einem Zentimeter eher einem Puffer. Der Wein mundet, Herr Geiger steht sowieso auf meiner Liste.

Mein Wunsch nach einem „kleinen“ Stück Käse für danach wird prompt erfüllt. Serviert wird mir ein faustgroßer Haufen aus gummiartigen Hartkäsewürfeln, angeblich Bergkäse, den ich mit einigen Zahnstochern bearbeiten soll. Ich tue was ich kann: „Lieber den Mage verrenkt als dem Wirt was gschenkt!“ und gehe beschwingt ob des Weines und erschüttert ob dieser Art von Gastronomie ins Hotel.

Wohnt dahinten die Freiheit?

Am folgenden Freitagmorgen genieße ich erstmal den Blick aus meinem Zimmer auf den See. Der entschädigt für vieles, das wissen natürlich auch die Hotelpächter. Dann packe ich mein Radl aus dem Kofferraum und breche zum Weingut Thomas Geiger auf, das oberhalb des Sees am Rande von Meersburg im Dorf Riedetsweiler liegt. Auf dem Weg dorthin fällt mir am Fahrrad die Kurbel samt Pedal ab. Schiebend und schwitzend erreiche ich seinen Hof.

Kein Fußballkumpel, sondern ein Mitarbeiter. Rechts Thomas Geiger.

Thomas Geiger birst vor Energie. Aus dem kleinen Hof seiner Eltern („Mit Glück gabs früher ab und zu mal eine Banane“) hat er ein florierendes Familienunternehmen gemacht: Weingut, eigene Ferienwohnungen, Schnapsbrennerei und Besenwirtschaft. Die Ehefrau hilft und hat zwei Boutiquen in Meersburg. Nebenher fährt er Motorradrennen oder absolviert Triathlonwettbewerbe. „Bloß keine Weinreisen,“ sagt er, “im Urlaub will ich abschalten“. Als kantiger und offener Charakter ist er fest in seiner Umgebung verwurzelt. Fanfarenzug und Fussballkumpels sind ihm wichtiger als das „Popolecken bei Weinkritikern“. Ich bin gespannt auf seine Weine, doch fürs Verkosten vorerst keine Zeit mehr. Thomas Geiger wirft mir ein paar frisch gefüllte Weine in den Rucksack, drischt mit einem Pflasterstein meine Kurbel samt Pedale wieder ans Fahrrad und drückt mir kräftig die Hand. Angesteckt von diesem Lebensmut sause ich hinunter an den See, wo mir die Kurbel erneut abfällt. In der heimischen Verkostung gefiel mir der 2010 Meersburger Fohrenberg, Müller Thurgau Kabinett trocken, Weingut Thomas Geiger wegen seiner frischen, unkomplizierten Art am besten. Ein perfekter Seemüller!

Am Abend besuche ich die Winzerstube Zum Becher im Herzen der Meersburger Oberstadt. Schon vor der Türe weckt das Gasthausschild Vorfreude. Die Leuchtstoffröhren als Beleuchtung für das altertümliche Schild veranschaulichen einen pragmatischen Zugang zur Kultur. Eben keine historisierende Retrofunzel.

Durchweg empfehlenswert. Keine Pommesbude.

Innen eine gemütliche alte Gaststube, dunkles Holz, weiße Tischdecken und eine höchst freundliche und sehr aufmerksame Bedienung. Es scheint als wärs die Wirtin selber gewesen. Ich wähle das kleine Menü und ergänze es um eine Fischvorspeise, dazu bestelle ich einen 2008, Hagnauer Burgstall, Grauburgunder Qualitätswein trocken, Winzerverein Hagnau. Um es kurz zu machen, alles ist wunderbar. Die Fischterrine fein, der Felchenrogen interessant, die Grießklößchensuppe heiß, die Poulardenbrust im rosa Pfefferrahm saftig, die Kräuternudeln duftig, das Dessert üppig. Vielleicht könnte der Münsterkäse, den ich zusätzlich bestelle, etwas reifer sein. Aber das trübt meinen großen Genuss ebensowenig wie sage und schreibe acht verschiedene, verzehrbare Deko-Elemente auf dem Nachtischteller (Braucht man wirklich schon Erdbeeren und Trauben um diese Jahreszeit?). Der Hagnauer Grauburgunder begleitete das Essen sehr angenehm. Ein bisschen hinkt der Gaumeneindruck der Nase hinterher, was bei dieser Rebsorte gerne mal passiert. Insgesamt wirkte der Wein nicht ganz ausgewogen. Der hohe Alkohol (13,5 vol), die deutlich spürbare Säure und der eher schlanke Körper standen nicht im idealsten Verhältnis zueinander. Dennoch zog ich beglückt von soviel guter Speis von dannen.

Auf der Suche nach einem Ort für einen letzten Dämmerschoppen erleide ich zunächst Schiffbruch. Um diese Jahreszeit, in der nicht einmal weinselige Touristen das nächtliche Stadtbild verschönern, wirkt Meersburg ausgestorben und ein wenig trostlos, trotz oder oder gerade wegen seiner altertümlichen Kulisse.

An den See, denke ich. Entlang der Promenade gehe ich, bis ich ein Lichtlein seh´. Es leuchtet in der kleinen Gaststätte der Minigolfanlage. Im Gastraum sind ein paar Freunde der Nacht versammelt, würfeln, trinken und reden. Bei einem Schoppen Müller-Thurgau des Winzerverein Hagnau komme ich ins Gespräch und erfahre doch einiges von Fährschiffer Joe, Allroundtalent Anja, Friseurin Klara und Weinküferlehrling Karl-Heinz. Letzterer hält mein Faible für das hölzerne Treppenhaus im Hotel für fatale Romantik: „Wenn das brennt, geht da kein Feuerwehrmann mehr rein“. Ich wechsele nun vernunfthalber zur Weinschorle, die von Wirt Rudi jedoch sehr wohlwollend interpretiert wird. Gegen Mitternacht finde ich den Weg ins Hotel. Friedvolle Dunkelheit umgibt mich im weichen, weißen Bett. Vereinzelt rufen Möwen. Warum aber dreht jemand das Hotel?

Frreundliche Frränkin am Bodensee: Krristin Krress

Der Samstag sieht mich früh um 10 Uhr vor dem Seegut Kress im benachbarten Hagnau. Die Inhaberin Frau Kress eilt mit einer Bäckertüte herbei und stellt mich im Verkostungsraum ab. Ich grüße sie freundlich von Direktor Dietrich, in dessen Verein dieses Weingut kein Mitglied ist. Frau Kress lächelt und bald klärt sie mich darüber auf, warum dem so ist. Vor zehn Jahren hatte sie mit ihrem Mann zusammen den Austritt aus der Hagnauer Winzergenossenschaft betrieben. Dieser Prozess lief nicht ohne Schwierigkeiten ab, weshalb man seither lieber an getrennten Tischen sitzt. Da der Winzerverein Mitglied im Bodenseewein-Verein ist, hat sich die Familie Kress gegen eine Mitgliedschaft entschieden.

Auch hier muss ich merken, dass mein Reisezeitpunkt ungünstig gewählt ist. Wie viele andere füllt das Seegut Kress erst in den nächsten Wochen den neuen Wein, so dass ich zunächst nur die Weißen aus 2009 probieren kann. Dieser Jahrgang war nicht unproblematisch, weil massiver Hagel die Erntemenge drastisch reduziert hatte. Auch Familie Kress hatte sich mit Zukäufen aus anderen Bereichen Badens behelfen müssen. Doch ich habe Glück, als Herr Kress mit einer Fassprobe des 2010 Weißburgunder trocken, Seegut Kress den Raum betritt. In der Nase dominiert frische Frucht mit Noten von Birne & Quitte. Dezente Anklänge auch von Gelbfruchtigem. Am Gaumen ist er trocken bei spürbarer Säure, schlankem Körper und mittlerer Länge. Er wirkt naturgemäß jugendlich, zeigt jedoch in seiner Frische bereits etwas von späterer Eleganz. Nachdem nun ein paar Kollegen aus der Gastronomie die Hütte stürmen und Frau Kress zusehends mit Beschlag belegen, trete ich den Rückzug an.

Der Nachmittag gerät unangenehm. In Japan haben Erdbeben und Tsunami weite Landstriche verwüstet. Kernkraftwerke in der Region sind dadurch beschädigt worden. Eine nukleare Katastrophe scheint unabwendbar. Das schlägt mich nieder. Gerne gebe ich zu, dass German angst mir nicht unbekannt ist. Schließlich raffe ich mich doch wieder auf, nachdem ich eigentlich alle Termine für den Tag abgesagt hatte. Mit einem neuen Mietradl, das viel zu klein ist, fahre ich zunächst zum Weingut Peter Krause. Nach kurzem Warten wird mir geöffnet, doch Herr Krause hat wenig anzubieten. Auch er füllt den 2010er Jahrgang erst in den nächsten Wochen. Ich fahre zum See hinunter, dessen Wasserstand niedrig ist. Hellgrauer, getrockneter Schlick überzieht die Steine am Ufer. Die wenig wärmende Sonne bleicht die davor liegenden Wolken. Der See schimmert grau. Mir ist kalt.

Warm wird mir erst wieder am Abend in der Winzerstube Zum Becher. Die mit einer Brätfarce gefüllte Kalbsbrust mit Spätzle schmeckt ausgezeichnet, der Spätburgunder trocken aus hauseigenen Parzellen im Meersburger Fohrenberg ist ordentlich.

Sonntagmorgen. Der Himmel ist bedeckt. Ich habe Großes vor. Am Mittag will ich im 30 Kilometer entfernten Langenargen eintreffen, wo ich den Vater meines Schwagers besuchen will. Das bedeutet zwei Stunden auf einem zu kleinen Fahrrad bei leichtem Gegenwind und unpassender Kleidung. Einziges Highlight auf dem Hinweg, die hochherrschaftliche Dampferanlegestelle von Schloss Friedrichshafen, das im Besitz des Hauses Württemberg ist. Auf dem Foto nicht zu sehen, ist eine Frau, die unweit des Steges auf einer Aussichtsparkbank im Gebüsch in einem Schlafsack liegt und sich wie ich eine Zigarette dreht.

Ein Steg, der einen großen Dampfer braucht oder gar keinen.

Das Etappenziel ist erreicht. Zusammen mit Herrmann gehe ich zum Schwedi, einem gutbürgerlichen Gasthaus mit Hotel, eine Institution direkt am See. Zum knusprig saftigen Felchen (Renke) Müllerin Art gibt es Salzkartoffeln und Salat, begleitet von einem Müller-Thurgau-Schoppen vom Hagnauer Winzerverein. Besser kann man Fisch nicht braten. Die  Bedienung ist resolut und durchdringend freundlich, nur die bedruckten Servietten nerven, weil man damit die Speisereste nur um den Mund herum verreiben kann, anstatt sie abzutupfen.

Was ist an diesem Denkmal merkwürdig? Ich komm nicht drauf.

Herrmann ist alt, er ist gläubiger Katholik und kennt sich gut in Geschichte aus. Wir unterhalten uns lange. Über den Glauben, die Geschichte, die Familie und den Kommerz. Man muss mehr mit solchen Leuten reden. Es tut gut und man kann etwas lernen. Nach einem Kaffee bei ihm zuhause, klebe ich ihm noch seine grüne Abgasplakette rechts oben an die Windschutzscheibe seines Autos, weil er da schlecht hinkommt. Dann gehts zurück. Vorbei am Friedrichshafener Zeppelinbrunnen, auf dem eine mopplige Putte mit Zeppelin im Arm steht.

Der Abend bricht herein und ich erinnere mich an meinen Abend in der Minigolfkneipe. Karl-Heinz hatte erzählt, dass heute Abend ein großes Feuer oberhalb der Weinberge in Meersburg entzündet würde, der sogenannte Funken. Mit Feuer scheint er sich auszukennen. Der Funken ist offenbar ein Brauch im schwäbisch-allemannischen Raum. Junge Männer bauen am Wochenende nach Aschermittwoch riesige Scheiterhaufen aus Holzpaletten und alten Christbäumen. Von Samstag auf Sonntag muss der Haufen bewacht werden, ähnlich wie im Bayerischen der Maibaum, damit er nicht von den konkurrierenden Nachbarn abgefackelt wird. Auf dem Haufen thront eine Art Figur, die Hexe. Am Sonntag wird dann bei Dunkelheit der Funken angezündet.

Meersburger Funken 2010: Teuflisch heißes Brauchtum

Fürs leibliche Wohl ist gesorgt. Heißer Apfelmost, Kuchen, Wurst und Bier. Hier gibts ausnahmsweise keinen Wein. Als ich eintreffe wird gerade vorgeglüht. Karl-Heinz sieht müde aus, Friseurin Klara bearbeitet heftig ihr Handy wie schon neulich Nacht, allein Allroundtalent Anja wirkt frisch und freundlich. Ich kaufe ihr eine Wurst und heißen Apfelmost ab, der im Abgang wärmend ist, hier ein durchaus gewünschter Effekt, denn langsam wird es kühl in der Abenddämmerung.

Euer 13° Blogger vor Ort

Die Spannung steigt. Vor dem großen Brand schleudern die jungen Burschen glühende Holzscheiben in den nächtlichen Weinberg hinab, die von Sprüchen begleitet werden. Eine Art Brauchtumstwitter, bei der Nachrichten versandt werden, für einen bestimmt, von allen gehört. Frauen können beeindruckt werden, Konkurrenten geschmäht. Inzwischen haben sich ein paar Hundert Zuschauer eingefunden. Dann bilden die Burschen einen Fackelkreis und es geht los. Feurio!

Beeindruckt vom haushohen Flammenmeer und herrlich durchgewärmt radle ich ins Hotel zurück.

Am nächsten Morgen packe ich meine Koffer und verlasse das Hotel. Kurz besuche ich den Meersburger Winzerverein, wo ich einen 2010 Meersburger Sängerhalde, Müller Thurgau Qualitätswein trocken probiere. Ich finde das Süße-Säurespiel wenig animierend, dieser Seemüller erinnert eher an ein schlecht aufgepumptes Schlauchboot als an eine lustige Segeljolle. Knackig frisch hingegen erscheint der 2010 “Spargel” Müller Thurgau Qualitäswein trocken des Winzervereins Hagnau. Die blumig-duftige Eleganz des Seemüllers vermisse ich zwar auch hier, doch da will der Wein, wie der Name “Spargel” schon sagt, gar nicht hin. Auch die Hagnauer füllen den Großteil des neuen Jahrgangs erst demnächst.

Im erstmals wärmenden Licht der Frühlingssonne trete ich den Heimweg an. Das schöne Jacques-Tati-Hotel habe ich nicht gefunden, es versteckt sich vielleicht nur woanders oder ist eine Illusion des Träumers. Das Hotel, das als Kulisse für den Film diente, gehört inzwischen zur Best-Western-Hotelkette.

Der Seemüller hingegen ist lebendig. Wegen hoher Erträge und leichter Kultivierbarkeit in den Folgejahren des Wirtschaftswunders hoch gepriesen, hat die Weinwelt den Müller Thurgau in den letzten 20 Jahren über die Maßen verdammt. Zügelt man jedoch seine Ertragsstärke, vinifiziert ihn sorgfältig und hält den Restzucker in Grenzen, gibt es für diese Schmähungen keinen Grund. Das beweisen besonders die Müller aus Franken und vom Bodensee. Die eher milde Säure der Rebsorte wird durch die Höhenlage der Weinberge am Bodensee ausgeglichen. Der See liegt auf knapp 400 Meter über Meereshöhe, die Weinberge können sich bis über 500 Meter erstrecken.  Nie sollte der Seemüller buttrig oder schwer sein, ein schlanker Körper zeichnet ihn aus. Das macht ihn ihn zu einem vielseitigen Speisebegleiter und einem dankbaren Solisten. Seine Struktur verlangt keine Nachreifung im Keller. Innerhalb der ersten Jahre zeigt er sein ganzes Potential. Der Seemüller kann also im besten Falle sanfte Frische mit einer blumig-duftigen Eleganz vereinen, die ihm das milde Seeklima schenkt. Und damit passt er in den Alltag und zur regionalen Küche erheblich besser als die meisten “großen” Weine von sonstwoher.

Wie in den vergangenen Jahren auch fand die Vorstellung der prämierten Weine des italienischen Weinführers Gambero Rosso in München statt. Zum zweiten Mal beherbergte  das BMW-Museum die Veranstaltung. Nachdem im letzten Jahr ein (falscher) Bombenalarm für eine hektische Evakuierung aller Beteiligten gesorgt hatte, blieb es in dieser Hinsicht diesmal ruhig.

Enge Hosen am Verkostungsstand

Saftige Eintrittspreise (€ 30,- für reguläre, € 35,- für Fachbesucher) und der Verzicht auf eine Tageskasse hatten im Vorfeld für Irritationen gesorgt. Offenbar ist man in den Chefetagen des Weinführerkonzerns heftig entschlossen, sich den Ruf nach den unfeinen Auseinandersetzungen des letzten Jahres weiter zu ruinieren.

Die ersten beiden Stunden des neunstündigen Marathons waren allein den Fachbesuchern vorbehalten, bevor die Weinfreunde die Keller stürmen durften. Tatsächlich fand die Veranstaltung im Untergeschoß des BMW-Museums statt. In den glänzenden Karossen feiner Automobile spiegelten sich nun Weingläser und braungebrannte Weinbergsrepräsentanten. Weiterhin regieren dem Augenschein nach enge Hosen und knappe Sakkos die italienische Männermode. 120 Minuten für weit über 250 Weine, da bleibt nicht viel Zeit zum Reden, sollte man meinen, doch das Wichtige ist hier nicht der Wein, sondern das Reden.

Um meine Vorurteile gegenüber italienischem Weißwein abzubauen, widmete ich mich zunächst einem 2009, Vermentino Lunae Etichetta Nera, Colli di Luni DOC der Cantine Lunae Bosoni. In der Nase eine deutliche, aber filigrane Frucht. Reifer, eher weißer Pfirsich mit würzigen und kräutrigen Anklängen. Am Gaumen trocken und eine feine, aber milde Säure bei mittlerem Körper und mittlerer Länge. Der Abgang und das Mundgefühl leicht wärmend. Der Alkohol – 13,5% vol. laut Etikett – stand etwas auf zu Ungunsten der Frische.

Von Ligurien wanderte ich in die Emilia Romagna. Was sich hier einfach anhört, war schwierig genug, denn die Veranstaltungsleitung hatte auf einen Hallenplan verzichtet und so blieben nur die Ordnungsnummern der Stände als Orientierung, was bei über 140 Ständen in einem Gewirr aus Räumen eine Herausforderung war.

Dort kostete ich den 2008, Codronichio, Albana di Romagna secco DOCG der Fattoria Monticino Rosso. Der knorrige Herr in einer nicht zu engen Hose servierte schweigend. In der Nase rauchige, nussige Noten, wenig primärfruchtig. Am Gaumen feinster Gerbstoff und eine fruchtsüße Anmutung. Der Abgang wärmend. Auch hier veredelten 14% vol. das Geschmackserlebnis. Insgesamt ein irgendwie merkwürdiger, altmodischer wirkender Wein.

Vielleicht probiere ich doch mal etwas aus dem Norden Italiens, dachte ich und orientierte mich gen Südtirol. Beim letzten wirklichen Ausflug dorthin in die Nähe von Brixen hatte ich einige vorzügliche Exemplare vom Strasserhof – Hannes Baumgartner kosten können. Auch er hat zwar drei Gläser für seinen 2009, Grüner Veltliner, Eisacktaler DOC gewinnen können, doch nach München ist leider nicht gekommen.

Ich koste einen 2009, Movado, Gewürztraminer Südtirol DOC der Cantina Produttori Andriano. Die freundliche Frau Egarter Vigl am Stand gibt bereitwillig Auskunft. Das Sortiment gliedert sich in zwei Linien: die klassische und die Selektionen. Der Movado gehört in die Selektionsreihe, die Erträge liegen bei etwa 60 hl/ha und er ist 6 Monate im Stahl ausgebaut. In der Nase typisch und wie für diese Bukettrebsorte üblich, extrem üppig. Noten von Rosen und reifen gelben Früchten. Am Gaumen mild, kaum spürbare Säure, nicht ganz trocken anmutend. Auf Nachfrage betont Frau Egarter Vigl jedoch, dass er um die 4 Gramm Restzucker habe, also eigentlich trocken ist. Der Abgang ist wärmend, bei 15% vol eigentlich kein Wunder. Die Cantina ist 2008 von der Kellerei Terlan aufgekauft worden, die das Weinbergsmanagement übernommen und die Qualitätskriterien für die Weine verschärft hat. Auch der Kellermeister ist nun derselbe. Mit der Vereinigung der beiden Betriebe verfügt das Unternehmen jetzt nahezu über ein Weinbau-Monopol im Terlaner Gebiet.

Weiter südlich in der Nähe von Kurtatsch liegt hingegen das Weingut Tiefenbrunner – Castel Turmhof. Am Stand dieses Weingutes versuche ich ebenfalls einen Gewürztraminer, der „nur“ mit zwei Gläsern ausgezeichnet wurde, den 2009, Castel Turmhof, Gewürztraminer Südtirol DOC. Auch hier Rosen und gelbe Früchte, bei vollem Körper und etwas spürbarer Säure. Der Alkohol (14,5 % vol) ist auch hier merklich, doch finde ich diesen Wein wegen seiner Säurestruktur angenehmer als den Drei-Gläser-Wein aus Andriano. Das war nun wahrlich kein repräsentativer Schnitt durch die italienische Weißweinproduktion, aber was bleibt mir übrig, ein Fazit muss her: Bei allen störte mich der wärmende, alkoholische Eindruck am Gaumen.

Cacchiano-Repräsentant Herr Quick

Die Zeit für den Rotwein ist gekommen, denn langsam füllen sich die Katakomben und die Temperaturen steigen. Bevor die guten Tropfen Suppentemperatur erreichen, dringe ich in eines der Herzen des italienischen Weinbaus vor, das Chianti-Gebiet in der Toskana. Dort komme ich mit Herrn Quick (normal weite Anzughose) ins Gespräch, der hier ein Traditionsweingut repräsentiert: Castello di Cacchiano. Die 2006 Chianti Classico Riserva DOCG, die er hier vorstellt basiert auf extrem niedrigen Erträgen von etwa 35 hl/ha und streng selektioniertem Lesegut. Rebsorten sind vornehmlich Sangiovese mit einer Prise Canaiolo. Das Bukett ist komplex und ersteinmal zurückhaltend. Es mischt sich reife dunkle Frucht (Brombeere) mit frischer Frucht (rote Johannisbeere, Kirschen), hinzu kommt Würziges und Noten von Leder und Zedernholz. Der Gerbstoff und die Säure bilden ein kräftiges Skelett, um das herum die Aromen tanzen. Der Körper ist schlank, aber wohlausgebildet. Die Länge schön. Ein großartiger Wein, der ein wirklich gutes Essen verdient.

Während die meisten Kollegen bereits mit dem 2007er Jahrgang auf dem Markt sind, offeriert er erst den 2006er. Das ist, so Herr Quick, Politik des Hauses. Nur auf diese Weise und mit höchster Qualität könne man dem Anspruch „ein Klassiker unter den Klassiker zu sein“ genügen. Zwar verschließe man sich durchaus nicht den Neuerungen – über eine Umstellung auf Bio wurde nachgedacht, eine Mikrooxigenierungsanlage vor vier Jahren angeschafft – aber den Stil des Hauses werde man auf keinen Fall ändern.

Als Kontrast zu diesem traditionellen Chianti wandere ich ein paar Stände weiter, wo ich einen Chianti Classico moderner Machart probieren will. Der 2007, Castello di Brolio, Chianti Classico DOCG von Barone Ricasoli fließt dunkel, sehr dunkel ins Glas. Das Cuvee besteht hier aus Sangiovese, Cabernet Sauvignon und Merlot. Das erklärt die dunkle Farbe ebenso wie die deutliche dunkle Beerenfrucht im Bukett. Auch am Gaumen wirkt er weniger widerständig. Durchaus präsenter, aber weicher Gerbstoff und eine sehr geschmeidige Säure. Um einen Vergleich aus der Welt der Mode zu bemühen: Der Cacchiano ist ein maßgeschneidertes Jackett, das würdevoll zu tragen, Übung braucht, dann aber für viele Jahre treue Dienste leistet. Der Wein von Ricasoli hingegen ist eine Designerjacke, die zunächst klasse aussieht, aber schon in der nächsten Saison ihren Glanz verloren hat.

Die Raumtemperatur steigt weiter, zwar probiere ich noch den ein oder anderen Tropfen, doch letztlich sind die Weine nun zu warm für eine vernünftige Verkostung. Stattdessen tue ich das, was hier das wirklich Wichtige ist: reden. So erfahre ich, dass Wein-Blogger Michael Liebert (modische Cordhose) sich nach Kräften müht, Disparates zu einen. Nämlich Wein und Fußball. Zusammen mit einigen anderen Partnern betreibt er die Weinbar in der Münchner Allianz Arena.

Weinblogger und Weinbarpartner Michael Liebert

Mein Ex-Kollege aus TV-Senderzeiten, Weinjournalist Johannes Bucej (weite Hose), ist zwar inzwischen nicht mehr der Münchner Slow Food Vorsitzende, doch er betreut ein interessantes Projekt dieses unterstützenswerten Clubs, das sich „Städter werden Bauern“ nennt. Dabei können Interessenten Genussrechte an unterstützenswerten bäuerlichen Kleinbetrieben erwerben und erhalten die Zinsen für ihre Investition als Warengutschein. Sozusagen Eier für Kohle! Nach knapp dreißig Jahren treffe ich schließlich noch meinen alten Bekannten Herrn Mempel wieder (gut getragene Jeans), mit dem ich einst die gleiche Leidenschaft teilte. Nun teilen wir wieder eine, diesmal heißt sie Wein. Zusammen mit seinem Kompagnon betreibt er im Nebenerwerb eine Weinhandlung in Ottobrunn.

Nach viel heißem Wein eile ich in meiner weiten Cordhose zurück ins Büro, allerdings mit der U-Bahn und nicht in einem der schönen Autos. Die fühlen sich im BMW-Museum sicher wohler als die Weine.

Endlich ist es soweit. Ein freies Wochenende fern der Heimat zusammen mit der Lebensgefährtin steht vor der Tür und das alles auch noch für umsonst (Geburtstagsgutschein!). Nach der Arbeit ab ins Auto und los gehts von München nach Langenlois im Kamptal in Niederösterreich. Dort wollen wir zwei Nächte im Loisiumhotel verbringen. Das designprämierte Haus, ein „Wine & Spa Resort“, verspricht uns „Weingenuss in einer völlig neuen Dimension für sie und ihn“. Das muss ausprobiert werden! Vor dem Elysium im Loisium serviert uns jedoch Väterchen Frost erst einmal eine nervige Autofahrt: Winterliche Strassenverhältnisse und ein Navi, das für Umwege sorgt, weil es nicht auf dem neuesten Stand ist. Egal, nur die Harten kommen in den Garten.

Elisium-Hotel © Elisium

Schließlich sind wir am Ziel. Das ultramoderne kubische Hotelgebäude, geplant vom US-Architekten Steven Holl und eröffnet im Jahr 2005, beeindruckt. An der Bar genehmigen wir uns einen Begrüßungsschluck: Der Poysecco, ein Perlwein vom Weingut Schuckert aus Poysdorf im Weinviertel, mundet vorzüglich, doch die anstrengende Arbeitswoche und Anfahrt kann auch er nur vorübergehend vergessen machen. Der Abend gerät also kurz, der Schlaf hingegen wohltuend lang. Wir hätten sogar noch bequemer schlafen können, bemerken wir anderntags. Das Hotel bietet auf Anfrage sogar den Luxus unterschiedlicher Matratzenfüllungen und -stärken an!

Beim reichhaltigen Frühstück, zu dem wir köstliche Aveda-Tees trinken, können wir durchs Fenster in 200 m Entfernung bereits unser späteres Ausflugsziel sehen: Das vom gleichen Architekten geplante und ebenso ansehnliche futuristische Gebäude, das die Loisium Weinwelt beherbergt. Erst einmal gönnen wir uns jedoch etwas Zeit im hoteleigenen Spa: Hier kommen Essenzen zur Anwendungen, welche die Kosmetikfirma Aveda extra für dieses Hotel entwickelt hat. Das Besondere: Die Produkte bestehen aus Traubenkernöl und Weintrauben. Das ist also der Weingenuss der neuen Dimension! Äußerlich gereinigt und innerlich entspannt besichtigen wir nun die Loisium Weinwelt, die am Ortseingang liegt und im Jahr 2003 eröffnet wurde.

Blick aus dem Hotel. Im Hintergrund die Weinwelt.

Eine zweistündige Tour beginnt. Mit dem Fahrstuhl geht es zunächst 10 Meter in die Tiefe. Nun befinden wir uns in einem Labyrinth aus unterirdischen Weinkellern der umliegenden Winzer, das über Jahrhunderte gewachsen ist. Ein farbenfrohes Wasserspiel in einem großen Gärtank empfängt uns. Hier beginnt die Audiotour, die auf sehr unterhaltsame Weise die Geschichte der Weinherstellung in der Region vermittelt. Wir erhalten Einblicke in die Weinwelt von früher, das Leben in den kleinen Winzerhäusern, die Lagerung der Weine und die Produktionsstätte des Weinguts Steininger. Auch die Lössböden als Grundlage für die Weine der Region bleiben nicht unerwähnt.

Lichtinstallation in einem Gang der Weinwelt

Ein langer Gang mit Lichtinstallationen führt uns zurück zum Ausgangspunkt, wo wir nun den Degustationsraum der Weinwelt betreten. Für unseren Eintrittsgutschein kosten wir gratis den 2009 Grüner Veltliner Kamptal DAC vom Weingut Steininger. Mit den neu gewonnenen Eindrücken schmeckt der Wein natürlich nochmal so gut. Der angeschlossene Verkaufsraum gab reichlich Anregung für spätere Einkäufe. Ein kleiner Spaziergang in die Stadt rundet den Ausflug ab.

Nach Kaffee & Kuchen und nachmittäglichem Saunabesuch freuen wir uns auf ein Abendessen à la carte im Hotelrestaurant, weil wir einem üppigen mehrgängigen Menü entgehen wollen. Der Sommelier empfiehlt ausnahmslos regionale Weine und alle überzeugen. Besonders gut gefiel uns der 2008 Muskateller Sekt vom Weingut Steininger zum Apéro. Er wird nach klassischer Champagner-Methode bereitet – die Rüttelpulte, die bei dieser Methode zum Einsatz kommen, hatten wir am Vormittag in der Weinwelt besichtigt. Ein 2009 Roter Kremsfelder (Cuvee aus Zweigelt & St. Laurent)) vom Weingut Eitzinger hingegen begleitet unseren Hauptgang so angenehm, dass wir uns entschließen anderntags davon ein paar Flaschen in der Weinwelt zu kaufen.

Die Abreise am nächsten Tag zögern wir etwas hinaus, zu entspannend und anregend zugleich war unser Aufenthalt. Doch schließlich müssen wir aufbrechen. Durch die bekannten Weinbauorte des Kamptals fahren wir gen Heimat. Schnee bedeckt die Hänge, auf denen die Weine gewachsen sind, die uns so gut geschmeckt haben. Und nicht nur uns. Als wir eine Woche später einem Freund den Roten Kremsfelder servieren, würdigt er seine mitgebrachte chilenische Rotweingranate keines Blickes mehr. Stattdessen sehen wir unsere mitgebrachten Vorräte rapide schwinden. Sieht so aus, als müssten wir wiederkommen!

Wenig weiß ich von Frau Zwickelstorfer und Herrn Bretz, als ich Freitagabend 10.12.2010 in die Weinhandlung Vinum Merum in München Thalkirchen stürme. Beide kommen aus Österreich, das ist so ziemlich das einzige, was ich weiß. Außerdem hatte ich im Hause der Herren Elbert und Scherer bereits einmal auf ihre Empfehlung einen 2003 Roter Berg von Jörg Bretz gekauft und getrunken. Er war mir als merkwürdig im Sinne von denkwürdig in Erinnerung geblieben. Ich erwarte also Österreich und bin erstaunt, als breitestes Hessisch durch die elegant-gemütlichen Räume tönen höre.

Jörg Bretz

Ich probiere zunächst zwei Sekte. Der Carnuntum Premium Brut „Carnuntinum“ von Zwickelstorfer gekeltert aus Weißburgunder duftet und schmeckt dezent nach Gelb- und Weißfruchtigem. Die Säure ist zurückhaltend mild. Deutlicher in der Frucht (Birne, Melone, Aprikose) ist der (2006) Weißburgunder Premium Extra Brut von Bretz, dessen längeres Hefelager sich auch in der Komplexität am Gaumen widerspiegelt. Nach klassischer Methode bereitet, ist auch er erstaunlich säuremild. Lange Lagerzeiten sind Jörg Bretz´ Credo. Keiner seiner Weine, der momentan im Verkauf ist, weist einen Jahrgang jünger als 2006 auf.

Als nächstes koste ich einen 2009 Pinot Blanc Zwickelstorfer. Reifer Apfel und Melone bei dezent spürbarer Säure und ordentlicher Länge. Ein erfrischender, mundiger Wein. Es folgt ein 2006 Weißer Berg von Jörg Bretz. Und hier ist es wieder, das Bretz-Moment: Merkwürdigkeit! Ade Primärfrucht, hallo Tertiäraromatik: Reife Birnen, welkes Laub und Unaussprechliches drängen sich am Gaumen bei Fülle und schöner Länge. Der dürfte vieles, darunter feinste Flussfische und Fischterrinen exzellent begleiten.

Doris Zwickelstorfer

Jetzt dränge ich mich mal zu Frau Zwickelstorfer hin und wechsle zum Rotwein. Der 2009 Zweigelt aus der Basislinie hält, was man sich von einem Einstiegswein verspricht. Knackige Frucht (Kirsche, rote Paprika) bei leichtem Gerbstoff und schönem Druck. Trinken, Reden, Trinken, Essen, Trinken. Der 2007 Steingarten Zweigelt ist nun schon im Fass ausgebaut. Wie Frau Doris betont, in gebrauchten Fässern, um keinen zu deutlichen Holzton zu erzeugen. Trotzdem spüre ich den für meinen Geschmack zu stark, die Frucht versteckt sich ängstlich dahinter. Gerne hätte sie dennoch mehr Holzfässer im heimischen Betrieb und berichtet mit viel Charme von den Herausforderungen, welche die Übernahme des Betriebes vom Vater mit sich brachte. Die traditionellen Techniken (offene Maischegärung, Holzfässer, Spontangärung) ließen ihm bei den ersten Kellerbesuchen die Haare zu Berge stehen. Inzwischen steht auch er hinter den gleichermaßen traditionellen und naturnahen Methoden seiner Kinder.

Ich probiere nun den 2002 Blauburgunder von Bretz und seinen 2003 Roter Berg. Anders als beim Weißwein überzeugt mich die Weinphilosophie hier nicht in dem Maße. Immer ist zwar die Säure feinnervig, der Gerbstoff weich, ohne schlaff zu sein, und Druck und Länge stimmen, aber die Frucht ist mir doch zu reif und wenig differenziert. Als Spätburgunderfreund vermisse ich die Typizität der Rebsorte und falle hier natürlich genau in die Falle. Denn Jörg Bretz ist beinharter Verfechter des Terroirgedankens, auch wenn ihn diese Begriffe nicht interessieren. Aber anders als beim Cuvee Roter Berg steht beim Blauburgunder eben auch Blauburgunder drauf, insofern erwarte ich dann doch einen gewissen Wiedererkennungseffekt.

Gut gepflegt. Der Hohe Weg von Zwickelstorfer.

Als Abschluss kredenzt Frau Doris mir ihren 2004 Hoher Weg Zweigelt. Sie schwärmt von diesem Jahr, als einem der besten. Ein Barrique-ausgebauter Lagenwein aus Rebstöcken mit einem Mindestalter von 40 Jahren (manche noch viel älter) mit einem geringen Hektarertrag (4000kg/ha), bei dem eine Partie sogar fußgestampft wird. Dass solch sanfte Erziehungsmethoden einen derart aufrechten Charakter erbringen können, erfreut das Herz des Weinfreundes wie des Vaters: Würzige, frische, druckvolle Frucht (Kirsche, Waldbeeren) prägen das noch junge Antlitz des Hohen Weg. In seinem Gerbstoff liegt Kraft, seine Säure verleiht ihm Saftigkeit. In seinen besten Jahren, die noch vor ihm liegen, wird er den Vergleich mit anderen Weinen vermeintlich vornehmerer Provenienz in keiner Weise fürchten müssen. Dafür hat auch seine Mutter gesorgt. Danke Frau Doris!